Für „mega-pein­lich“ hält der Autor, Publi­zist  und ehe­ma­li­ge Rott­wei­ler Mar­tin Hecht den Auf­zug­test­turm und die geplan­te Hän­ge­brü­cke. Bei­des sei­en Pres­ti­ge­ob­jek­te und bei­de brau­che kein Mensch. Des­halb habe er über bei­de geschrie­ben. In der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung (FAZ) ist Hechts Bei­trag vor ein paar Tagen erschie­nen und er ist auch den Rott­wei­lern auf­ge­fal­len. Außer­dem ist da der Nach­na­me. Mar­tin Hecht wird doch nichts mit Dr. Win­fried Hecht, dem Brü­cken­geg­ner, zu tun haben?

Das Ding ist ein Schock. Ein Mega­turm, fast 250 Meter hoch. Mit­ten auf dem Land. Am Ran­de eines so schmu­cken Städt­chens. In Rott­weil am Neckar kann man seit kur­zem einen archi­tek­to­ni­schen Koloss besich­ti­gen, der sei­nes­glei­chen sucht.”

Das sind die ers­ten Zei­len des Bei­trags von Mar­tin Hecht in der FAZ, online am Frei­tag erschie­nen. Das Res­sort, das den Text bringt, nennt sich „Debat­ten”, was man viel­leicht vor­aus­schi­cken muss, denn um Aus­ge­wo­gen­heit geht es da nicht. Eher um „inter­es­san­te Debat­ten über aktu­el­le The­men. Von Fra­gen des All­tags über Pro­ble­me der Poli­tik bis zu Zukunfts­pro­gno­sen.” Mit der Auf­for­de­rung: „Dis­ku­tie­ren Sie mit!” Ein Bei­trag, der sich auch schon in der hie­si­gen Tages­zei­tung fand, in der FAZ ist er damit im Zweit­ab­druck.

Der Auf­for­de­rung, zu dis­ku­tie­ren fol­gen ein paar FAZ-Leser. Hechts Bei­trag pola­ri­siert. Etwa schon in der Ein­lei­tung, wenn er über Rott­weil sagt: „… Doch jetzt steht dort ein 250 Meter hoher Tower, in dem Fahr­stüh­le getes­tet wer­den. Ist das modern oder ein Skan­dal?” Eine Fra­ge, die wie ande­re auch unbe­ant­wor­tet bleibt, bezie­hungs­wei­se deren Beant­wor­tung Hecht sei­nen Lesern über­lässt.

Hecht erzählt, ohne jeman­den zu zitie­ren, dass die­ser erho­be­ne Zei­ge­fin­ger von Turm von vie­len gehasst wer­de. Und dass er für ande­re er „eine Art The­ra­pie” sei. Gegen die Angst der Pro­vinz, abge­hängt zu wer­den. Das ist Hechts zen­tra­les The­ma: Rott­weils Angst vor der Bedeu­tungs­lo­sig­keit. Der Ver­such der Stadt, sich „ein für alle Mal vom Fluch des Hin­ter­wäld­ler­tums” zu erlö­sen. „Statt hei­mi­sche Iden­ti­täts­res­sour­cen zu stär­ken, sucht man die Lösung in Beton”, sagt Hecht. Das Ergeb­nis: „Nichts ist pro­vin­zi­el­ler als die Pro­vinz, wenn sie sich groß­städ­tisch gebär­det.”

Ho, Brau­ner, mag man da in Rott­weil rufen. Das geht ein biss­chen flott mit der Abstem­pe­lei, möch­te man mei­nen. Zumal doch nicht ganz von der Hand zu wei­sen ist, dass der Turm nicht etwa, wie von Hecht klas­si­fi­ziert, eines die­ser Pres­ti­ge­pro­jekt ist, wie sie in Klein­städ­ten aus dem Boden und in die Höhe wach­sen. Son­dern ein Indus­trie­bau, des­sen Höhe sich aus dem Ver­wen­dungs­zweck ergibt – näm­lich Auf­zü­ge zu tes­ten.

Selbst­ver­ständ­lich kann auch ein Indus­trie­bau ein Pres­ti­ge­ob­jekt sein”, erklärt Hecht, von der NRWZ befragt, „zumal ein solch impo­san­ter und zumal dann, wenn man sei­tens der Stadt einen so hohen Auf­wand betrie­ben hat, ihn ’nach Rott­weil zu holen‘.” Das ist, was Hecht den „Stadt­obe­ren”, wie er sie nennt, ankrei­det: dass sie „zur eige­nen Auf­wer­tung” gera­de­zu das „Heil in Kom­pa­ra­ti­ven” suche, „die die Kon­tras­te her­vor­tre­ten las­sen.”

Ohne­hin geht’s Hecht am Ende nicht dar­um, des Tur­mes Höhe infra­ge zu stel­len.  Son­dern, war­um das Ding aus­ge­rech­net in Rott­weil ste­hen müs­se.

Genau­so die Hän­ge­brü­cke, die kein Mensch braucht”, sagt der heu­te in Mainz leben­de, 52-jäh­ri­ge Autor, Publi­zist und Schrift­stel­ler Hecht. „Auch da geht’s es vor­dring­lich um Dimen­si­on und Mas­se, um den nach­hal­ti­gen Ein­druck, den man machen will. Und der muss offen­bar auf jeden Fall irgend­wie ‚mega‘ sein.” Er fin­de das eher „mega-pein­lich.” Des­we­gen habe er dar­über geschrie­ben.

Nun begibt es sich, dass Mar­tin Hecht einen stadt­be­kann­ten Namen trägt: den des Ex-Stadt­ar­chi­vars Dr. Win­fried Hecht. Letz­te­rer ist aktu­ell als einer der drei Spre­cher der Bür­ger­initia­ti­ve „Rott­weil ohne Hän­ge­brü­cke” aktiv. Er ist einer der Brü­cken­geg­ner. Und sein Sohn, Mar­tin Hecht, schreibt, die geplan­te Brü­cke sei pein­lich. Fällt da ein­fach der Apfel nicht weit vom Stamm?

Ich habe einen eige­nen Kopf und eine eige­ne Mei­nung zu den Din­gen, über die ich schrei­be.” Hecht weist jede Ein­fluss­na­me sei­nes Herrn Papa von sich, ent­spre­chen­de Ver­mu­tun­gen sogar als „unver­schämt” zurück. Auch sei es „natür­lich in Ord­nung, ja abso­lut gut und rich­tig, wenn in die­sen Tagen ein sol­cher Arti­kel erscheint, der das Gesche­hen in Rott­weil zur Abwechs­lung mal nicht beklatscht, son­dern es ganz und gar kri­tisch sieht”, erklärt Mar­tin Hecht wei­ter. Auch jetzt, da die Vor­be­rei­tung des Bür­ger­ent­scheids über die Hän­ge­brü­cke zwi­schen Turm und Stadt in Rott­weil in die hei­ße Pha­se gehe. Das die­ne der frei­en Mei­nungs­bil­dung in einem frei­en Gemein­we­sen.

Die Stadt­ver­wal­tung hält die­se „ande­re Sicht” auf den Test­turm locker aus, sagt der städ­ti­sche Pres­se­spre­cher Tobi­as Her­mann. Es sei völ­lig in Ord­nung, wenn als Debat­ten­bei­trag auch mal ein­sei­tig über den Test­turm geschrie­ben wer­de. Das tra­ge zur Mei­nungs­bil­dung bei. Aller­dings sei die Dis­kus­si­on inner­städ­tisch eigent­lich längst geführt. Denn, weit­hin sicht­ba­rer Beweis dafür: Der Turm steht.