FDP-Stadt­rat Micha­el Ger­lich beschlei­chen in der Dis­kus­si­on um die in Rott­weil geplan­te Fuß­gän­ger-Hän­ge­brü­cke zwi­schen dem thyssenkrupp-Test­turm und der Innen­stadt gemisch­te Gefüh­le: „Wir eiern hier ziem­lich rum“, sag­te er jüngst zu sei­nen Kol­le­gen im Gemein­de­rat und füg­te war­nend hin­zu: „Das könn­te noch ein böses Erwa­chen geben.“ Tat­säch­lich sind die jüngs­ten Dis­kus­sio­nen auch für Beob­ach­ter irri­tie­rend.

Kaum vier Mona­te ist es her, dass sich die Wäh­ler mit 72 Pro­zent für die Brü­cke aus­ge­spro­chen haben. Tei­le des Gemein­de­rats schien das erst mal wenig zu inter­es­sie­ren. Als es jüngst dar­um ging, den Bür­ger­wil­len umzu­set­zen, reagier­ten sie stör­risch. Ein Streit­punkt ist der Bocks­hof.

Ist es wirk­lich so, wie man­che Befür­wor­ter unken, dass da unsicht­ba­re Kräf­te hin­ter den Kulis­sen wal­ten? Dass die Geg­ner inzwi­schen die Stra­te­gie ver­fol­gen, dem Inves­tor Gün­ter Eber­hardt, der bereit ist, sechs Mil­lio­nen Euro zu inves­tie­ren, immer neue Prü­gel in den Weg zu wer­fen – so lan­ge, bis er zer­mürbt resi­gniert und auf­gibt? Bewei­se gibt es kei­ne. Hal­ten wir uns also an Fak­ten:

Vor ziem­lich genau einem Jahr einig­te sich der Gemein­de­rat auf einen Kor­ri­dor der Brü­cken­tras­se. Im Bereich der Innen­stadt soll­te der Ein- bezie­hungs­wei­se Aus­stieg im Bocks­hof zwi­schen dem Domi­ni­ka­ner­mu­se­um und dem Pul­ver­turm sein. Das war auch Bestand­teil der Prä­sen­ta­ti­on der Ein­woh­ner­ver­samm­lung kurz vor dem Bür­ger­ent­scheid.

Als es jetzt im Gemein­de­rat um die Auf­stel­lung des Bebau­unngs­plans ging, war davon plötz­lich nicht mehr die Rede. Zuerst rück­te die Stadt­ver­wal­tung mit einem Vor­schlag an, der zu Irri­ta­tio­nen führ­te: Er sah vor, den gesam­ten Bocks­hof ein­schließ­lich Lorenz­ka­pel­le und Pul­ver­turm in den Bebau­ungs­plan ein­zu­be­zie­hen. Das wie­der­um woll­ten Freie Wäh­ler und SPD nicht hin­neh­men. Sie fürch­te­ten, dadurch kön­ne die Andock­stel­le genau dort ein­ge­rich­tet wer­den, wo man es auf kei­nen Fall will. Da nütz­te es auch nichts, dass Ober­bür­ger­meis­ter Ralf Broß und Fach­be­reichs­lei­ter Lothar Huber ver­si­cher­ten, man habe ers­tens den Plan so weit gefasst, um genau das zu ver­hin­dern und zwei­tens sei der Gemein­de­rat in allen Pha­sen Herr des Ver­fah­rens. Zwi­schen­durch sah es so aus, als ste­he das Groß­pro­jekt auf der Kip­pe. Es war dann die zumin­dest in Rott­weil unge­wohn­te Koali­ti­on von CDU und Grü­nen, die das ver­hin­der­te.

Die Stadt­ver­wal­tung zog die Kon­se­quenz und nahm in der fol­gen­den und ent­schei­den­den Sit­zung des Gemein­de­rats die Lorenz­ka­pel­le und den Pul­ver­turm aus dem Plan­be­reich her­aus. Es schien nichts zu nüt­zen. Zwar rief CDU-Frak­ti­ons­chef Gün­ter Pos­selt dazu auf, man müs­se jetzt den Wil­len der Bür­ger durch­set­zen, Jochen Bau­mann von den Grü­nen pflich­te­te ihm bei, beton­te, die Bür­ger hät­ten sich für die­sen Kor­ri­dor ent­schie­den und gera­de der Bocks­hof sei die denk­bar bes­te Visi­ten­kar­te für die Stadt.

Doch das alles konn­te die Geg­ner nicht beru­hi­gen. Jörg Stauss (Freie Wäh­ler) for­der­te, man dür­fe „die­sen Grün­gür­tel nicht schän­den und nicht mas­sa­krie­ren“. Des­halb müs­se die Andock­stel­le so weit wie mög­lich hoch in Rich­tung Domi­ni­ka­ner­mu­se­um rücken. Sein Kol­le­ge Her­mann Breu­cha bean­tra­ge des­halb, den Plan­be­reich bis zum Näge­les­gra­ben aus­zu­deh­nen.

Jür­gen Mehl (SPD) sag­te, man soll­te das tun, was die Bür­ger wol­len. Das war aller­dings vor einem Jahr. Damals dach­te er noch, „dass vie­le die Ver­schla­fen­heit der Stadt erhal­ten wol­len“. Jetzt, nach­dem sich gezeigt hat, dass ein Groß­teil gera­de das nicht will, sag­te Mehl: „Der Teu­fel steckt im Detail“ und stell­te den Antrag, den Bocks­hof ganz aus dem Plan­ge­biet her­aus­zu­neh­men.

Die­ser Antrag fand eben­so wenig eine Mehr­heit wie jener der Frei­en Wäh­ler.

Letzt­lich kam dann noch eine Mehr­heit für den Bebau­ungs­plan zustan­de, ohne den die Brü­cke nicht gebaut wer­den könn­te. Dage­gen spra­chen sich die drei SPD-Stadt­rä­te Mehl, Sass­nick, Arm­le­der, die bei­den FFR-Ver­tre­ter Hils und Frie­de­richs sowie zur all­ge­mei­nen über­ra­schung Herr­mann Klein, der Par­tei­kol­le­ge von Micha­el Ger­lich, aus. Von Klein hät­te man als Ein­zel­händ­ler eher ein gegen­tei­li­ges Votum erwar­tet. Eine Begrün­dung gab er nicht ab.

Roland Haag, der Pro­jekt­lei­ter von Inves­tor Eber­hardt, ver­folg­te die Debat­te schwei­gend, zeig­te dem Gemein­de­rat noch ein­mal, dass die Andock­stel­le etwa 18 Meter unter­halb der Trep­pe im Bocks­hof geplant sei.

Auf Nach­fra­ge unse­rer Zei­tung, ob der Inves­tor nach ein­ein­halb Jah­ren vol­ler Wider­stän­de und Dis­kus­sio­nen nicht lang­sam die Lust ver­lie­re, ant­wor­te­te Haag: „Wir set­zen unse­re Pla­nun­gen fort.“ Und er füg­te hin­zu: „Ich ver­ste­he die­se Dis­kus­si­on nicht. Die Hoh­heit liegt doch bei der Stadt. Sie bestimmt letzt­lich. Wir zah­len nur.“

An der ande­ren Front, auf dem Ber­ner Feld, sind die Wider­stän­de noch grö­ßer. Vor zwei Wochen hat­te Stadt­rat Her­bert Sau­ter (CDU) an Ober­bür­ger­meis­ter Broß, Inves­tor Eber­hard und Grund­stücks­ei­gen­tü­mer Kurt Schel­len­berg appel­liert, sich zusam­men­zu­rau­fen. Wie berich­tet, sind alle Ver­hand­lun­gen um Schel­len­bergs Grund­stücks, auf dem die Brü­cke ange­dockt wer­den soll, geschei­tert. Des­halb hat Eber­hardt von sei­nem ursprüng­li­chen Plan Abstand genom­men und die Häng­brü­cke von 850 auf 606 Meter ver­kürzt. Der Nach­teil: Die Besu­cher müs­sen einen Fuß­weg von 1,2 Kilo­me­ter in Kauf neh­men. Haag sieht dar­in kein Pro­blem. Man kön­ne die Stre­cke locker in zwölf Minu­ten bewäl­ti­gen, sie sei nur 350 Meter län­ger als die ande­re. Selbst wenn die Ver­hand­lun­gen doch noch zum Erfolg kämen, blie­be eine wei­te­re Hür­de: Ein Anwoh­ner habe ange­droht, er wer­de not­falls bis zur letz­ten Instanz kla­gen.

Gibt es doch noch eine Eini­gung? Ein Spre­cher der Stadt erklärt auf Anfra­ge: „Wir sind im Gespräch mit Herrn Schel­len­berg.“ Mehr sagt er nicht.

Die Brü­cken-Plä­ne von Eber­hardt in Bad Wild­bad kom­men ungleich schnel­ler vor­an. „Ver­mut­lich kön­nen wir Anfang des kom­men­den Jah­res mit dem Bau begin­nen“, sagt Haag. Dann könn­te sie Mit­te 2018 eröff­net wer­den. Der Ent­täu­schung von Stadt­rat Ewald Grimm (CDU) über die­se Akti­vi­tät wider­spricht Haag: „Das ist ein Geschäfts­mo­dell mit meh­re­ren Brü­cken und einem kla­ren Kon­zept.“

Der Plan in Rott­weil sieht einen Bau­be­ginn im Herbst 2018 vor. Das hie­ße, dass die „längs­te Fuß­gän­ger-Hän­ge­brü­cke der Welt“ im Früh­jahr 2019 eröff­net wer­den könn­te. Aber bis dahin muss Inves­tor Eber­hardt noch vie­le Hür­den und Wider­stän­de über­win­den. Oder erfüllt sich Micha­el Ger­lichs Befürch­tung vom bösen Erwa­chen?