Da geht einem die Düse. Da mischt sich gleich ein schlech­tes Gewis­sen in den Schreck – wenn einem ein Anwalts­schrei­ben ins Haus flat­tert, eines mit einer drei­stel­li­gen Geld­for­de­rung. „Hab‘ ich doch mal was nicht bezahlt?“ Kuri­os wird es, wenn der mah­nen­de Anwalt kei­ne Unter­la­gen vor­le­gen kann oder will. Droht den­noch die Voll­stre­ckung?

Einem Ehe­paar aus Rott­weil ist das vor ein paar Wochen pas­siert. Ein Anwalt Schus­ter*  for­der­te in  recht rüdem Ton Anton Mül­ler* auf, Mül­ler sol­le eine „For­de­rung der Monu­men­tal Inkas­so über 861,20 Euro“ beglei­chen. Das habe er bis­her ver­säumt, „trotz des rechts­kräf­ti­gen Voll­stre­ckungs­ti­tels und der bis­he­ri­gen diver­sen Zah­lungs­auf­for­de­run­gen“.

Nun dro­he eine Kon­to­pfän­dung. „Die­se für Sie sehr unan­ge­neh­me und mit Kos­ten ver­bun­de­ne Maß­nah­me“ kön­ne Mül­ler durch „eine sofor­ti­ge Zah­lung der aus­ste­hen­den For­de­rung auf das genann­te Kon­to ver­mei­den“. Ange­ge­ben sind eine Ver­trags­num­mer und eine Zif­fer eines Voll­stre­ckungs­be­scheids des Amts­ge­richts Hün­feld. Das Amts­ge­richt einer Klein­stadt nahe Frank­furt ist zustän­dig für alle Mahn­ver­fah­ren, bei denen der Antrag­stel­ler sei­nen Sitz in Hes­sen hat. Im Schrei­ben ist eine „Monu­men­tal Inkas­so”* als die­je­ni­ge ange­ge­ben, die die For­de­rung erhe­be. Da die Monu­men­tal Inkas­so ihren Sitz in Frank­furt hat, wür­de das pas­sen.

Fami­lie Mül­ler ver­steht die Welt nicht mehr: „Wir haben noch nie eine Zah­lungs­auf­for­de­rung geschwei­ge ein gericht­li­ches Anschrei­ben bekom­men“, schreibt Ger­da Mül­ler* der NRWZ und ver­mu­tet, dass das Gan­ze ein Betrug sei. Denn auch im Anwalts­schrei­ben steht nicht, wem sie denn irgend­et­was schul­dig geblie­ben sein sol­len.

Das Schrei­ben klingt bedroh­lich.…

Im Inter­net fin­det sich sowohl die Monu­men­tal Inkas­so als auch die Anwalts­kanz­lei Klotz, Schus­ter, Flie­der”* kurz KSF. Bei­de haben sehr schön auf­ge­mach­te Home­pages. „Lösun­gen für den gesam­ten Zah­lungs­pro­zess“ bie­tet Monu­men­tal da an, und KSF ste­he „für effek­ti­ves und lösungs­ori­en­tier­tes For­de­rungs­ma­nage­ment“, heißt es.

Doch zu bei­den Unter­neh­men fin­den sich auch Ein­trä­ge auf Ver­brau­cher­schutz­por­ta­len. Immer wie­der berich­ten Leu­te, denen es  ging wie den Mül­lers: Sie hät­ten Schrei­ben der Kanz­lei KSF bekom­men. Dem­nach ste­he eine Rech­nung von mehr als 800 Euro offen. „Wie gehe ich wei­ter vor?“, heißt es da zum Bei­spiel.  Auf „Verbraucherschutz.de“ schreibt einer zu Klotz Schus­ter Bar­tels, dass deren Unter­neh­mens­zweck wohl der Betrug sei. Er habe zu kei­ner Zeit Ver­trä­ge mit der  im Anwalts­schrei­ben genann­ten Ver­si­che­rungs AG abge­schlos­sen, sol­le den­noch For­de­run­gen von meh­re­ren hun­dert Euro beglei­chen. Zuzüg­lich Mahn­ge­büh­ren und Anwalts­kos­ten. Er habe zudem umge­hend, inner­halb 24 Stun­den zu reagie­ren. Doch aus der Kanz­lei sei nie­mand ans Tele­fon zu bekom­men.

In einem Forum eines Tele­fon­an­bie­ters liest man von jeman­dem, der eben­falls eine Mah­nung der Kanz­lei „Klotz, Schus­ter, Flie­der” erhal­ten habe. Dar­in ste­he, dass sie im Namen des Tele­fon­an­bie­ters han­del­ten. Knapp hun­dert Euro wer­den ver­klangt. Und man neh­me Bezug „auf die bereits geführ­te Kor­re­spon­denz.” An die kann sich der Beschwer­de­füh­rer aber gar nicht erin­nern.

Wenn man nach Monu­men­tal  Inkas­so forscht, poppt eben­falls gleich der Begriff Betrug hoch. Da gebe es Anfra­gen von Lesern, wel­che die Monu­men­tal und die Bahn AG betref­fen:  Immer wie­der wür­den ver­meint­lich bestehen­de Ver­trä­ge ange­mahnt. Die Betrof­fe­nen beteu­ern dage­gen, kei­ne sol­chen Ver­trä­ge abge­schlos­sen zu haben. Auf einem Recht­s­por­tal  berich­tet ein Fra­ge­stel­ler, der ein Monu­men­tal-Schrei­ben erhal­ten haben will, er habe  wohl 2011 eine Necker­mann-Rech­nung nicht begli­chen.

Das  schon lan­ge nicht mehr exis­tie­ren­de Ver­sand­haus kommt in dem Zusam­men­hang häu­fi­ger vor. Einer berich­tet, er habe „heu­te einen Brief von ‚Monu­men­tal Inkas­so‘ erhal­ten.” Dar­in ste­he, dass noch eine Zah­lung offen sei. Mehr als tau­send Euro sei­en zu über­wei­sen. „Ich habe nie­mals etwas bei Necker­mann bestellt”, ist sich der Rat­su­chen­de aller­dings sicher. Er habe auch nie eine Rech­nung oder der­glei­chen erhal­ten.

Zur Zeit sind alle Mitarbeiter im Gespräch …“

Um her­aus­zu­fin­den, wie die Anwalts­kanz­lei KSF arbei­tet, rufen wir in deren Büro an – und lan­den in der War­te­schlei­fe „Plea­se hold the line …“ – „Zur Zeit sind alle Mit­ar­bei­ter im Gespräch …“ Nach knapp zehn Minu­ten geben wir auf. Ein zwei­ter Ver­such beginnt eben­falls mit län­ge­rem Auf­ent­halt in der War­te­schlei­fe. Dann eine Dame: „Pres­se­aus­künf­te geben wir nicht.“ Aus­kunft zu einer bestimm­ten Fall­num­mer: „Nur mit schrift­li­cher Voll­macht.“ – Die Mül­lers sagen, es gebe kei­ner­lei Zah­lungs­auf­for­de­rung oder Schrift­ver­kehr mit Ihnen.“ – „Ich wün­sche Ihnen noch einen schö­nen Tag.“ Gespräch been­det.

Auch die Mül­lers haben es direkt ver­sucht: Als Anton Mül­ler bei Klotz Schus­ter Flie­der anrief, bekam er nach sei­nen Anga­ben nur die Aus­kunft, dass noch eine For­de­rung von 2004 eines Ver­sand­hau­ses offen sei. Um was es sich da aber han­delt, konn­te man ihm nicht sagen. Gefragt, wo denn die angeb­li­chen Zah­lungs­auf­for­de­run­gen und die Mahn­be­schei­de geblie­ben sei­en, habe der Ver­tre­ter der Kanz­lei erklärt, „sie kauf­ten die Titel der Monu­men­tal Inkas­so ab und hät­ten sonst kei­ne Ori­gi­na­le“, berich­tet Ger­da Mül­ler, und fin­det das höchst merk­wür­dig. „Wir haben Wider­spruch ein­ge­legt, mal sehen was dann pas­siert“, sagt sie der NRWZ.

Die Mül­lers ver­mu­ten, dass die Kanz­lei und das Inkas­so­bü­ro sich mit ihren Schrei­ben eine bestimm­te Ziel­grup­pe aus­su­chen, die leicht zu ver­un­si­chern ist: Per­so­nen, die schon mal was mit Schul­den zu tun hat­ten oder haben, oder älte­re Men­schen, die schon ein wenig ver­gess­lich sind und dann gleich bezah­len, um kei­nen Ärger zu haben.

Ich habe das bei mei­nem Mann gemerkt“, berich­tet Ger­da Mül­ler, „als er 2004 hör­te, sag­te er: ‚Viel­leicht habe ich da was ver­ges­sen.‘“ Ger­da Mül­ler ist sich sicher, dass ihr Mann dort nie etwas bestellt hat, aber „mit der Masche der Ver­un­si­che­rung arbei­ten die“. Ger­da Mül­ler hat sich noch im Janu­ar schrift­lich an die Anwalts­kanz­lei gewandt und Wider­spruch ein­ge­legt: „Seit dem Wider­spruch habe ich auch nichts mehr gehört. Ich hof­fe, es bleibt auch so.“

Was sagen die Experten?

Wenn man ein sol­ches Inkas­so­schrei­ben bekommt, soll­te man in den meis­ten Fäl­len reagie­ren, rät Oli­ver But­tler, Abtei­lungs­lei­ter Tele­kom­mu­ni­ka­ti­on, Inter­net, Ver­brau­cher­recht bei der Ver­brau­cher­zen­tra­le Baden-Würt­tem­berg. Zunächst soll­te man sich selbst prü­fen: Ist die For­de­rung berech­tigt, habe ich tat­säch­lich offe­ne Rech­nun­gen? Oder ist sie wie im Fall der Mül­lers womög­lich nicht seri­ös? Man kann über das Inter­net prü­fen, ob die Inkas­so­fir­ma eine amt­li­che Zulas­sung hat. Hat sie kei­ne, dann han­delt es sich mut­maß­lich um ein „schwar­zes Schaf“. Monu­men­tal aller­dings ist regis­triert, eigent­lich also seri­ös. But­tler rät dann, schrift­lich zu wider­spre­chen und Unter­la­gen anzu­for­dern, die bewei­sen, dass man wirk­lich Geld schul­dig ist. „Dann ist meist Ruhe.”

Im Fall der Mül­lers sind Ver­brau­cher­schüt­zer But­tler gleich meh­re­re Din­ge auf­ge­fal­len, etwa „dass ein rechts­kräf­ti­ger Voll­stre­ckungs­ti­tel per Inkas­so ein­ge­for­dert wer­den soll. Dies ist unsin­nig, da ein rechts­kräf­ti­ger Titel das Recht gibt, direkt Ver­mö­gen zu pfän­den.“ Inkas­so erfol­ge  immer vor dem Voll­stre­ckungs­ti­tel. Inso­fern ver­such­ten die Anwäl­te bewusst zu ver­un­si­chern, was durch  den Hin­weis „rechts­kräf­ti­ger Voll­stre­ckungs­ti­tel“ meist Wir­kung zei­ge, so But­tler. „Ein Voll­stre­ckungs­ti­tel muss zuge­stellt wer­den. Das war ja hier nicht der Fall.“ Schon des­halb könn­ten sich die Mül­lers beru­higt zurück­leh­nen. Auch dass die angeb­li­che For­de­rung aus dem Jahr 2004 stam­me, zei­ge, dass da etwas faul ist. Ansprü­che aus einer sol­chen Bestel­lung ver­jäh­ren nach drei  Jah­ren. „Sie kön­nen das guten Gewis­sens ein­fach abhef­ten“.

Etwas anders sieht Rechts­an­walt Dr. Rüdi­ger Sup­pé, Geschäfts­füh­rer bei der Anwalts­kam­mer Bran­den­burg, die Lage. Zwar ken­ne er den kon­kre­ten Fall nicht, das Schrei­ben der Bran­den­bur­ger Kanz­lei KSF sei aber „völ­lig unpro­ble­ma­tisch“. Der Anwalt kön­ne, müs­se aber die Bele­ge nicht vor­le­gen. Wenn der Brief­emp­fän­ger Wider­spruch ein­le­ge, müs­se der Anwalt aller­dings nach­wei­sen, dass die For­de­rung berech­tigt ist.

Den Hin­weis, dass im Zusam­men­hang mit der Kanz­lei „Klotz, Schus­ter, Flie­der” als ers­tes  der Begriff „Betrug“ auf­poppt, lässt Sup­pé nicht gel­ten: „Betrug wäre es nur, wenn die Kanz­lei von vorn­her­ein weiß, dass es die For­de­rung nicht gibt.“ Wenn ein Inkas­so­bü­ro eine sol­che Uralt­lis­te mit Schul­den wei­ter ver­kauft, woher soll die Kanz­lei ahnen, dass die Ver­jäh­rung wirk­lich schon ein­ge­tre­ten ist?

Auch mit dem Berufs­ethos eines Anwalts sei das Vor­ge­hen der Kanz­lei KSF ver­ein­bar. „Der Anwalt ist ein Rechts­be­ra­ter, kein Detek­tiv.“ Wenn ein mut­maß­li­cher Schuld­ner nicht zahlt, dann muss der Anwalt sei­ne For­de­rung beim Gericht anmel­den. „Dann wird geprüft.“ Umge­kehrt kann man gegen einen Mahn­be­scheid oder einen Voll­stre­ckungs­be­scheid Wider­spruch ein­le­gen. Auch dann muss ein Gericht  prü­fen, und der Gläu­bi­ger bewei­sen, dass sei­ne For­de­rung berech­tigt ist.

*Alle Namen von der Redak­ti­on geän­dert.