Den Anfang machte Franz von Assisi. Seit er 1223 mit eigens eingeholter päpstlicher Erlaubnis die Geburt des Christkinds mit Menschen und leibhaftigem Ochs und Esel vergegenwärtigen ließ, wird die Weihnachtsgeschichte mit Krippen dargestellt. Von der Blüte, die dieser Brauch im 18. Jahrhundert in Rottweil mit bespielbaren Krippen erfuhr, zeugt bis heute die Herrenkramersche Krippe im Stadtmuseum. Dass sie vom zweiten Weihnachtsfeiertag bis Mariä Lichtmess „lebig” gemacht wird und Glanz und Zauber dieser Ära vermittelt, bedeutet viel Arbeit – vor allem für Alt-Stadtarchivar Dr. Winfried Hecht.

Staunende Blicke: Die Aufführungen im Stadtmuseum sind fast immer ausverkauft. Foto: Andreas Linsenmann

Selbst wenn man den obligatorischen Rottweil-Stolz einmal abzieht, der auch schon in Zeiten vor dem Rekord-Turm in der Stadt allerlei Superlative sah: Die Herrenkramersche Krippe (in der Koseform des schwäbischen Diminutivs oft liebevoll „Kripple” genannt) ist schon etwas Besonderes. Und zwar nicht nur der Ausmaße wegen, die mit dem vier Meter langen, steil ansteigenden Krippenberg und insgesamt um die 200 teils üppig ausstaffierten Figuren zweifellos Eindruck machen.

Zum einen zeichnet die Krippe aus, wie konsequent das Prinzip umgesetzt ist, die biblischen Geschehnisse mit dem jeweiligen Ort zu verknüpfen. Eine um 1760 zu datierenden Nachbildung des Rottweiler Stadtpanoramas mit Mehlsack, Prediger-, Johanniter- und Bockshofturm sowie dem damals mit Zwiebelhaube barock ausschwingenden Kapellenturm bekrönt die Anlage – und verklammert das Heilsgeschehen von Betlehem mit Rottweil. Das ist ganz im Sinne Franz von Assisis, der räumliche Distanz aufheben und den Menschen verdeutlichen wollte, was Weihnacht nach christlichem Verständnis mit jedem einzelnen zu tun hat.

Dazu passen die sehr weltlichen Szenerien, die um den biblischen Kern ausgebreitet werden und kleine Erzähl­einheiten bilden: Kapuzinerklause, Schmiede, Mühle, Bergwerksstollen, das Gasthaus „Kreuz”, Hirten und ihre Herden – die bei Lichte besehen Rottweiler sind, nicht Betlehemer.

Freilich: Imposante, detailreiche Darstellungen der Weihnacht gibt es viele – bis hin zu vor Figuren geradezu überquellenden neapolitanischen Krippen des 18. Jahrhunderts. Das eigentlich herausragende an der Herrenkramerschen Krippe ist letztlich, dass sie mit einem seit Generationen zunächst mündlich überlieferten Spiel verknüpft wird. Das macht sie unter volkskundlichen Gesichtspunkten zur interessantesten Barockkrippe im schwäbischen Raum: Eine bis in die Gegenwart in Gebrauch befindliche Spielkrippe.

In den Texten werden zum Zweck der Unterhaltung die Weihnachtsgeschichte und profane Stoffe verwoben: genrehafte Szenen aus dem Alltag, Sagenmotive, Liedtexte. Da treten neben der heiligen Familie etwa ganz selbstverständlich Doktor Eisenbart, die furchteinflößend über die Dächer von Alt-Rottweil fegende Hexe von Rheinau und der Jäger aus Kurpfalz in Erscheinung. Da zanken sich das „Jaköble” und die „Kathrin” beim Holzsägen, der Büttel schellt, der Bergmann jammert über eine Beule. Da bittet der arme Kapuziner, mit dem sich womöglich schon mancher Stadtkämmerer identifizieren konnte, um ein Almosen. Und da bricht – wie 1829 im realen Rottweil – immer wieder im Gasthaus „Kreuz” Feuer aus.

Dr. Winfried Hecht vor dem Stadtmuseum Rottweil. Foto: Andreas Lisnenmann

Dafür, dass die Krippe auch heute noch, gut zweieinhalb Jahrhunderte nach ihren Anfängen, mit traditionsreichen, doppelbödig-humorvollen Texten und Liedern, die teils schon vor­ausweisen auf das Aufsagen der Fasnet, „lebig” gemacht wird, sorgt Alt-Stadtarchivar Hecht (Bild).

Seine Verbundenheit mit der Rottweiler Krippenkunst wurzelt tief: Im Winter 1946/47 hat den damals Sechsjährigen eine Tante zu einer Krippe in der Badgasse mitgenommen – ein Relikt der hohen Krippenzeit, als es in vielen Rottweiler Bürgerhäusern imposante Weihnachtsdarstellungen gab, die eifrig aufgesucht wurden. „Mich haben damals die Kamele enorm beeindruckt, die sich schwer bepackt einen Berg hinaufgeplagt haben”, erinnert sich Hecht schmunzelnd. Nicht viel später datiert seine erste Begegnung mit der Herrenkramerschen Krippe, die damals in einem Bürgerhaus in der Flöttlintorstraße zu sehen war – ehe sie Jahre später um Haaresbreite auseinandergerissen und im Kunsthandel verhökert worden wäre.

Seit die Krippe 1986 im Stadtmuseum beheimatet ist, kümmert sich Hecht um die konservatorische Pflege. Das schließt etwa die Beschaffung von Schutzkopien für die kostbaren Originale ein, die teils abhanden kamen.

Der Historiker sorgt auch dafür, dass bei jeder der Aufführungen sechs bis neun Kinder und Jugendliche hinter den Kulissen agieren. Nach einem weitgehend festen Drehbuch lassen sie die Glöckchen der „Unterkirch” (Kapellenkirche) klingeln, den Büttel durch das Stadtprospekt stolzieren und entfachen die Wortgefechte zwischen dem Annemaregele und dem Kreuzwirt.
Das alles erfordert Organisation und Proben. „Wir treffen und meist schon zu Nikolaus”, berichtet Winfried Hecht im Gespräch mit der NRWZ. Er rekrutiert die Kinder, die dann, beginnend mit kleinen Rollen, Schritt für Schritt in die Herrenkramersche Welt hineinwachsen – und teils noch als junge Erwachsene begeistert mit dabei sind.

„Wichtig ist es, Kinder zu finden, die Rottweiler Mundart sprechen”, erläutert Hecht. Das sei noch immer gelungen. Aber der Historiker beobachtet, dass sich das lokale Idiom zusehends abschleift und an Eigenheit verliert. „Der Trend geht in Richtung SWR-Schwäbisch”, sagt Hecht. Der arme Kapuziner klangt dann eben, er habe schon sechs Wochen keinen warmen Löffelstiel mehr im Hals „ghabt” statt, wie es eigentlich auf Rottweilerisch heißt, „ghet”. Auf diese Feinheiten weist Hecht seine jungen Mitstreiter hin – und tut damit auch etwas zur Pflege der Rottweiler Mundart. Wovon nicht nur die „Krippenbuben” profitieren: Auch die Zuschauer und Zuhörer, die bei den meist ausverkauften Aufführungen dicht gedrängt im Stadtmuseum sitzen, und von Hecht bei der Vorrede mit treffsicheren Anspielungen begrüßt werden, bekommen eine sprachliche Referenz geboten.

Und nicht nur das: Sie erhalten – neben den obligatorischen kostenlosen „Brötle” aus dem Café Schädle zum Abschluss – Eindrücke von der Krippenkunst des Spätbarock, von der religiösen Mentalität der Bürgerschaft im 18. Jahrhundert sowie der Freizeitbeschäftigung der Rottweiler im 19. Jahrhundert, als prächtige Krippen zu den Sensationen der Weihnachtszeit gehörten. Das Krippenspiel gibt zudem Einblicke in Lebensformen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Nicht zuletzt erfahren Besucher etwas über das Traditionsbewusstsein im 20. und 21. Jahrhundert, mit dem dieses wertvolle, selbst in Zeiten steter Reizüberflutung noch faszinierende Krippenspiel als Teil der Rottweiler Identität und Heimatverbundenheit im besten Sinne des Wortes lebendig gehalten wurde und wird.

Denn dass dieser Brauch weiter existiert, dessen ist sich Hecht sicher. Ganz Historiker denkt der Alt-Stadtarchivar nämlich bereits an die Zeit nach seinem Wirken und hat geeignete Nachfolger für die Krippenspiel-Koordination im Blick. So oder so wird man sich 2023 in Rottweil also in die dann 800jährige Tradition des Krippenspiels einbringen – nicht nur Franz von Assisi dürfte es freuen.

Info: Das Stadtmuseum Rottweil hat dienstags bis sonntags von 14 bis 16 Uhr geöffnet und an Wochenfeiertagen geschlossen. Ein Krippenspiel mit den Darstellungen der Weihnacht, der Anbetung der Hirten, von Dreikönig und der Hochzeit zu Kanaan gibt es vom 26. Dezember bis 2. Februar sonntags und feiertags um 14, 15 und 16 Uhr. An diesen Tagen sind von 12 bis 14 Uhr zusätzliche Besichtigungen möglich. Ausgabe von kostenlosen Platzkarten jeweils am Montag vor dem jeweiligen Spiel im Stadtarchiv Rottweil, Engelgasse 13, Tel. 0741-494330, Restkarten im Museum. Für auswärtige Gruppen können gesonderte Spieltermine unter 0741-494330 angefragt werden.

 

 

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