Am Fasnetssonntag findet keine närrische Love-Parade statt“

Brauchtum: Im Interview kündigen Narrenmeister Bechtold und Zunftschreiber Huber einige Neuerungen für die kommende Fastnacht an

Ihn möchte die Spitze der Narrenzunft Rottweil behutsam verändern: den Umzug am Sonntagmittag. Archiv-Foto: Andreas Linsenmann
Ihn möchte die Spitze der Narrenzunft Rottweil behutsam verändern: den Umzug am Sonntagmittag. Archiv-Foto: Andreas Linsenmann

Kein Narrenkartenverkauf am Fasnetsmontrag und -diens­tag mehr. Der Umzug am Sonntag soll wie­der eine Brauchtumsveranstaltung für Kinder wer­den – und nicht eine für voll­trun­ke­ne Erwachsene. Gegen die­se will die Narrenzunft hart durch­grei­fen. Und die Kinderrössle sol­len zu ihren Ursprüngen zurück keh­ren. Das sind die wesent­li­chen Änderungen, die die Narrenzunft Rottweil an der kom­men­den Fastnacht umset­zen möch­te. Wir ver­öf­fent­li­chen dazu ein Interview mit Narrenmeister Christoph Bechtold und Zunftschreiber Frank Huber.

Herr Bechtold, in der Mitgliederversammlung im ver­gan­ge­nen Jahr haben Sie ange­kün­digt, dass sich die Narrenzunft nach dem Narrentag wie­der ver­stärkt der Zukunft der Rottweiler Fasnet wid­met. Gibt es schon Ergebnisse?

Christoph Bechtold: Ja, der Narrentag hat alle Ausschuss-, Ehren- und Vorstandmitglieder stark in Anspruch genom­men. Wir woll­ten ein­fach alle das Beste geben, damit sich unser Brauchtum in unse­rer Stadt von sei­ner schöns­ten Seite zei­gen kann und unse­re Freunde vom Viererbund sich in Rottweil wie zu Hause füh­len. Im Ehrenamt eine sol­che Großveranstaltung zu stem­men, brach­te uns an die Grenzen des Machbaren. Seit März 2017 wid­men wir uns nun aber wie­der stär­ker unse­rer Fasnet und sehen da Entwicklungen, die wir mit ers­ten Maßnahmen zu unter­bin­den ver­su­chen.

Welche Maßnahmen ent­fal­ten an der Fasnet 2018 zum ers­ten Mal ihre Wirkung?

Frank Huber: Die wich­tigs­te Änderung als ers­tes – es wird am Fasnetsmontag und -diens­tag in den Stempellokalen kei­nen Narrenkartenverkauf mehr geben. Für die­se Maßnahme gibt es meh­re­re Gründe. Beim Stempeln der Karte des Narren im Stempellokal kann die Narrenzunft einen Teil ihres Brauchtumsauftrages erfül­len. Brauchtumsauftrag heißt hier kon­kret, dass Mitglieder des Ausschusses der Narrenzunft im Stempellokal kon­trol­lie­ren, ob der Narr nicht etwas ver­ges­sen hat. Außerdem leis­ten sie Hilfestellung, wenn die Glocken nicht rich­tig sit­zen oder ein Hosenende beim Gschell her­un­ter­hängt.

Die Narrenzunft ver­sucht im Stempellokal also dem Narr mit Rat und Tat zur Seite zu ste­hen. Entspricht der Narr dann den Vorgaben eines Original Rottweiler Narrenkleides, erhält er die Berechtigung zur Teilnahme am Sprung durch die Übergabe des Sprungbändels.

Bei allein 4300 akti­ven Narren am Fasnetsmontag kön­nen die Wadelkappen die­sen Auftrag aber nur noch ein­ge­schränkt erfül­len. Vor allem auch des­halb, weil mitt­ler­wei­le in jedem Stempellokal ein Zünftler aus­schließ­lich den Narren die Karten ver­kauft. Ausschlaggebend für die aus unse­rer Sicht nega­ti­ve Entwicklung im Stempellokal ist, dass etwa 15 Prozent der Narren erst am Fasnetsmontag ihre Karte kau­fen. Tendenz seit Jahren stei­gend.

Christoph Bechtold: Ein wei­te­rer Grund, wes­halb wir uns zu die­sem Schritt ent­schlos­sen haben, ist der, dass sich in den ver­gan­ge­nen Jahren ver­mehrt Familienväter über die zu lan­gen Warteschlangen bei uns beschwert haben. 20 Minuten Wartezeit sind kei­ne Seltenheit. Das aber ist für einen Nachwuchsnarren eine gefühl­te Ewigkeit. Es fühlt sich auch des­halb für die Jungnarren wie eine Ewigkeit an, weil die Kleinen per­ma­nent geschubst, gedrückt und gezo­gen wer­den.

Etliche Eltern haben die Narrenzunft auf die­sen Missstand hin­ge­wie­sen. Wir hof­fen, dass durch die Maßnahme bei den Kleinstnarren nun kei­ne Tränen mehr flie­ßen und die Jungen und Mädchen ohne Blessuren ihre Fasnet ganz beseelt fei­ern kön­nen.

Führt die­se Maßnahme dann aber nicht zu Einnahmeverlusten bei der Zunft?

Frank Huber: Wir hof­fen nicht, da wir in der Vorfasnetszeit zusätz­lich zu den bekann­ten Narrenkartenverkaufsstellen noch an zwei Wochenenden auf dem Wochenmarkt mit einem Stand prä­sent sein wer­den. Da besteht dann zusätz­lich die Möglichkeit, eine Narrenkarte zu erwer­ben.

Was haben sie die­ses Jahr noch für Aktionen geplant?

Christoph Bechtold: Ein wei­te­res gro­ßes Ziel, das wir uns für die nächs­ten Jahre gesetzt haben, ist, dass der Fasnetssonntag wie­der stär­ker den Charakter eines Kinderumzuges bekommt.

Um dies zu gewähr­leis­ten, laden wir Vertreter der Abiturs-Klassen in unser Zunfthaus ein. Den jun­gen Erwachsenen soll mit Bild- und Textmaterial erklärt wer­den, dass der Fasnetssonntag nicht als eine när­ri­sche Love-Parade, son­dern als eine Brauchtumsveranstaltung für Kinder zu sehen ist. Wir appel­lie­ren hier an die Vorbildfunktion der Abiturienten für die Kleinen.

Zudem wer­den wir als Veranstalter des Sonntagsumzuges uns erlau­ben, stark alko­ho­li­sier­ten Erwachsenen die Sprungteilnahme zu ver­wei­gern. Seit eini­gen Jahren stel­len wir fest, dass Bajassgruppierungen mit hoch­pro­zen­ti­gen Alkoholika in Leiterwägen zum Schwarzen Tor zie­hen und die­sen vor dem Umzugsbeginn reich­lich, eini­ge zu reich­lich kon­su­mie­ren.

Jeder erwach­se­ne Bajass soll­te ver­ste­hen, dass wir den Sonntagsumzug spe­zi­ell für die Kinder orga­ni­sie­ren, die an der Fasnet viel­leicht kein Narrenkleid haben. Damit die­se Kinder trotz­dem d’Stadt nab jucken kön­nen, ver­an­stal­ten wir die­sen Umzug. Der Sonntag soll­te also nicht zum Schaulaufen für Erwachsene wer­den, die ihren unsach­ge­mä­ßen Umgang mit Alkohol vor sich her­tra­gen.

Heißt das, Sie kon­trol­lie­ren erwach­se­ne Bajasse mit einem Alkoholmessgerät?

Christoph Bechtold (lacht): Nein, das auf kei­nen Fall. Wir appel­lie­ren an die Vernunft und die Vorbildfunktion jedes ein­zel­nen Umzugsteilnehmers, wer­den aber bei Betrunkenen hart durch­grei­fen. Wir sind humor­voll und selbst­kri­tisch genug, dass es uns fern liegt, die Moralapostel zu spie­len, aber wenn es beginnt, ein­fach nicht mehr lus­tig zu sein, son­dern nur noch unsin­nig, dann wer­den wir uns erlau­ben, ein­zu­grei­fen.

Gibt es noch wei­te­re Änderungen am Fasnetssonntag?

Frank Huber: Ein wei­te­rer Aspekt, auf den uns unse­re Mitglieder und Zuschauer hin­ge­wie­sen haben, ist die Machart der Kinderrössle. In den 50er Jahren gab es wohl ein Kinderrössle mit geschnitz­ten Larven, die den erwach­se­nen nach­emp­fun­den sind. Mittlerweile haben wir davon zwölf. Hier treibt wohl der Ehrgeiz der Väter und Großväter sei­ne Blüten.

Nachdem wir ver­gan­ge­nes Jahr auch schon die ers­ten Kinderfederhannes am Sonntag gese­hen haben, ver­su­chen wir, auch hier an die Vernunft der Eltern zu appel­lie­ren.
Kinderrössle waren Jahrzehnte lang immer Eigenanfertigungen der Kinder, sie waren das Resultat des­sen, was man im Kindergarten oder der Grundschule im Kunstunterricht her­stell­te.

Gerade die Phantasie und Kreativität der Kinder war es, die die Kinderrössle zu etwas ganz Besonderem mach­te. Dies wol­len wir wie­der för­dern. Wir neh­men des­halb mit den Besitzern der Kinderrössle Kontakt auf, die holz­ge­schnitz­te Larven haben und wei­sen dar­auf hin, dass ab 2019 die­se im Umzug nicht mehr erwünscht sind.

Woran arbei­ten Sie der­zeit außer­dem?

Christoph Bechtold: Im Moment neh­men wir zudem mit den Wirten der Lokale in der Innenstadt Kontakt auf. Ziel ist es, wie am Narrentag so vie­le Gastronomen wie mög­lich von der Einrichtung einer Narrenstube oder einer zuschau­er­frei­en Zone zu über­zeu­gen.

Jeder Narr hat nach dem Umzug Hunger und Durst. Häufig set­zen sich die Narren dann aber ins Wirtshaus und lüf­ten ihre Larve. Die Narretei lebt aber ganz ent­schei­dend davon, dass der Narr uner­kannt bleibt. Deshalb braucht es Rückzugszonen. Im Gasthaus Apfel, Becher, Rädle und in der Jugendherberge wird es Räume oder abge­trenn­te Zonen geben, die es dem Narr erlau­ben, etwas zu trin­ken, ohne dass er von ande­ren Wirtshausbesuchern erkannt wird. Das steht bereits fest. Wir ver­su­chen nun, die Zahl der Narrenstuben zu erhö­hen. Die Lokale, die eine Narrenstube oder -zone anbie­ten, wer­den von außen gekenn­zeich­net.

Worauf freu­en Sie sich an die­ser Fasnet am meis­ten?

Frank Huber: Ich wür­de mich freu­en, wenn die Rottweiler Narren die­se ers­ten Maßnahmen, die wir ergrei­fen, um den Kern unse­rer Fasnet zu bewah­ren, mit­tra­gen und nicht gleich wie­der alles zer­re­den. Unsere Fasnet muss sich behut­sam ändern, den eigent­li­chen Kern aber wol­len wir bewah­ren.

Weitere Änderungen wer­den in den nächs­ten Jahren fol­gen. Trotzdem soll und wird die Rottweiler Fasnet eine der schöns­ten Volksfastnachten in Europa blei­ben. Auf die­se unbän­di­ge Farbenpracht und die vie­len kom­men­den Fasnetsanekdoten freue ich mich bereits heu­te schon.