Der Gaigel um die Hängebrücke

Hintergründe: Verwirrung um zweiten Investor, Empörung bei Gemeinderäten, Kritik an OB Broß

Quelle: User:Plani / de:Benutzer:Plani

Um die Irri­ta­tio­nen, Unge­reimt­hei­ten, Dis­so­nan­zen und Vol­ten der ver­gan­ge­nen Wochen rund um die geplan­te Fuß­gän­ger-Hän­ge­brü­cke in Rott­weil zu ver­ste­hen – sofern das über­haupt mög­lich ist –, lohnt sich ein Blick zurück zum 18. Okto­ber. Es war ein son­ni­ger, fast Idyl­li­scher Herbst­abend, als sich der Bau­aus­schuss des Gemein­de­rats auf dem Ber­ner Feld zum Orts­ter­min ver­sam­mel­te.

Der Platz, ein Fels­vor­sprung hoch über dem Neckar mit idea­lem Blick auf die Innen­stadt und ihre Tür­me, wirkt ide­al, auch wenn er inmit­ten von Gestrüpp in Höhe des Stein­bruchs liegt.

Hubert Nowack erin­nert sich noch gut: „Alles Frie­de, Freu­de, Eier­ku­chen.” Doch das war es allen­falls an der Ober­flä­che. In Wirk­lich­keit deu­te­ten sich hier all die Pro­ble­me an, die jetzt für Auf­re­gung sor­gen:

  • Ober­bür­ger­meis­ter Ralf Broß gab zu Beginn bekannt, dass die Besit­zer der bei­den Gründ­stü­cke, um die 900 lan­ge Brü­cke ver­wirk­li­chen zu kön­nen, jetzt „ver­hand­lungs- und ver­kaufs­be­reit” sei­en. Er habe per­sön­lich mit ihnen gespro­chen. Doch zu die­sem Zeit­punkt wuss­te Broß bereits, dass es mit dem Wald­mös­sin­ger Unter­neh­mer Joa­chim Glatt­haar einen zwei­ten Inves­tor gibt und dass sich die­ser – im Gegen­satz zu Eber­hardt – mit den bei­den Grund­stücks­be­sit­zern Bene­dikt Becker und Kurt Schel­len­berg längst einig war.
  • Als Inves­tor Eber­hardt dazu­kam, stell­te er sich in die letz­te Rei­he, kei­ner begrüß­te und beach­te­te ihn groß. Eber­hardt hat­te einen rol­len­den Meter­zäh­ler dabei, um zu zei­gen, wie groß der Lauf­weg von hier bis zum Schaf­wa­sen und dann wei­ter zum Turm ist.
  • Der Inves­tor hat­te seit Mona­ten deut­lich gemacht, dass er in einem ers­ten Bau­ab­schnitt nur bis hier­her, zum Fels­vor­sprung, bau­en wol­le. Kei­ner frag­te, wie er sich den Fuß­weg zum Turm vor­stel­le bezie­hungs­wei­se, ob er nicht doch neue Ver­hand­lun­gen auf­neh­men und doch noch die 900 Meter bau­en wol­le.
  • Die Run­de ging sang- und klang­los aus­ein­an­der, ohne bis zum Schaf­wa­sen oder gar zum Turm zu lau­fen, um sich einen Ein­druck zu ver­schaf­fen. Der Bau­aus­schuss arbei­te­te anschlie­ßend im Rat­haus rou­ti­ne­mä­ßig die Tages­ord­nung ab, über die Brü­cke wur­de kein Wort ver­lo­ren. Erst in der nicht­öf­fent­li­chen Sit­zung infor­mier­te Broß, dass es einen zwei­ten Inter­es­sen­ten gebe, der den zwei­ten Bau­ab­schnitt rea­li­sie­ren wol­le, Namen nann­te er nicht.
  • Am nächs­ten Tag bestä­tig­te der OB auf Anfra­ge der NRWZ das Inter­es­se des zwei­ten Inves­tors.

Wie kam es überhaupt dazu?

Im Gespräch mit unse­rer Zei­tung berich­tet der OB, Ende Juli habe es eine Anfra­ge von Alfons Bürk gege­ben, ob der Unter­neh­mer Joa­chim Glatt­haar zu einem Gespräch ins Rat­haus kom­men kön­ne wegen eines Invests bei der Brü­cke. Das sei ihm zuge­sagt wor­den. Er, Broß, habe am 28. Sep­tem­ber das bis­her ein­zi­ge Mal mit Glatt­haar gespro­chen. Zusa­gen von der Stadt­ver­wal­tung habe es nicht gege­ben.

Glatt­haar mach­te in der ver­gan­ge­nen Woche gegen­über der NRWZ öffent­lich, dass er mit den bei­den Grund­stücks­ei­gen­tü­mern einig sei. Und er beton­te, dass er den zwei­ten Bau­ab­schnitt „im Kon­sens” mit Eber­hardt regeln wol­le. Für ihn kom­me nur die lan­ge Ver­si­on, er wol­le „die Markt­füh­rer­schaft”. Heißt: Glatt­haar kann sich auch vor­stel­len, die gesam­te Brü­cke zu über­neh­men. Das Pro­blem: Eber­hardt war weder von OB Broß noch von Glatt­haar über des­sen Absich­ten infor­miert wor­den – er erfuhr es aus der Zei­tung. Genau gleich ging es den Stadt­rä­ten, was die Tur­bu­len­zen nur noch ver­schärf­te. Das umso mehr, als am Don­ners­tag ver­gan­ge­ner Woche ein wei­te­res Gespräch der Stadt­ver­wal­tung mit Glatt­haar statt­fand. Dies­mal unter Vor­sitz von Bür­ger­meis­ter Ruf, der den in Urlaub wei­len­den OB ver­trat. Über den Inhalt schwei­gen bei­de Sei­ten.

„Wir Stadt­rä­te sind auf die Zuschau­er­rän­ge ver­bannt und kön­nen nur den Kopf schüt­teln, weil rat­los ob der ver­wor­re­nen Situa­ti­on”, kri­ti­siert Hubert Nowack, Spre­cher der Grü­nen. Nicht nur er, son­dern auch Gün­ter Pos­selt, Frak­ti­ons­chef der CDU, und Forum für Rott­weil übten teils hef­ti­ge Kri­tik an der Infor­ma­ti­ons­po­li­tik des Ober­bür­ger­meis­ters und bekann­ten sich zu Inves­tor Eber­hardt (sie­he NRWZ.de). Der hat­te nach den Tief­schlä­gen einen – Vor­sicht Wort­spiel – Durch­hän­ger, schwank­te kurz zwi­schen Unver­ständ­nis, Empö­rung und Resi­gna­ti­on, fass­te sich dann aber schnell wie­der und zeigt sich jetzt wild ent­schlos­sen, mit dem ers­ten Bau­ab­schnitt so schnell wie mög­lich zu begin­nen.

Bene­dikt Beckert, Besit­zer des Grund­stücks beim Stein­bruch, bestä­tigt auf Anfra­ge, er habe mit Joa­chim Glatt­haar „eine Ver­ein­ba­rung”, wenn auch noch kei­nen Ver­trag geschlos­sen, aber die­se Ver­ein­ba­rung gel­te für ihn. Trotz­dem wol­le er noch abwar­ten, bis Anfang Dezem­ber alle Betei­lig­ten anwe­send sei­en. Sein Ziel, so Beckert, sei für Rott­weil „die längs­te Hän­ge­brü­cke der Welt mit 900 Meter in einem Bau­ab­schnitt”.

Offen bleibt zunächst die Fra­ge nach dem zwei­ten Bau­ab­schnitt. „Herr Glatt­haar hat jetzt auch die Trümp­fe in die­sem Gai­gel in der Hand”, fürch­tet Hubert Nowack (zum Ver­ständ­nis für Nicht-Schwa­ben: Gai­gel ist ein Spiel mit dop­pel­ten Kar­ten). Noch nicht ganz, denn Pro­fes­sor Kurt Schel­len­berg erklär­te auf Nach­fra­ge, dass er sich zwar tat­säch­lich mit Glatt­haar einig sei, die Ver­trä­ge aber noch nicht nota­ri­ell unter­schrie­ben sei­en. Er sei offen für ein Gespräch mit Eber­hardt.

Ent­schei­dend ist jetzt, wie es wei­ter­geht. OB Broß trat am Mitt­woch­abend im Ver­wal­tungs­aus­schuss des Gemein­de­rats den geord­ne­ten Rück­zug an. Er stell­te sich „klar” hin­ter Inves­tor Eber­hardt, bedau­er­te, „dass der Ein­druck enstan­den ist, wir woll­ten ihn hin­aus­drän­gen”, schlug vor, „dass sich alle Betei­lig­ten an einen Tisch set­zen und zeig­te sich offen für einen Vor­schlag von Stadt­rat Jens Jäger, eine Dia­logrun­de ein­zu­set­zen.

Aller­dings wies Broß auch dar­auf hin, dass Eber­hardt sich auf die Lösung mit 606 Meter fest­ge­legt und Inter­es­sent Glatt­haar ange­bo­ten habe, di rest­li­chen 300 Meter bis zum Schaf­wa­sen zu bau­en.

Gün­ter Eber­hardt hat gegen­über der NRWZ ange­kün­digt, even­tu­ell noch ein­mal auf Kurt Schel­len­berg zuzu­ge­hen. Für Mit­te Novem­ber ist ein Gespräch mit Eber­hardt im Rat­haus ter­mi­niert, dann sol­len die Gut­ach­ten, Plä­ne, Kon­zep­te und Ver­trä­ge auf den Tisch sol­len. Joa­chim Glatt­haar ist bis zum 8. Dezem­ber mit ande­ren Ter­mi­nen belegt. Ob sich der Gemein­de­rat, der die gro­ße Lösung will, zufrie­den gibt, ist offen. Hans-Peter Alf (CDU) beklag­te, dass die Stadt­rä­te alle Infor­ma­tio­nen aus der Pres­se „erfah­ren muss­ten”. „Das ist eine Miss­ach­tung des poli­ti­schen Gre­mi­ums”, schimpf­te Hei­de Frie­de­richs in Rich­tung Ober­bür­ger­meis­ter. Der ent­geg­ne­te: „Ich ver­ste­he Sie, ich kann das nach­voll­zie­hen.”

Kommentar: Die Rolle der Medien

Die Stel­lung­nah­me der Frei­en Wäh­ler-Frak­ti­on im Gemein­de­rat bie­tet Anlass, über die Rol­le der Pres­se nach­zu­den­ken. In dem von Dr. Mar­tin Hiel­scher unter­zeich­ne­ten Schrei­ben heißt es neben wei­te­ren Anspie­lun­gen unter ande­rem: „Die aktu­el­len, öffent­li­chen Dis­kus­sio­nen unter­gra­ben das Ver­trau­en zwi­schen Stadt­ver­wal­tung und Inves­tor und gefähr­den damit das Pro­jekt als Gan­zes!” Die Dis­kus­si­on wird in den Zei­tun­gen geführt, also sind sie auch ange­spro­chen.

Des­halb zunächst Grund­sätz­li­ches: Es ist Auf­ga­be der Pres­se, ers­tens die Bür­ger nicht nur zu infor­mie­ren, son­dern auch sie auf­zu­klä­ren, und zwei­tens die Arbeit von Poli­tik, Behör­den und ande­ren Insti­tu­tio­nen kri­tisch zu beglei­ten. Das ist hier gesche­hen, nicht mehr und nicht weni­ger.

Dar­aus folgt in die­sem kon­kre­ten Fall die Fra­ge, ob die Bericht­erstat­tung wirk­lich das gesam­te Pro­jekt gefähr­det. Die Ant­wort ist ein kla­res Nein, und das lässt sich auch leicht bele­gen.

Der eine oder ande­re Jour­na­list hat nicht alles geschrie­ben, was er weiß, weil es auch in die­sem Beruf um Ver­ant­wor­tung geht. Aber ent­schei­dend ist etwas ande­res: Jour­na­lis­ten, die erfah­ren, dass seit drei Mona­ten Geheim­ver­hand­lun­gen mit einem zwei­ten Inves­tor lau­fen und dann nicht dar­über berich­ten wür­den, hät­ten ihren Beruf ver­fehlt. Es ist im übri­gen ein Wider­spruch, wenn die Frei­en Wäh­ler „Infor­ma­tio­nen auf Augen­hö­he” ein­for­dern, aber kri­ti­sie­ren, wenn die­se Infor­ma­tio­nen aus den Medi­en kom­men, weil sie die Stadt­ver­wal­tung nicht lie­fert.

Die Bür­ger haben sich in einer Abstim­mung mit 72 Pro­zent für die Hän­ge­brü­cke mit Inves­tor Gün­ter Eber­hardt ent­schie­den, des­halb haben sie auch ein Anrecht auf die vol­le Wahr­heit. Die Bericht­erstat­tung, die bei­de Sei­ten ein­an­der durch­aus näher brach­te, hat viel­leicht sogar ver­hin­dert, dass es zum „GAU” kommt. Ober­bür­ger­meis­ter Broß war klug genug, sei­ne Ver­säum­nis­se nicht zu recht­fer­ti­gen, son­dern eher ein­sich­tig zu rela­ti­vie­ren. Ein wei­te­res Mal soll­te ihm aller­dings eine solch ekla­tan­te Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pan­ne nicht mehr pas­sie­ren.

Es geht um ein Jahr­hun­dert­pro­jekt für die­se Stadt und es geht – nach dem Bür­ger­ent­scheid – dar­um, ob die Brü­cke in vol­ler Län­ge, in Zwei-Drit­tel-Län­ge, mit einem ande­ren Inves­tor oder gar nicht gebaut wird. Und weil das ent­schei­dend mit den Grund­stü­cken zusam­men­hängt, müs­sen die Besit­zer ertra­gen, dass dar­über öffent­lich dis­ku­tiert wird, auch wenn’s ver­ständ­li­cher­wei­se nicht ange­nehm ist. In die­sem Fall steht das öffent­li­che Inter­es­se vor dem Ein­zel­in­ter­es­se.

Des­halb wären die Medi­en in die­sem Fall allen­falls dann angreif­bar, wenn sie falsch oder auch nur unkor­rekt berich­tet hät­ten. Dafür gibt es aber kei­ner­lei Anzei­chen. Ganz im Gegen­teil. Lothar Häring