Wird der ThyssenKrupp-Testturm in Rottweil am Sonntag, 1. Oktober eröffnet? Immerhin existiert auf Facebook eine entsprechende Veranstaltung. Man kann bereits zusagen, sich interessiert oder nicht interessiert zeigen. Mehr als 90 Menschen wollen an der Eröffnung teilnehmen, weit über 600 sind an der Veranstaltung interessiert, wobei die Zahlen schnell wachsen. Doch – stimmt das Datum? Wohl kaum. Dafür ist eine andere Einweihung im Testturm von Erbauer ThyssenKrupp Elevator bereits terminiert: auf 22. Juni.

Die Veranstaltung läuft gut. Auf Facebook macht sie die Runde. Viele teilen sie, zeigen sich „interessiert“ und klicken auf „Gefällt mir“. Und manchen gefällt, wenn sich wiederum ein anderer interessiert zeigt. So geht der Termin viral. Er heißt: „Eröffnung der Testturm-Aussichtsplattform.“ Und steigt angeblich am 1. Oktober 2017. Um 8 Uhr.

Niemand weiß, wann der Testturm eingeweiht wird

Doch weiß offiziell niemand, wann die Aussichtsplattform des Testturms öffentlich zugänglich gemacht wird, wann der Testturm an sich damit eröffnet wird. Es existiert nur der Hinweis seitens ThyssenKrupp: „Die Eröffnung der Besucherplattform ist für Anfang Oktober 2017 geplant. Frühere Turmauffahrten sind leider nicht möglich.“

Die Stadtverwaltung kennt das tatsächliche Datum auch nicht. Die mit der Planung des Großereignisses befasste Veranstaltungsagentur Trendfactory steht vor der einzigartigen Aufgabe, ein Fest ohne genaues Datum planen zu müssen. Natürlich soll es groß werden. Die Feier am Turm zahlt ThyssenKrupp. Doch lässt auch die Stadt Rottweil einige zehntausend Euro springen (für das gesamte, laufende Jahr der Türme 2017 gibt sie satte 200.000 Euro aus, so der Haushaltsplan), damit die Anbindung Turm-Innenstadt vom ersten Tag an wahrgenommen wird. „Wir warten halt alle noch darauf, dass das Festprogramm konkret steht und dann könnten wir auch mehr sagen“, so der städtische Pressesprecher Tobias Hermann. Gemunkelt wird in der Stadt, dass die Bundeskanzlerin eingeladen wird, und immerhin in dieser Sache haben die Leute von der Trendfactory es seit der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen ein klein wenig leichter – gut möglich jedenfalls, dass Angela Merkel über September hinaus im Amt bleiben wird.

Immer noch nackt: der Testturm. Foto: gg

Woran hängt’s? Der Turm ist und bleibt einfach nackt. Sein Kleid fehlt, seine Verkleidung. Vergangenen September meldete ThyssenKrupp, dass die Montage „der rekordverdächtigen Membran“ gestartet worden sei – doch Pustekuchen. Es sind weiterhin nur deren Halterungen zu sehen. Man kann täglich am Testturm entlang spazieren, es ändert sich äußerlich nichts.

„Wir freuen uns sehr, dass die Bauarbeiten mit der Montage der Membran auf die Zielgerade einbiegen und der Turm dann seine endgültige Gestalt annehmen wird“, wurde Rottweils Bürgermeister Dr. Christian Ruf im September zitiert. Wohl etwas voreilig. Die mit der Membran-Montage betraute Taiyo Europe, die schon den Millennium Dome in London, den Airport von San Francisco, den Deutschen Pavillon bei der Expo in Mailand oder die Mercedes-Benz-Arena in Stuttgart mit textiler Architektur ausgestattet hat, kommt nicht voran.

Bestimmt werde die Membranmontage in Rottweil mit großem öffentlichen Interesse verfolgt und die Begeisterung in der Bevölkerung für den Testturm weiter steigern. So seien „die Menschen in der gesamten Region, aber auch zahlreiche Touristen, die Rottweil schon seit Baubeginn wegen des Turms besucht haben, … sehr gespannt darauf, wie unser neues Wahrzeichen künftig aussehen wird“, erklärte Bürgermeister Ruf vor ein paar Monaten. Nun – die Touristen und die Bürger müssen sich weiter in Geduld üben.

Membran-Konstruktion „in vollem Gange“

Die Konstruktion der Fassade, die als derzeit höchstes Membranprojekt der Welt gilt, sei „in vollem Gange“, teilt ThyssenKrupp derweil mit. Es gebe zwei Zugangsmöglichkeiten für die Monteure, um Ihre Arbeit zu verrichten: ein ringförmiges Arbeitsgerüst, welches mittels drei Seilwinden in der Höhe verhoben werden kann und so jede beliebige Stelle der zylindrischen Fassade erreichen kann, und eine breite Arbeitsplattform, welche sich den Weg nach oben mit Hilfe von drei Triebstockschienen bahnt. Von dieser Arbeitsplattform sollen große Stahlteile und dreidimensional gekrümmte Stahlrohre eingebaut werden, die die Membran tragen. Dann werde auf die sechs spiralförmigen Rohrzüge das PTFE-Mesh-Membrangewebe montiert und der Turm erhalte so sein finales Kleid.

Die große der beiden Plattformen zur Membran-Montage. Foto: gg

Kleid und Halterohre fehlen aber im Moment noch.

Webseitenbetreiber lädt zur Eröffnung ein

Hinter der vermeintlichen Testturm-Eröffnung am 1. Oktober steht nicht etwa ThyssenKrupp Elevator, sondern „Visit Rottweil„. Ein neues Internet-Portal, das augenscheinlich im Aufbau ist. Es will gleichermaßen für Touristen, Besucher und Bewohner der Stadt Rottweil interessant sein und wird von Jakub Orisek aus Rottweil betrieben. Orisek ist bereits durch stimmungsvolle Rottweil-Fotos aufgefallen. Seine Website bietet im Moment viele Platzhalter, etwa für einen Gratis-Stadtführer, der kommen soll.

Orisek erklärt auf Nachfrage der NRWZ, diese „Veranstaltung“ mit der Absicht erstellt zu haben, über die Eröffnung der Aussichtsplattform informieren zu wollen und nicht eine „Testturm-Eröffnung zu veranstalten“. Zu der Eröffnungsveranstaltung selbst gebe es von dem möglichem Veranstalter noch keine Infos, sagt auch Orisek.

Rechtliche Prüfung der Veranstaltung auf Facebook

„Ich bin nicht der Veranstalter der Eröffnung“, so Orisek weiter. Es werde „gerade die rechtliche Seite geprüft, ob diese ‚Facebook-Veranstaltung‘ im Netz bestehen kann, überarbeitet, übergeben oder gelöscht werden muss. Es soll auf keinen Fall gegen die Facebook-Richtlinien, Urheberrecht oder weitere rechtliche Hürden verstoßen, sondern nur Information darüber geben, was derzeit aus anderen Quellen bekannt ist.“

Das begründet Orisek so: „Das Interesse an meiner Seite und vor allem an dieser Facebook-Veranstaltung ist in kürzester Zeit viel höher geworden als erwartet.“ Er sei nun sehr  unsicher, ob alles rechtskonform ist. „Ich bin gerade erst in sie Selbständigkeit gewechselt und mir fehlen viele nötige Kenntnisse und Erfahrung. Und da die Reaktionen auf meine Aktionen immer mehr werden, kümmere ich mich jetzt darum alles abzusichern um nicht versehentlich Ärger zu verursachen.“

Aufzugssystem MULTI ist bereits vorfürbar

Ein anderes Datum aber steht: Am 22. Juni will ThyssenKrupp die Einweihung des MULTI-Aufzugsystems feiern. Jener einer Magnetschwebebahn ähnlichen Kabinen, die selbst und unabhängig von einander durch die Schächte sausen können. Und schon gar kein Seil benötigen.

Der 22. Juni ist für ThyssenKrupp Elevator ein rundes Datum: es ist der 160. Jahrestag des weltweit ersten Aufzugs. Die MULTI-Eröffnung sei ein neuer Meilenstein für die Aufzugsindustrie und stehe für die Umsetzung durch Bauträger auf der ganzen Welt ab sofort zur Verfügung. „Die MULTI-Technologie erhöht Beförderungskapazitäten und Effizienz bei gleichzeitiger Senkung des Platzbedarfs“, erklärt ThyssenKrupp dazu. Mehrere Kabinen, die sich im gleichen Schacht vertikal und horizontal bewegen, ermöglichten auch für Gebäude das Erreichen neuer Höhen, Formen und Zwecke. Den Testturm in Rottweil betreibt der Aufzugbauer, um MULTI zur Markreife zu bringen.

Im Testturm sind drei der zwölf Turmschächte für das neue MULTI-System vorgesehen. Als Antrieb kommt die Magnetschwebetechnologie aus dem Transrapid zum Einsatz. Diese hat laut ThyssenKrupp eine Vielzahl von Vorteilen: Durch die seillose Konstruktion können mehrere Aufzugskabinen in einem Aufzugsschacht betrieben werden. Das erhöhe die Beförderungskapazität in einem Schacht um bis zu 50 Prozent und reduziere gleichzeitig den Platzbedarf des Aufzugs im Gebäude um die Hälfte. Dazu können sich die Aufzüge sowohl seitwärts als auch ohne Limit in die Höhe bewegen, was eine nie dagewesene Architektur der Gebäude erlaubt.