Waldesruh‘ vs. Motorenlärm: „Schwarzwald braucht Lärm-Umweltzonen“

Waldesruh‘ vs. Motorenlärm: „Schwarzwald braucht Lärm-Umweltzonen“

Die Lärmbelastung durch den motorisierten Ausflugsverkehr insbesondere in den landschaftlich reizvollen Mittelgebirgslandschaften mit ihren kurvenreichen Straßenführungen bilde ein immer drängender werdendes Problem. Der Initiative Motorradlärm der Landesregierung von Baden-Württemberg seien mittlerweile etwa 160 Gebietskörperschaften beigetreten. Im Rahmen einer Online-Konferenz am Donnerstagabend diskutierten laut Pressemitteilung des Naturpark Schwarzwald Mitte/Nord etwa 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Man habe „über den Stand der Dinge berichtet und Lösungswege aufgezeigt“. Weiter heißt es:

Im Schwarzwald prallen sie besonders häufig aufeinander, die Welt der Anwohnerinnen und Anwohner sowie Naturfans auf der einen Seite und die Welt der Motorradfahrenden und Auto-Poser auf der anderen. Die Einen suchen die Waldesruhe, freuen sich über das Vogelgezwitscher im eigenen Garten oder suchen Erholung bei einer Wanderung, die Anderen lieben die rasante Fahrt über die kurvenreichen Strecken durch die reizvolle Landschaft, verbreiten dabei aber eine Schallwelle um sich herum, der man sich nicht entziehen kann. Doch wo endet die Freiheit der Einen und beginnt die Unversehrtheit der Anderen? Warum darf man am Sonntag, diesem Tag, der doch der Erholung dienen soll, zwar nicht seinen Rasen mähen, muss aber den Lärm mancher Motorräder oder auch Autos ertragen?

Lärm oder Sound?

Dass es nicht nur um vereinzelte „schwarze Schafe“ geht, gestehen viele Motorradfahrende selbst ein: „Das ist kein Lärm, sondern Sound, und der gehört dazu – egal wie laut!“, sagen 42 Prozent der Biker – und sind dabei durch den Helm doch recht effektiv gegen den „Sound“ der eigenen Maschine abgeschirmt. Doch Lärm kann krank machen, Stress hervorrufen und den Aufenthalt im Freien verleiden. Deshalb gibt es die vom Lärmschutzbeauftragten der Landesregierung, Thomas Marwein, etablierte „Initiative Motorradlärm“, der mittlerweile etwa 160 Gebietskörperschaften – darunter fast der gesamte Schwarzwald – beigetreten sind. Die Initiative repräsentiert etwa ein Viertel der Bevölkerung von Baden-Württemberg, was verdeutlicht, dass es sich bei der Lärmbelastung keineswegs um ein Randgruppenproblem handelt.

Auf Einladung der Umweltakademie des Landes gemeinsam mit beiden Naturparken im Schwarzwald, dem Nationalpark, dem Biosphärengebiet, dem Schwarzwaldverein und dem Naturschutzzentrum Südschwarzwald fand am Donnerstagabend eine Online-Veranstaltung statt, in der über den aktuellen Sachstand berichtet und gemeinsam mit insgesamt etwa 200 Teilnehmenden nach weiterführenden Lösungswegen gesucht wurde. Wichtig war den veranstaltenden Organisationen dabei insbesondere, dass alle Seiten zu Wort kamen und ihre Standpunkte darstellen konnten.

Stefan Büchner vom Naturschutzzentrum erinnerte eingangs an die sehr erfolgreiche Auftaktveranstaltung im Mai 2019 in Bernau und führte in die Problemstellung ein. Anhand einer Karte mit beliebten Fahrtstrecken durch den Südschwarzwald machte er deutlich, wie wenig unverlärmte Landschaft übrig bleibt, wenn die Reichweite des „Sounds“ zugrunde gelegt wird.

Kein generelles Motorradverbot, aber Schutz vor unnötigem Lärm

Thomas Marwein versuchte sich am Spagat, gleichzeitig politische Hebel zu bewegen und an die Vernunft der Biker zu appellieren: „Es geht um unnötigen Lärm, aber mitnichten um ein generelles Motorradfahrverbot. Extremer Lärm ist nach dem heutigen Stand der Technik ohne Weiteres vermeidbar und laut Straßenverkehrsordnung ohnehin nicht erlaubt. Künstlich erzeugte Fehlzündungen oder Schalter, die den Auspuffsound extra laut machen, gehören grundsätzlich verboten.“

Das Land habe drei der neu entwickelten Lärmdisplays angeschafft, um zunächst einmal Grundlagendaten zu erfassen. Erfreulicherweise habe sich gezeigt, dass gerade die besonders lauten Motorräder nach dem Vorbeifahren an einem Display in der Lautstärke zurückgingen; mittlerweile gebe es 40 solche Geräte in Baden-Württemberg.

Ein spannender Ansatz kommt aus Österreich: Christoph Lechner stellte das „Tiroler Modell“ vor, nach dem während der Sommersaison auf bestimmten Strecken alle Motorräder mit einem Standgeräusch von mehr als 95 dB(A) verboten sind. Der Erfolg gibt ihm recht: In den Gemeinden, in denen die Maßnahmen durchgeführt wurden, ging der Anteil der Befragten, die sich durch Motorradlärm stark belästigt fühlten, von über 60 Prozent (2019) auf unter 30 Prozent (2020) zurück und halbierte sich damit. Das Land Tirol beabsichtigt vor diesem Hintergrund, die Maßnahmen in bestimmten Bezirken zwischen dem 15. April und dem 31. Oktober jeden Jahres durchzuführen.

Kaum leise Motorräder zu kaufen

Bernd Obrecht, Motorradfahrer aus Freiburg und Vertreter des Motorradclubs „Kuhle Wampe“, betonte eingangs seines Statements, dass für viele das Motorrad in erster Linie ein Fortbewegungsmittel sei und nicht vorrangig ein Freizeitgerät. Eine Übertragung des Tiroler Modells auf Baden-Württemberg könne er sich durchaus vorstellen, mit Streckensperrungen nur für Motorräder sei sein Verein aber nicht einverstanden.

Er betonte ausdrücklich, dass der Motorradmarkt heutzutage kaum leise Fahrzeuge biete und dass die Strafen für Grenzwertüberschreitungen in Deutschland viel zu niedrig seien. Er machte aber auch deutlich, dass es Motorradfahrern kaum gelinge, die „schwarzen Schafe“ zu erreichen und stellte dar, dass Maßnahmen wie Streckensperrungen und ähnlichem dann ungerechterweise andere mit bestraft würden.

Margret Mergen, Oberbürgermeisterin von Baden-Baden und stellvertretende Vorsitzende des Naturparks Schwarzwald Mitte/Nord, schilderte die besondere Situation Baden-Badens als Start- oder Endpunkt der Schwarzwaldhochstraße. Die Zahl der Motorräder, aber auch der lauten Autos habe in den letzten Jahren sehr zugenommen, zugleich aber auch die Zahl derjenigen, die sich selbst beim Fahren auf anspruchsvollen Streckenabschnitten filmten, um zu „posen“, und sich zudem gegenseitig vor Kontrollen warnten.

Sie warb für gemäßigtes, „leise schnurrendes“ Motorradfahren, denn das mache unheimlich viel Freude, insbesondere forderte sie aber auch ein verstärktes Engagement der Herstellerfirmen, der politischen Ebene des Landtags sowie der Städte und Gemeindetage ein.

„Rettet die Stille“

Als betroffener Bürger und Betreiber der Internetplattform „Rettet die Stille“ war Kristian Raue aus Kirchzarten an der Diskussion beteiligt. Er richtete den Blick über das Thema Motorrad- oder Autolärm hinaus aber auch auf andere Lärmquellen: „Weiterhin ist über den Schutzgebieten des Schwarzwalds eine Reduzierung des Freizeit-Motorenlärms durch Motorsportflugzeuge und Gyrokopter wichtig“. Es gehe nicht darum, alle über einen Kamm zu scheren, sondern vorrangig zunächst einmal die Lärmspitzen durch effektive Maßnahmen zu kappen.

Sein Fazit: „Es braucht nur wenige rücksichtslose Menschen, um den Schwarzwald für Tausende von Menschen zu entwerten, nämlich dann, wenn mit absichtlich lauten Motorrädern, Quads oder auf Sound getunten Sportwagen gefahren wird. Deshalb braucht es im Schwarzwald Lärm-Umweltzonen nach dem Vorbild des Tiroler Modells.“

Roland Schöttle, Geschäftsführer des Naturparks Südschwarzwald, brachte die Diskussionen zusammenfassend auf den Punkt: „Der Schwarzwald braucht sowohl für Anwohnerinnen und Anwohner als auch für Naturfans wieder Orte der Stille. Orte, an denen man in der vielfältig geschützten Landschaft des Schwarzwalds tatsächlich nur die Natur hören kann. Dazu braucht es weitere politische Arbeit, aber es braucht auch die Rücksichtnahme einzelner auf alle anderen. Wir werden am Thema dranbleiben!“

 

Seite 1 / 1
Quelle: NRWZ.de – veröffentlicht am 30. April 2021 von Pressemitteilung (pm). Erschienen unter https://www.nrwz.de/region-rottweil/waldesruh-vs-motorenlaerm-schwarzwald-braucht-laerm-umweltzonen/312936