352 Briefe ins Gefängnis

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ROTTWEIL – Die Bürgerinitiative für eine Welt ohne atomare Bedrohung, amnesty international Rottweil, sowie die evangelische und katholische Kirchengemeinde Rottweil werden am Samstag, 24 .April  von 8.30 Uhr bis 13 Uhr auf dem Markt in Rottweil vor dem Rathaus 352 vorbereitete Briefe auf Russisch (die Übersetzung liegt bei) mit adressierten und bereits frankierten Briefumschlägen auslegen – ein Brief für jeden der 352 politischen Gefangenen in Weißrussland. Zum Verschicken muss am Stand nur noch der Absender eingetragen werden.

In einer Pressemitteilung schreibt die Initiative: Seit der umstrittenen Präsidentschaftswahl im August 2020  gehen in Belarus (Weißrussland) Hundertausende auf die Straßen und protestieren friedlich für freie und faire Neuwahlen unter internationaler Beobachtung. „Nach dieser offensichtlich gefälschten Wahl wurde uns allen klar, dass wir nicht mehr zum Alten zurück kehren und einfach so weiter leben können“, berichten Freunde aus Minsk.

Der Protest hört bis heute nicht auf und der Staat reagiert mit Einschüchterung, brutaler Gewalt und Verhaftungen gegen die Demonstrierenden. Mehr als 30 000 Menschen aller Altersgruppen wurden bisher verhaftet, darunter Menschenrechtler und Berichterstatter, alte Menschen und Kinder, Studenten und Sportler. Viele erhielten hohe Geldstrafen, verloren ihr Stipendium und den Arbeitsplatz, wurden unter Druck gesetzt. Aus den Haftanstalten gibt es viele erschütternde Berichte über Folter und schwere Misshandlungen.

Nicht alle Inhaftierten wurden wieder freigelassen, 352 politische Gefangene sind immer noch hinter Gitter. Ihnen drohen langjährige Haftstrafen für ihr Engagement für demokratische Neuwahlen und Menschenrechte. Ihre Haft ist eindeutig politisch motiviert, das Strafmaß ist unverhältnismäßig hoch.

Eine von ihnen ist Katya A.(Name zum Schutz verschlüsselt), die als Fernsehjournalistin live über das gewaltsame Vorgehen der Polizei bei friedlichen Protesten berichtete. Sie wurde zunächst zu sieben Tage Haft, dann zu zwei Jahren Haft verurteilt.

Eine weitere politische Gefangene ist Maryia T., die sich als Ehrenamtliche im Menschenrechtszentrum „Visna“ engagierte und dort verhaftet wurde. Auch   Artjiom S.,  ist ein politischer Gefangener. Er ist von Beruf Arzt in einem Notfallkrankenhaus und wurde wegen seiner medizinischen Informationen verurteilt, die die „offizielle“ Aussage zum Tod eines Demonstrationsteilnehmers  nach der Festnahme auf der Polizei widerlegten.

Vor fast genau 35 Jahren, am 26.April 1986,  wurde die Welt durch die Reaktorkatstrophe in Tschernobyl erschütterte. Belarus war von den Auswirkungen am stärksten betroffen. Nach dieser Katastrophe entwickelte sich zwischen Rottweil und Belarus eine intensive Partnerschaft mit vielen engen Freundschaften und großer solidarischer Unterstützung der Rottweiler, die bis heute anhält.

Jetzt ist Belarus wieder im Mark erschüttert und es gibt die Möglichkeit wieder Solidarität zu zeigen. Ira, eine langjährige Freundin aus Minsk, schreibt „Wir geben nicht auf, die Wahrheit und Gerechtigkeit ist auf  unserer Seite, auch wenn es kein Kurzstreckenlauf, sondern ein Marathon ist“.

„1986: Tschernobyl. Heute: Politische Gefangene“ überschreiben die Veranstalter ihre Brief- und Spendenaktion. Am Samstag, 24.April werden von 8.30 bis 13 Uhr dazu auf dem Markt in Rottweil vor dem Rathaus  352 vorbereitete Briefe auf Russisch (die Übersetzung liegt bei) mit adressierten und bereits frankierten Briefumschlägen ausliegen – ein Brief für jeden der 352 politischen Gefangenen. Zum Verschicken muss am Stand nur noch der Absender eingetragen werden, mit in den Brief kommt dann noch eine Ansichtskarte von Rottweil. „Jedes Lebenszeichen gibt mir einen Tropfen Kraft und hilft mir nicht den Mut zu verlieren“, schreibt einer der Gefangenen über Briefe von Draußen.

Die Veranstalter und Unterstützer – Bürgerinitiative für eine Welt ohne atomare Bedrohung, amnesty international Rottweil, sowie die evangelische und katholische Kirchengemeinde Rottweil – hoffen sehr, dass alle 323 Briefe auf diese Weise verschickt werden können und ihre Adressaten in Belarus erreichen. Bereits im November zeigten sich viele Rottweiler bei einem Unterschriftenstand sehr solidarisch und  setzten sich mit 900 Unterschriften für die Freilassung politischer Gefangener und das Ende der Todesstrafe in Belarus ein.
Die Veranstalter bitten um eine Spende für die Kosten für Porto und Ansichtskarte.

Zusätzlich zu den Briefen wird in der Aktion am Markt auch um Spenden für den „Notfallfonds Belarus“ für die Opfer von staatlicher Gewalt gebeten, die für ihr friedliches Engagement durch Folter  und Misshandlung medizinische Hilfe brauchen. Jeder gespendete Betrag wird ausschließlich für die Versorgung der Opfer verwendet.

Wer am Samstag nicht zum Marktstand kommen kann, für den gibt es die alternative Möglichkeit  zu den üblichen Öffnungszeiten vom Samstag, 24.April. bis Samstag, 8.Mai. im Weltladen Rottweil, Oberamteigasse 1 die Briefe auszufüllen und abzuschicken.

Die Standleute werden getestet sein, die Veranstalter bitten außerdem darum, sich am Stand an die Abstands- und Hygienebestimmungen zu halten.

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