Andrea Wörner vor dem Original im Heilig-Kreuz-Münster. Foto: Veronika Heckmann-Hageloch

ROTTWEIL – Die War­te­zeit dar­auf, dass der Hoch­al­tar in der Pre­di­ger­kir­che bald wie­der in sei­ner Voll­stän­dig­keit erstrah­len kann, scheint abseh­bar zu sein. Der Ober­kir­chen­rat der Evan­ge­li­schen Lan­des­kir­che Würt­tem­berg (OKR) und das Lan­des­denk­mal­amt hat­ten drei Kunst­schaf­fen­de benannt, die Evan­ge­li­sche Kir­chen­ge­mein­de Rott­weil hat aus­ge­schrie­ben und sich nach Bera­tung durch OKR und Denk­mal­amt für Andrea Wör­ner ent­schie­den.

Vor­aus­ge­gan­gen war der Beschluss des evan­ge­li­schen Kir­chen­ge­mein­de­ra­tes Rott­weil und die Zustim­mung des katho­li­schen Kir­chen­ge­mein­de­rats Hei­lig-Kreuz, dass eine Kopie der „Madon­na von der Augen­wen­de” ange­fer­tigt wer­den soll. Wäh­rend der Restau­rie­rung des Hei­lig-Kreuz-Müns­ters war die spät­go­ti­sche Figur der Maria mit Kind für zwei Jah­re „zu Gast” an ihrem ursprüng­li­chen Ort, dem Hoch­al­tar der Pre­di­ger­kir­che. Seit dem 18. Jahr­hun­dert stand sie dort, zuvor befand sie sich am Lett­ner des goti­schen Vor­gän­ger­baus der Domi­ni­ka­ner­kir­che. Nach der Auf­he­bung der Klös­ter, der Pro­fa­nie­rung der Kir­che und der Ver­trei­bung der Domi­ni­ka­ner in der Säku­la­ri­sa­ti­on wur­de die Madon­na 1803 ins Müns­ter gebracht. Dort bekam sie im 19. Jahrund­ert einen Platz in einem präch­ti­gen neu­go­ti­schen Altar mit ori­gi­nal goti­schen Altar­flü­geln, die zwei Sze­nen aus dem Leben des Hei­li­gen Fran­zis­kus zei­gen.

 Andrea Wör­ner freut sich sehr, dass sie aus­ge­wählt wur­de und wie­der ein­mal in ihrer Hei­mat arbei­ten darf. Für die Diö­ze­sen Mainz, Trier, Spey­er und dar­über hin­aus hat sie schon zahl­rei­che Auf­trä­ge im kirch­li­chen Raum aus­ge­führt. Sie wur­de in Horn­berg gebo­ren und hat in Rott­weil 1990 ihr Abitur am Auf­bau­gym­na­si­um abge­legt, das sei­nen Schwer­punkt auf  musisch-musi­ka­li­sche Bil­dung gelegt hat­te. Sie ist frei­schaf­fen­de Holz­bild­hau­er­meis­te­rin und  wur­de im Jahr 2000 mit dem Meis­ter­preis der Baye­ri­schen Staats­re­gie­rung aus­ge­zeich­net.

Inzwi­schen lebt sie mit ihrer Fami­lie in Schiltach. Immer wie­der arbei­tet sie mit Kin­dern und Jugend­li­chen auch in Rott­weil. Sie lei­tet eine Arbeits­ge­mein­schaft im Bischöf­li­chen Kon­vikt, einem musisch-huma­nis­ti­schen Inter­nat, das damit ein Ange­bot gibt zur krea­ti­ven Arbeit. In nächs­ter Zeit wird Frau Wör­ner vor­aus­sicht­lich in einer eige­nen klei­nen Werk­satt, die neben dem Mari­en­al­tar im Müns­ter auf­ge­baut wird, arbei­ten kön­nen. Besu­cher dür­fen ihr dann auch zuschau­en.

Wer die Lis­te ihrer Wer­ke betrach­tet, sieht, dass sie bedeu­ten­de Arbei­ten vor­wei­sen kann. Sie hat  für die Erz­diö­ze­se Frei­burg in Schiltach in der katho­li­schen Kir­che Johan­nes der Täu­fer das Kon­zept für die Umge­stal­tung der Sei­ten­ka­pel­le ent­wi­ckelt und Altar und Kreuz nach eige­nen Ent­wür­fen ange­fer­tigt. Gro­ße Auf­trä­ge waren die künst­le­ri­sche Gesamt­pla­nung zur Chor­raum­ge­stal­tung und die bild­haue­ri­sche Bear­bei­tung des Hoch­al­tars in Albers­wei­ler für das Bis­tum Spey­er sowie Ent­wurf und Aus­füh­rung des Orgel­pro­spekts in der Kir­che St. Joseph in Lud­wigs­ha­fen-Rhein­gön­heim. Sie schuf unter ande­rem auch eine ver­klei­ner­te Kopie der Madon­na im Dom zu Spey­er, die das Dom­ka­pi­tel als Abschieds­ge­schenk zur Eme­ri­tie­rung von Bischof Anton Schlem­bach anfer­ti­gen ließ. Der­zeit ist Frau Wör­ner noch beschäf­tigt mit der Kopie einer spät­ro­ma­ni­schen Madon­na in Trier.

Wenn die Kopie der „Madon­na von der Augen­wen­de“ ihren Platz auf dem Hoch­al­tar der Pre­di­ger­kir­che gefun­den haben wird, ist das Bild­pro­gramm wie­der voll­stän­dig und dann erst wirk­lich ver­steh­bar. Nahe­zu alle Bil­der sind auf die­se Mari­en­fi­gur bezo­gen und nur aus ihr ver­ständ­lich. „Men­schen fin­den einen ande­ren Zugang zum Gebet, wenn sie sich in den Anblick eines Bil­des oder einer Skulp­tur ver­tie­fen kön­nen“, bemerkt  Andrea Wör­ner. Sie ist selbst immer wie­der über­rascht, wel­che Wir­kung Bild­wer­ke erzie­len kön­nen.

Als die Madon­na 2016 /17 in der Pre­di­ger­kir­che auf­ge­stellt war, war dies bedeut­sam für das öku­me­ni­sche Mit­ein­an­der der Kon­fes­sio­nen in Rott­weil. Gemein­sa­me Got­tes­diens­te und Monats­pro­zes­sio­nen lie­ßen die immer mehr wach­sen­de Gemein­schaft deut­lich spür­bar wer­den. Sin­ne und Gemüt wur­den bei vie­len Men­schen ange­spro­chen. Und man­che spra­chen sogar von „unse­rer Madon­na“. Dabei wird frei­lich nicht ver­ges­sen, dass im Hoch­al­tar auf das Zen­trum des gemein­sa­men christ­li­chen Glau­bens sicht­bar hin­ge­wie­sen wird: im Kind Jesus im Arm Mari­ens auf  die Mensch­wer­dung Got­tes und im gol­den glän­zen­den Kreuz, das den Hoch­al­tar bekrönt, sym­bol­haft auf  Chris­ti Tod und Auf­er­ste­hung.

 Eine von einem Men­schen geschaf­fe­ne Kopie kann und muss nicht völ­lig iden­tisch mit dem Ori­gi­nal sein. Aber das Wesen der Figur, deren Aus­strah­lung kann eine Künst­le­rin erfas­sen und im mög­lichst ähn­li­chen Abbild ver­mit­teln. Eine moder­ne, mit rein tech­ni­schen Mit­teln erstell­te Kopie könn­te dies nicht leis­ten. Außer­dem wäre sie bei einer solch wert­vol­len Figur aus dem 15. Jahr­hun­dert gar nicht mög­lich. Des­halb ist es auch bedeut­sam, dass eine Kopie in Hand­ar­beit ähn­lich wie durch einen Bild­hau­er in der Zeit der Gotik geschaf­fen wird. Wör­ner hat in ihren bis­he­ri­gen Arbei­ten gezeigt, dass sie sich sowohl künst­le­risch als auch theo­lo­gisch in reli­giö­se Kunst­wer­ke ein­füh­len und dies zum Aus­druck brin­gen kann.