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Montag, 25. Mai 2020
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    Andrea Wörner schnitzt die zweite Madonna für die Predigerkirche

    ROTTWEIL – Die Wartezeit darauf, dass der Hochaltar in der Predigerkirche bald wieder in seiner Vollständigkeit erstrahlen kann, scheint absehbar zu sein. Der Oberkirchenrat der Evangelischen Landeskirche Württemberg (OKR) und das Landesdenkmalamt hatten drei Kunstschaffende benannt, die Evangelische Kirchengemeinde Rottweil hat ausgeschrieben und sich nach Beratung durch OKR und Denkmalamt für Andrea Wörner entschieden.

    Vorausgegangen war der Beschluss des evangelischen Kirchengemeinderates Rottweil und die Zustimmung des katholischen Kirchengemeinderats Heilig-Kreuz, dass eine Kopie der "Madonna von der Augenwende" angefertigt werden soll. Während der Restaurierung des Heilig-Kreuz-Münsters war die spätgotische Figur der Maria mit Kind für zwei Jahre „zu Gast" an ihrem ursprünglichen Ort, dem Hochaltar der Predigerkirche. Seit dem 18. Jahrhundert stand sie dort, zuvor befand sie sich am Lettner des gotischen Vorgängerbaus der Dominikanerkirche. Nach der Aufhebung der Klöster, der Profanierung der Kirche und der Vertreibung der Dominikaner in der Säkularisation wurde die Madonna 1803 ins Münster gebracht. Dort bekam sie im 19. Jahrundert einen Platz in einem prächtigen neugotischen Altar mit original gotischen Altarflügeln, die zwei Szenen aus dem Leben des Heiligen Franziskus zeigen.

     Andrea Wörner freut sich sehr, dass sie ausgewählt wurde und wieder einmal in ihrer Heimat arbeiten darf. Für die Diözesen Mainz, Trier, Speyer und darüber hinaus hat sie schon zahlreiche Aufträge im kirchlichen Raum ausgeführt. Sie wurde in Hornberg geboren und hat in Rottweil 1990 ihr Abitur am Aufbaugymnasium abgelegt, das seinen Schwerpunkt auf  musisch-musikalische Bildung gelegt hatte. Sie ist freischaffende Holzbildhauermeisterin und  wurde im Jahr 2000 mit dem Meisterpreis der Bayerischen Staatsregierung ausgezeichnet.

    Inzwischen lebt sie mit ihrer Familie in Schiltach. Immer wieder arbeitet sie mit Kindern und Jugendlichen auch in Rottweil. Sie leitet eine Arbeitsgemeinschaft im Bischöflichen Konvikt, einem musisch-humanistischen Internat, das damit ein Angebot gibt zur kreativen Arbeit. In nächster Zeit wird Frau Wörner voraussichtlich in einer eigenen kleinen Werksatt, die neben dem Marienaltar im Münster aufgebaut wird, arbeiten können. Besucher dürfen ihr dann auch zuschauen.

    Wer die Liste ihrer Werke betrachtet, sieht, dass sie bedeutende Arbeiten vorweisen kann. Sie hat  für die Erzdiözese Freiburg in Schiltach in der katholischen Kirche Johannes der Täufer das Konzept für die Umgestaltung der Seitenkapelle entwickelt und Altar und Kreuz nach eigenen Entwürfen angefertigt. Große Aufträge waren die künstlerische Gesamtplanung zur Chorraumgestaltung und die bildhauerische Bearbeitung des Hochaltars in Albersweiler für das Bistum Speyer sowie Entwurf und Ausführung des Orgelprospekts in der Kirche St. Joseph in Ludwigshafen-Rheingönheim. Sie schuf unter anderem auch eine verkleinerte Kopie der Madonna im Dom zu Speyer, die das Domkapitel als Abschiedsgeschenk zur Emeritierung von Bischof Anton Schlembach anfertigen ließ. Derzeit ist Frau Wörner noch beschäftigt mit der Kopie einer spätromanischen Madonna in Trier.

    Wenn die Kopie der „Madonna von der Augenwende“ ihren Platz auf dem Hochaltar der Predigerkirche gefunden haben wird, ist das Bildprogramm wieder vollständig und dann erst wirklich verstehbar. Nahezu alle Bilder sind auf diese Marienfigur bezogen und nur aus ihr verständlich. „Menschen finden einen anderen Zugang zum Gebet, wenn sie sich in den Anblick eines Bildes oder einer Skulptur vertiefen können“, bemerkt  Andrea Wörner. Sie ist selbst immer wieder überrascht, welche Wirkung Bildwerke erzielen können.

    Als die Madonna 2016 /17 in der Predigerkirche aufgestellt war, war dies bedeutsam für das ökumenische Miteinander der Konfessionen in Rottweil. Gemeinsame Gottesdienste und Monatsprozessionen ließen die immer mehr wachsende Gemeinschaft deutlich spürbar werden. Sinne und Gemüt wurden bei vielen Menschen angesprochen. Und manche sprachen sogar von „unserer Madonna“. Dabei wird freilich nicht vergessen, dass im Hochaltar auf das Zentrum des gemeinsamen christlichen Glaubens sichtbar hingewiesen wird: im Kind Jesus im Arm Mariens auf  die Menschwerdung Gottes und im golden glänzenden Kreuz, das den Hochaltar bekrönt, symbolhaft auf  Christi Tod und Auferstehung.

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     Eine von einem Menschen geschaffene Kopie kann und muss nicht völlig identisch mit dem Original sein. Aber das Wesen der Figur, deren Ausstrahlung kann eine Künstlerin erfassen und im möglichst ähnlichen Abbild vermitteln. Eine moderne, mit rein technischen Mitteln erstellte Kopie könnte dies nicht leisten. Außerdem wäre sie bei einer solch wertvollen Figur aus dem 15. Jahrhundert gar nicht möglich. Deshalb ist es auch bedeutsam, dass eine Kopie in Handarbeit ähnlich wie durch einen Bildhauer in der Zeit der Gotik geschaffen wird. Wörner hat in ihren bisherigen Arbeiten gezeigt, dass sie sich sowohl künstlerisch als auch theologisch in religiöse Kunstwerke einfühlen und dies zum Ausdruck bringen kann.

     

     

     

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