Die Stüh­le reich­ten kaum aus bei der Ein­woh­ner­ver­samm­lung zum The­ma Hän­ge­brü­cke am Don­ners­tag­abend in der Stadt­hal­le Rott­weil. Rund 700 Besu­cher waren gekom­men, um sich vor dem Bür­ger­ent­scheid am 19. März zu infor­mie­ren. Sie sorg­ten in der drei­stün­di­gen Ver­an­stal­tung mit einer neu­tra­len Mode­ra­to­rin für eine sach­li­che Atmo­sphä­re und eine leben­di­ge Dis­kus­si­on.

Visualisiert: die mögliche Eingangssituation an der Rottweiler Hängebrücke. Fotomontagen: KTS
Visua­li­siert: die mög­li­che Ein­gangs­si­tua­ti­on an der Rott­wei­ler Hän­ge­brü­cke. Foto­mon­ta­gen: KTS

Sowohl bei den Wort­mel­dun­gen als auch beim Bei­fall waren die Befür­wor­ter in der Mehr­heit. Für Auf­se­hen sorg­te aller­dings  Ulri­ke Pla­te, die Ver­tre­te­rin des Lan­des­denk­mal­am­tes, die „erheb­li­che Beden­ken“ gegen das Sechs-Mil­lio­nen-Euro-Pro­jekt wegen der Ein­grif­fe in die his­to­risch sen­si­blen Berei­che Bocks­hof, Stadt­mau­er und Stadt­bild anmel­de­te.

Das Denkmalamt als entscheidende Behörde?

Das hät­te zunächst ein­mal kei­ne direk­ten Aus­wir­kun­gen. Not­falls muss der Gemein­de­rat in einem Abwä­gungs­pro­zess zwi­schen Ver­lust von his­to­ri­scher Sub­stanz und Wert der neu­en Attrak­ti­on für die Innen­stadt ent­schei­den.  Pro­ble­ma­ti­scher wäre es, wenn die Behör­de zum Urteil „erheb­li­che Ein­schrän­kun­gen“ käme. Dann, so Fach­be­reichs­lei­ter Lothar Huber auf Nach­fra­ge der NRWZ, müss­te das The­ma im Rah­men des Bebau­ungs­plan­ver­fah­rens in allen Details geprüft und anschlie­ßend dar­über ent­schie­den wer­den. Wenn die Stadt nicht ein­ver­stan­den wäre, könn­te sie kla­gen.

Das Suizid-Thema

Win­fried Hecht von der Bür­ger­initia­ti­ve Rott­weil ohne Hän­ge­brü­cke sprach es an. Er berich­te­te, er und sei­ne Mit­strei­ter hät­ten sich in den ver­gan­ge­nen Tagen teil­wei­se hef­ti­ger Kri­tik erweh­ren müs­sen, weil sie damit an die Öffent­lich­keit gegan­gen sei­en. Aller­dings, so beton­te Hecht, sei­en sie von einem Fach­arzt auf die Pro­ble­ma­tik auf­merk­sam gemacht wor­den.

Ober­bür­ger­meis­ter Ralf Broß wider­sprach ent­schie­den: „Uns ist das wich­tig“, beton­te er, und man sei durch­aus auch mit Fach­leu­ten im Gespräch. Die sei­en sich aber einig, dass bei öffent­li­chen Dis­kus­sio­nen die gro­ße Gefahr von Nach­ah­mern bestehe.  „Wer wirk­lich Inter­es­se hat, dass nichts pas­siert, der wählt nicht die Öffent­lich­keit“, sag­te der OB unter Bei­fall und füg­te hin­zu: „Das ist nicht ver­ges­sen, aber wir wer­den dar­über nicht mehr öffent­lich dis­ku­tie­ren.“

Visua­li­sie­rung der Hän­ge­brü­cke Rott­weil. Fotos: Eber­hardt IMMO GmbH

Die Aspekte der Hängebrücke

Ver­schie­de­ne Red­ner stell­ten  die unter­schied­li­che Aspek­te der geplan­ten Fuß­gän­ger-Hän­ge­brü­cke vor:

Ober­bür­ger­meis­ter Ralf Broß erklär­te: „Es geht um mehr als ein Bau­werk.“ Es gehe dar­um, ob sich Rott­weil abschot­ten oder Neu­em öff­nen wol­le. Das gehe nicht „ohne ein gewis­ses Risi­ko“, aber man bekom­me auf kei­nen Fall „die Kat­ze im Sack, ganz im Gegen­teil: Die Brü­cke sei „eine gro­ße Chan­ce für die Stadt“.

Inves­tor Gün­ter Eber­hardt stell­te sein Unter­neh­men vor, das im ober­schwä­bi­sche Hohen­ten­gen behei­ma­tet ist, in Schöm­berg pro­du­ziert und schon vie­le gro­ße Bau­wer­ke erreich­tet habe, unter ande­rem den Rott­wei­ler Test­turm und die Brü­cke der Nord­um­ge­hung. „Wir bau­en ger­ne Brü­cken“, sag­te Eber­hardt.

Roland Haag, sein Finanz­chef, berich­te­te, die Brü­cke wür­de nach jet­zi­gem Stand 606 Meter lang („weil wir nicht alle Grund­stü­cke bekom­men“), 1,25 Meter breit und aus hoch­wer­ti­gem Edel­stahl her­ge­stellt. Der Ein­stieg im Bocks­hof soll „ein fili­gra­nes Kon­strukt wer­den.

Bür­ger­meis­ter Alois Obe­rer aus Reu­te in Tirol erklär­te, die dor­ti­ge Hän­ge­brü­cke mit einer Län­ge von 406 Metern und Ein­trag als „längs­te Fuß­gän­ger-Hän­ge­brü­cke der Welt“ sei trotz anfäng­li­cher Skep­sis der Men­schen in der 7000-Ein­woh­ner-Gemein­de zu einer Erfolgs­sto­ry „mit einem unschätz­ba­ren Wer­be­ef­fekt in der gan­zen Welt“ gewor­den. Man habe „weit mehr als 100.000 Besu­cher, meist Tages­tou­ris­ten, pro Jahr regis­triert. Inzwi­schen pro­fi­tier­ten auch der Han­del und die Gas­tro­no­mie mehr und mehr, obwohl die Brü­cke vier Kilo­me­ter außer­halb der Ort­schaft lie­ge. „Unse­re Bür­ger sind stolz“, sag­te Obe­rer.

Der Rott­wei­ler Bür­ger­meis­ter Dr. Chris­ti­an Ruf  beton­te, Inves­tor Eber­hardt habe sich für einen Bebau­ungs­plan ent­schie­den. Das bie­te Rechts­schutz und Trans­pa­renz für Natur- und Denk­mal­schutz. Schon jetzt sei klar, dass es bei kei­ner Tier- oder Pflan­zen­art eine Beein­träch­ti­gung gebe, auch nicht beim Eis­vo­gel.

Ruf stell­te auch das Park­kon­zept vor, das bis zu 500 Plät­ze allein auf dem Ber­ner Feld bie­te, die meis­ten schaf­fe ein pri­va­ter Inves­tor. Hin­zu kom­me ein Park­haus mit 100 Stell­plät­zen hin­ter der Vil­la Dut­ten­ho­fer in der Bahn­hof­stra­ße.

Ulri­ke Pla­te vom Denk­mal­amt ging detail­liert auf das his­to­ri­sche und ein­zig­ar­ti­ge Stadt­bild von Rott­weil ein, das „eine gro­ße Wert­schät­zung“ erfah­re, aber durch die Hän­ge­brü­cke „auf­ge­bro­chen“ wer­de. Der Bocks­hof ver­kom­me „zu einer pro­fa­nen Ver­kehrs­flä­che“.  Als sie von „erheb­li­chen Beden­ken“ sprach, bekam sie von einem Teil aus dem Saal Bei­fall. Ande­re reagier­ten sicht­lich über­rascht und betrof­fen.

Mar­ke­ting-Exper­te Alex­an­der Seiz erklär­te, Rott­weil habe zwar sei­ne Über­nach­tungs­zah­len in den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren auf 60.000 pro Jahr ver­dop­pelt, trotz­dem gebe es noch „Luft nach oben“.  Bis­her wei­se Rott­weil dar­über hin­aus 1,2 Mil­lio­nen Tages­be­su­cher im Jahr auf, die pro Per­son 24 Euro aus­ge­ben, also ins­ge­samt 30 Mil­lio­nen Euro. Als ältes­te Stadt Baden-Würt­tem­bergs feh­le aller­dings ein rich­ti­ges Pro­fil.

Durch Turm und Brü­cke könn­te die Zahl der Tages­gäs­te um etwa 200.000 vor allem jün­ge­re Gäs­te auf 1,4 Mil­lio­nen gestei­gert wer­den.  Als even­tu­el­le Risi­ken nann­te Seiz, dass der Turm nur am Wochen­en­de geöff­net sei, die Kon­sum-Ange­bo­te in der Stadt nicht aus­rei­chen könn­ten und „das His­to­ri­sche etwas zurück­tritt“.

Wolf­gang Him­mel von der Agen­tur Trans­la­ke berich­te­te über die frucht­ba­re Arbeit der Dia­log­grup­pe. Die habe zehn kon­kre­te und wert­vol­le Emp­feh­lun­gen gege­ben, was zu Kos­ten­ein­spa­run­gen füh­ren kön­ne.

Win­fried Hecht und Wer­ner Fischer von der Bür­ger­initia­ti­ve Rott­weil ohne Hän­ge­brü­cke ver­wie­sen dar­auf, dass sie nicht über die Wer­be­mit­tel wie die Befür­wor­ter ver­füg­ten. Mit Fotos ver­such­ten sie zu zei­gen, dass die Brü­cke in Reut­te land­schaft­lich pas­send gebaut sei – im Gegen­satz zur Rott­wei­ler. Hier gebe es gra­vie­ren­de Ver­stö­ße gegen das Land­schafts­bild, den Natur­schutz und den Denk­mal­schutz.

Hecht wür­dig­te aus­drück­lich „die sach­li­chen Infor­ma­tio­nen“ durch die Stadt­ver­wal­tung und die Bemü­hun­gen von Inves­tor Eber­hardt. Aber „das Typi­sche von Rott­weil“ gin­ge eben ver­lo­ren.  Es dro­he „ein Ver­lust von Atmo­sphä­re und Charme.

Auch auf die Pro­ble­me mit der nahe gele­ge­nen Pre­di­ger­kir­che – mit ihren Sonn­tags-Got­tes­dienst­zei­ten – und dem Tafel­la­den wies Hecht hin.  Und er berich­te­te, dass es Leu­te „im Koro­ko“ gebe, „die ihr Haus ver­kau­fen und weg­zie­hen wol­len“. Das Koro­ko ist das an den Bocks­hof angren­zen­de Innen­stadt­vier­tel.

Ruth Stein­hil­ber vom Bür­ger­fo­rum Per­spek­ti­ven Rott­weil ver­wies zunächst auf deren Home­page (bf-rottweil.de). Sie beton­te, dass sie und ihre Mit­strei­ter Pro und Kon­tra abge­wo­gen hät­ten und zu einem ein­deu­ti­gen Ergeb­nis gekom­men sei­en: „Die Hän­ge­brü­cke ist eine gro­ße Chan­ce für Rott­weil.“

In der fol­gen­den mehr als ein­stün­di­gen Dis­kus­si­on ging es weit­ge­hend um Sach­fra­gen wie Par­ken oder die Andock­stel­len der Brü­cke, aber es gab auch kla­re Bekennt­nis­se. Zum Bei­spiel von Karin Huon­ker, der Vor­sit­zen­den des Gewer­be- und Han­dels­ver­eins. Sie beton­te, es gebe kaum eine zwei­te Stadt, in der so viel vor­an­ge­he wie der­zeit in Rott­weil. Auch die Betrie­be inves­tier­ten kräf­tig, um eine leben­di­ge Innen­stadt zu erhal­ten. „ja, wir freu­en uns auf die Hän­ge­brü­cke und auf die Besu­cher“, sag­te sie unter Bei­fall.