Der „große Tag für Rottweil“ hinterlässt noch ein paar Fragen

HÄNGEBRÜCKE Warum der Bürgerentscheid nicht nur wegen des eindeutigen Ergebnisses ein Erfolg ist

Rottweil sagt „Ja“. Der Bürgerentscheid ist gültig und er ist klar: Rund 70 Prozent der Bürger von Rottweil, die am Entscheid teilgenommen haben, wollen eine Hängebrücke zwischen Testturm und Innenstadt. Unter großem Applaus verkündete Oberbürgermeister Ralf Broß, selbst Brücken-Befürworter, das Ergebnis bereits gut eine halbe Stunde nach Schließung der Wahllokale. Das freute die „Brückenbauer” später bei ihrer Party im Café Lehre. Unser Bild zeigt von links: Projektentwickler Martin Kathrein, Projektleiter Roland Haag, Investor Günter Eberhardt und Marketingleiter Stefan Walliser. Foto: Ralf Graner

Am Sonn­tag kurz nach 18.30 Uhr, als alles vor­bei und ent­schie­den ist, steigt Ober­bür­ger­meis­ter Ralf Broß aufs Podi­um vorm alten Rat­haus und stellt unter dem Applaus der zahl­rei­chen Bür­ger fest: „Das ist ein gro­ßer Tag für Rott­weil. Der Bür­ger­ent­scheid hat ein ein­deu­ti­ges Ergeb­nis gebracht. Die Brü­cke kann gebaut wer­den. Mehr braucht man dazu nicht zu sagen.“ Wirk­lich nicht? Zwar haben die Befür­wor­ter klar mit 71,6 zu 28,4 Pro­zent gewon­nen. Aber damit ist das letz­te Wort noch längst nicht gespro­chen.

Am Frei­tag, zwei Tage vor der Wahl, wächst die (An-)Spannung. Die SPD-Gemein­de­rats­frak­ti­on mit ihren drei Mit­glie­dern voll­zieht zur all­ge­mei­nen Ver­wun­de­rung die kom­plet­te Wen­de. Plötz­lich wer­den aus Brü­cken-Befür­wor­tern Brü­cken-Geg­ner. Die Begrün­dung: Ers­tens hal­te sich Gün­ter Eber­hardt, der Inves­tor, nicht an den vom Gemein­de­rat beschlos­se­nen Kor­ri­dor der Andock­stel­le im Bocks­hof. Zwei­tens wei­ge­re er sich, die Stadt an den Ein­nah­men zu betei­li­gen und für Rott­wei­ler, drit­tens, einen ermä­ßig­ten Ein­tritts­preis zu gewäh­ren. Die ers­te Reak­ti­on von Eber­hardt fällt ori­gi­nal ober­schwä­bisch aus: „Jo, was isch jetz au dees?” Dann stellt er klar, dass er sich mit sei­nen vor­läu­fi­gen Plä­nen sehr wohl im Kor­ri­dor befin­de. Es kommt die Fra­ge auf, war­um ein Mann, der in die­ser Stadt sechs Mil­lio­nen Euro inves­tie­re und ein nicht uner­heb­li­ches Risi­ko ein­ge­he, noch wei­te­re Geschen­ke ver­tei­len soll. Und immer mehr wun­dern sich, wie man in Rott­weil – unab­hän­gig von der SPD – mit Inves­to­ren umgeht.

SPD-Stadt­rat Ralf Arm­le­der erklärt auf Anfra­ge, den Aus­schlag hät­ten letzt­lich die Beden­ken des Lan­des­denk­mal­am­tes bei der Bür­ger­ver­samm­lung gege­ben. Er macht deut­lich, dass ihm die in Rott­weil um sich grei­fen­de „Gold­grä­ber­stim­mung“ lang­sam unge­heu­er wird. Zudem wür­de den Inves­to­ren immer grö­ße­re Zuge­ständ­nis­se gemacht.

Freu­de: OB Broß, Bür­ger­meis­ter Ruf (Mit­te) und Inves­tor Eber­hardt (rechts). Foto: Ralf Gra­ner

Zwei Tage spä­ter. Das Ergeb­nis steht fest. Ober­bür­ger­meis­ter Broß wirkt wie befreit. Es ging ja nicht nur um das drit­te Jahr­hun­dert-Pro­jekt nach Gefäng­nis und Turm bin­nen weni­ger Jah­re, es ging indi­rekt auch um die Wie­der­wahl von Broß. Wenn ein nam­haf­ter Kan­di­dat je noch mit dem Gedan­ken gespielt haben soll­te, sich zu bewer­ben, dann muss­te er auf einen Dämp­fer für Broß beim Bür­ger­ent­scheid hof­fen.

Der blieb aus, und damit haben sich wohl die Ambi­tio­nen der Frei­en Wäh­ler auf ernst­haf­te Kon­kur­renz für den OB erle­digt. Sie hiel­ten sich im Wahl­kampf – anders als noch beim Gefäng­nis mit Wal­ter Steg­mann an der Spit­ze – ohne­hin auf­fal­lend zurück, der­weil CDU, FDP und teil­wei­se auch die Grü­nen offen­siv für die Brü­cke war­ben.

Etwas abseits der fröh­li­chen Men­ge: die Brü­cken­geg­ner Wer­ner Fischer (Mit­te) und Dr. Win­fried Hecht im Inter­view mit dem SWR. Spä­ter las­sen sich die Bei­den bei der Sie­ges­fei­er im Café Leh­re sehen. Foto: Ralf Gra­ner

Win­fried Hecht und Wer­ner Fischer von der Bür­ger­initia­ti­ve Rott­weil ohne Hän­ge­brü­cke ste­hen an die­sem Sonn­tag­abend etwas abseits der gro­ßen Men­ge, die den Sieg fei­ert. Wäh­rend Fischer noch ver­sucht, die Schlacht des Wahl­kampfs wei­ter­zu­füh­ren und beschreibt, wie schlimm das alles wer­de, wenn die Brü­cke kommt, hält sich Hecht kei­ne Sekun­de damit auf. Er akzep­tiert das Ergeb­nis mit fast hei­te­rer Gelas­sen­heit, im bes­ten demo­kra­ti­schen Stil, sagt „Mei­ne Ent­täu­schung ist gar nicht so groß“ und wen­det sich sogleich der Zukunft zu. Und da sieht Hecht durch­aus Licht­zei­chen am Hori­zont. „Es sind noch vie­le Fra­gen offen“, sagt er und deu­tet an, dass er vor allem auf das Denk­mal­amt setzt, dass aber auch betrof­fe­ne Haus­be­sit­zer dar­über nach­den­ken wür­den, „die Gerichts­bar­keit“ anzu­ru­fen.

Da kommt Inves­tor Gün­ter Eber­hardt auf Hecht zu, nicht in Sie­ger­po­se, eher zurück­hal­tend. Er gibt dem Wider­sa­cher die Hand und lädt ihn ein auf ein Bier im Café Leh­re. Hecht weicht aus, mag nicht zusa­gen, ver­si­chert aber, es gehe ihm um die Sache, nicht um Per­sön­li­ches.

Eber­hardt hat­te sich ein Ergeb­nis von 80 zu 20 gewünscht, sagt aber jetzt, er sei damit „total zufrie­den“. Jetzt wer­de man zunächst mit Pro­be­boh­run­gen für die geplan­ten Pfei­ler begin­nen. Und dann sagt Eber­hardt noch: „Wir sind kom­pro­miss­be­reit.“

Dan­kes-Anzei­ge der Brü­cken­bau­er in der NRWZ zum Wochen­en­de.

Welch ein Unter­schied zum Beginn. Gün­ter Eber­hardt war vol­ler Eupho­rie nach Rott­weil gekom­men, woll­te eine 850 Meter lan­ge Brü­cke bau­en. Man stell­te ihm in Aus­sicht, bis Juni – wohl­ge­merkt 2016 – die Bau­ge­neh­mi­gung zu bekom­men. Dann muss­te er einen Tief­schlag nach dem ande­ren ein­ste­cken und vie­le Schar­müt­zel bestehen. Zwei Grund­stücks­ei­gen­tü­mer bei der geplan­ten Andock­stel­le am Schafs­wa­sen stell­ten sich quer und ein Anlie­ger droh­te, er wer­de not­falls bis zur letz­ten Instanz kla­gen.

Eber­hardt ver­han­del­te gedul­dig, doch als er die Aus­sichts­lo­sig­keit erken­nen muss­te, plan­te er um und ent­schied sich für eine kür­ze­re Tras­se von 606 Meter, was nach jet­zi­gem Stand immer noch die längs­te Fuß­gän­ger-Hän­ge­brü­cke der Welt wäre.

Einer der Grund­stücks­be­sit­zer, die Eber­hardt Pla­nung und Leben schwer machen, ist Pro­fes­sor Kurt Schel­len­berg, der lang­jäh­ri­ge Stadt­rat der Frei­en Wäh­ler. Er wol­le eine alte Rech­nung mit der Stadt­ver­wal­tung beglei­chen und schal­te des­halb auf stur, ist seit Wochen ein Tuschel­the­ma in der Stadt. Auf Anfra­ge erklärt Schel­len­berg, er habe damals das Grund­stück gekauft, um es bebau­en zu kön­nen. Das habe ihm die Stadt ver­wehrt. Des­halb sei jetzt zunächst die Ver­wal­tung am Zug, sie müs­se Bau­recht schaf­fen. Erst dann bestehe eine Basis, um wei­ter mit dem Inves­tor zu ver­han­deln.

Bür­ger­meis­ter Dr. Chris­ti­an Ruf erklärt auf Anfra­ge, die Stadt wer­de Bau­recht für die Hän­ge­brü­cke schaf­fen, wenn sich der Inves­tor und der Grund­stücks­be­sit­zer eini­gen. Das klingt nach einem Patt.

Gün­ter Eber­hardt kämpft mitt­ler­wei­le seit mehr als einem Jahr gegen unter­schied­li­che Wider­stän­de in Rott­weil. Er hat bis­her nach Anga­ben von Roland Haag, sei­nem kauf­män­ni­schen Chef und Pro­jekt­lei­ter der Hän­ge­brü­cke, rund 150.000 Euro aus­ge­ge­ben, ohne dass auch nur ein ein­zi­ger Stein umge­dreht wor­den wäre. Für die lan­ge Tras­se bräuch­ten sie auch den Stein­bruch am Schaf­wa­sen und damit das Ja von Eigen­tü­mer Bene­dikt Becker. Aber auch da hakt’s gewal­tig. „Wir müs­sen irgend­wann zu einer Lösung kom­men“, sagt Haag. Und so sind sie ent­schlos­sen, an den Plä­nen für die 606-Meter-Vari­an­te fest­zu­hal­ten. Not­falls sei­en sie jeder­zeit so varia­bel, um spä­ter zu ver­län­gern.

Das ist aller­dings noch die gerings­te Unwäg­bar­keit. Ungleich schwe­rer wie­gen ande­re Zwei­fel und Fra­gen:

  • Kann das Denk­mal­amt die Brü­cke stop­pen?
  • Zie­hen Anwoh­ner wirk­lich vor Gericht und wel­che Chan­cen haben sie?
  • Wel­che Gefah­ren birgt das Bebau­ungs­plan­ver­fah­ren für den Inves­tor?
Auch die Rott­wei­ler Stadt­ver­wal­tung bedankt sich.

Doch zunächst wird gefei­ert. Erst ein­mal hat Gün­ter Eber­hardt für die­sen his­to­ri­schen Sonn­tag­abend – unab­hän­gig vom Aus­gang des Bür­ger­ent­scheids – das Café Leh­re frei­ge­hal­ten. Eine Stun­de nach der Rede des OB ist es rap­pel­voll, fast nur mit Befür­wor­tern. Dann tre­ten, unver­mit­telt, zwei Geg­ner ein: Dr. Win­fried Hecht und Wer­ner Fischer. Es wird mehr als eine kur­ze Stipp­vi­si­te. Hecht ist dem Ver­neh­men nach ziem­lich lan­ge in Gesprä­che mit den Befür­wor­tern ver­tieft. Auch wegen die­ser klei­nen, aber alles ande­re als selbst­ver­ständ­li­chen Ges­te mit gro­ßer Wir­kung ist es „ein gro­ßer Tag für Rott­weil.”