Armut hat viele Gesichter

ROTTWEIL – Es werden zunehmend Alleinerziehende mit Kindern und Rentnerinnen und Rentner sein, 48 Prozent haben eine Rente unter 800 Euro, Frauenanteil 64 Prozent, die ein erhöhtes Armutsrisiko haben. Auch Arbeit etwa im Niedriglohnsektor, schützt nicht mehr generell vor Armut. So das Resümee von Prof. Fabian Kessl nach einer Forschungsarbeit mit Studenten der Uni Duisburg-Essen und Wuppertal in mehr als 45 Kommunen der Bundesrepublik.

Bei seinem Vortrag innerhalb der AWO Veranstaltungsreihe zum 100-jährigen Jubiläum dieses Wohlfahrtsverbandes im Evangelischen Gemeindehaus in Rottweil zitierte er auch eine Untersuchung des unabhängigen DIW. Danach ist allein in den letzten zehn Jahren des stetigen Wirtschaftswachstums und einem Rekordtief an Arbeitslosigkeit die Schere zwischen Arm und Reich und damit die soziale Spaltung drastisch auseinander gelaufen.

Armut sei aber nicht nur eine Frage des Geldes, sondern damit verbunden sei vor allem die Ausgrenzung gesellschaftlicher Teilhabe, die vor allem Kinder zu spüren bekommen. Die Bertelsmann Stiftung prognostiziere für das Jahr 2036 eine Steigerung des Armutsrisikos von derzeit 16 Prozent der Bevölkerung auf 28 Prozent.

In diesem Kontext sei auch der starke Anstieg von Tafelläden, Suppenküchen und Sozialkaufhäusern in den letzten zehn Jahren zu sehen, die er als die „Neue Mitleidsökonomie“ bezeichnet. Die enorme Anzahl ehrenamtlicher Helfer in diesen Einrichtungen engagiere sich in erster Linie aus Mitleid gegenüber den Bedürftigen.

Umgekehrt profitiere auch der Handel dadurch, dass etwa mit den Tafelläden ein zweiter Kreislauf für die Überschussproduktion im Lebensmittelbereich entstehe und dies zudem zur Imagepflege als „ökologisch und sozial „ vermarktet werden könne. Als weiterer Effekt erspare man sich im Handel dadurch die Entsorgungskosten.

Mit der Verteilung an überwiegend Bedürftige erscheinen in der breiten Öffentlichkeit diese Einrichtungen zudem als Teil des öffentlichen Sozialsystems, da sie zumeist bei sozialen Organisationen angegliedert sind, obwohl es dafür keine sozialrechtliche Grundlage gebe.

In Wahrheit sei die Existenz all dieser Einrichtungen aber ein Armutszeugnis für unseren Sozialstaat, den sie seien letztlich Angebote zur Armutslinderung, die das fehlende, aber längst dringend notwendige Engagement der Politik für eine wirksame Armutsbekämpfung überdecke. Stellschrauben zur Verbesserung dieser Situation gebe es in der Wirtschafts-, Sozial- und Steuerpolitik genügend, wenn man es Ernst meine, die immer größer werdende Lücke zwischen Arm und Reich zu reduzieren.

An das aufschlussreiche und lebendige Referat schloss sich eine sehr engagierte, mit zahlreichen Praxisbeispielen untermauerte Diskussion an.

 

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