2.7 C
Rottweil
Mittwoch, 19. Februar 2020

Kretschmann: Zusammenraufen und Stärke zeigen

IHK Neujahrstreff wieder sehr gut besucht

REGION (him) –  Beim 22. Neujahrsempfang der IHK in der Schwenninger Messehalle war  Ministerpräsident Winfried Kretschmann der Festredner. Er lobte die „rührige und hell wache IHK“ und warnte vor einem „Rückfall in den Nationalismus“.

Zunächst hatte IHK-Präsident Dieter Teufel vor Pessimismus gewarnt: „Deutschland, Baden-Württemberg und auch unsere Industrieregion Schwarzwald-Baar-Heuberg können heute von einer nachhaltig guten Wirtschaftslage sprechen. Die Unternehmen erfreuen sich einer guten bis sehr guten Auftragslage.

Teufel sieht drei Herausforderungen für die Region, den Fachkräftemangel und Bildung im ländlichen Raum, die Digitalisierung und Industrie 4.0 sowie die Elektromobilität und Zulieferindustrie. Als einen weg, um den Fachkräftemangel zu beheben sah Teufel die Aufwertung der dualen Ausbildung: „Lehre und anschließende Weiterbildung müssen in unseren Köpfen endlich als gleichberechtigter Bildungsweg neben der Hochschule anerkannt werden.“

Die digitale Transformation  werde ähnlich wie frühere Umwälzungen die Arbeit verändern. Aber nicht abschaffen. Sorgen bereitet Teufel die E-Mobilität, denn die heimischen Zulieferer seien stark vom traditionellen Automobilbau abhängig. „Es wäre fatal, sich ausschließlich auf die Elektromobilität zu konzentrieren.“

Schließlich kritisierte Teufel die Bundeskanzlerin, weil sie  in ihrer Neujahrsansprache „die wichtige Rolle des Mittelstands und der Mittelschicht hat sie leider mit keinem Wort erwähnt“ habe. Diejenigen, „die morgens zur Arbeit gehen, abends müde nach Hause kommen, sich um ihre Familie kümmern, möglicherweise in Vereinen aktiv sind und nebenbei ihr Reihenhäuschen abzahlen“, seien „die leider völlig unbeachteten Helden des Alltags“.

Die Stunde Europas

Kretschmann begann mit einem Blick auf die neue US-Regierung. Eine Abkehr vom Freihandel könne ein wirtschaftliches Strohfeuer auslösen. „Aber hinterher wird‘s umso kälter.“  Nun sei die Stunde Europas. „Wir müssen uns zusammenraufen und Stärke zeigen“, forderte der Grünen-Politiker.

Erfolgsfaktoren der Vergangenheit seien  die internationale Kooperation, regelbasierte Zusammenarbeit und der freie Handel  gewesen. „Das ist die Grundlage unseres Geschäftsmodells.“ Am Ende profitierten alle davon, ist Kretschmann überzeugt. Denn:
„Wir liefern keine Besen für die Kehrwoch‘ oder sonst einen Kruscht, den keiner braucht.“

Mit Spitzenprodukten aus dem Land, die oft gar nicht ersetzt werden könnten, könnten Unternehmen in andren Ländern ihrerseits produktiver werden. „Wir müssen deshalb alles Erdenkliche tun, um diese Errungenschaften zu schützen“, so Kretschmann.

Ohne den neuen US-Präsidenten beim Namen zu nennen, meinte er unter dem Beifall der etwa 2500 Gästen aus der Wirtschaft: „Die USA habe es schon aus ganz anderen Krisen geschafft – und sie werden auch aus dieser Krise herauskommen.“

Gelassen bleiben

Auf die Region bezogen hob Teufel den Aufzugstestturm hervor und spöttelte: „Als die den Rottweiler gesagt haben: ‚Ihr dürft kostenlos auf die Plattform rauf‘, da haben die zugestimmt.“  Er lobte den Medizincluster in Tuttlingen, den es schon lange vor diesem Begriff gegeben habe. Das Schwarzwald-Baar-Klinikum in Villingen-Schwenningen stehe für die Zukunft der Medizin, in der die Digitalisierung ebenfalls Einzug halte.

Kretschmann forderte die Unternehmer auf, die künstliche Intelligenz und deren Chancen zu erkennen und sich am „Cyber Valley-Projekt“ der Landesregierung zu beteiligen. Er lobte die Duale Bildung und kündigte an, dass sich die Kultusministerin ganz im Sinne Teufels für die Gleichwertigkeit der beruflichen und der akademischen Bildung einsetzen werde. Was allerdings die gleichwertige Bezahlung angehe, da seien die Arbeitgeber am Zug, konnte er sich eine kleine Spitze nicht verkneifen.

Etwas anders als IHK-Präsident Teufel sieht Kretschmann die Elektromobilität. Hier strenge sich China besonders an. Zum einen wegen der extremen Luftverschmutzung:„Weil die auch der kommunistische Funktionär einatmen muss, wird er da hellhörig.“ Zum anderen, weil sich die Chinesen hier  einen technologischen Vorsprung  zu erkämpfen hoffen, den sie bei Verbrennungsmotoren nicht geschafft hätten.

Es sei wichtig für das Land, hier „weiter Spitze zu bleiben“. Es gelte diesen Transformationsprozess so zu gestalten, dass der Klimaschutz beachtet und die Wertschöpfung im Lande bleibe: „Wer, wenn nicht wir, kann das hinbekommen?“

Am Ende seines Auftrittes kam Kretschmann noch einmal auf die Weltpolitik und insbesondere die USA zu sprechen. Er riet seinen Zuhörern gelassen zu bleiben: „Wir haben schon ganz andere Sachen überstanden.“

 

Mehr auf NRWZ.de