Die Zeit wird immer knap­per und die Fra­ge drän­gen­der: Ist der thyssenkrupp-Auf­zugs­test­turm bis zum 6. Okto­ber kom­plett ein­ge­hüllt? Andre­as Schie­ren­beck, der Vor­stands­vor­sit­zen­de, scheut sich vor einer Garan­tie-Erklä­rung. „Wir sind zuver­sicht­lich“, sagt er, „aber nicht sicher.“ Sicher ist nur eins: Die offi­zi­el­le Ein­wei­hung wird auf jeden Fall am ers­ten Okto­ber-Wochen­en­de statt­fin­den.

Im Nebel: die Spit­ze des Test­turms am Mon­tag. Gese­hen vom Klip­pen­eck aus. Foto: Hol­ger Grü­ne­wald

So oder so, es ist der vor­läu­fi­ge End­punkt einer Erfolgs­ge­schich­te mit Rekord­wer­ten. Es ist nicht über­lie­fert, wie lan­ge der Turm­bau zu Babel gedau­ert hat. Aber: Allein die pla­ne­ri­sche Rekon­struk­ti­on nahm 20 Jah­re in Anspruch. Der Turm­bau zu Rott­weil dau­er­te gera­de mal drei Jah­re – ein­schließ­lich Pla­nung, Bebau­ungs­plan­ver­fah­ren und mit Ein­hal­tung der Kos­ten. Die ältes­te Stadt Baden-Würt­tem­bergs hält zwar kei­nem Ver­gleich mit dem bibli­schen Babel stand, aber „der Koloss von Rott­weil“, wie ihn die Süd­deut­sche Zei­tung nann­te, gilt als Meis­ter­werk deut­scher Bau­kunst und damit auch als Anti­typ zu ande­ren Groß­pro­jek­ten wie Elb­phil­har­mo­nie Ham­burg, Oper Köln oder Flug­ha­fen Ber­lin. Doch auf den letz­ten Metern kam dann doch noch ein Rück­schlag nach dem ande­ren.

Der nack­te Beton-Rund­ling mit 246 Metern Höhe sträubt sich mit allen Poren gegen sein Kleid­le, wie man in Rott­weil gemein­hin die Ver­klei­dung nennt. Dabei soll er ein beson­ders fei­nes Tuch erhal­ten: ein tef­lon­be­schich­te­tes, Schmutz abwei­sen­des Glas­fa­ser­ge­wer­be ganz in Weiß, das sich je nach Licht­ein­strah­lung ver­färbt. Ent­spre­chend kom­plex ist die Mon­ta­ge.

Das liegt schon dar­an, dass der Turm etwa 30 Zen­ti­me­ter schwankt und sich bei ent­spre­chen­der Son­nen­ein­ein­strah­lung um mehr als 15 Zen­ti­me­ter zur Schat­ten­sei­te hin krümmt. Hin­zu kommt die tech­nisch über­aus anspruchs­vol­le Mon­ta­ge. „So schwie­rig hät­ten wir uns das nicht vor­ge­stellt“, räu­men die Exper­ten der Fir­ma Tai­yo Euro­pe aus Mün­chen ein, die auch das Dach des neu­en Sta­di­ons von Atle­ti­co Madrid mit die­sem neu­ar­ti­gen Mate­ri­al baut. „Aber auf so einem hohen Turm – das ist welt­weit ziem­lich ein­zig­ar­tig“, berich­ten sie. Ers­te Plä­ne, alles mit Fas­sa­den­klet­te­rern und Kör­ben zu bewerk­stel­li­gen, erwie­sen sich als nicht rea­li­sier­bar. So ent­wi­ckel­te die Fir­ma den Pro­to­typ einer 110 Ton­nen schwe­ren Auf­zugs-Platt­form („Fäh­re“), die per Zahn­rad von unten nach oben und umge­kehrt fah­ren kann, die nach län­ge­rer Test­pha­se aber erst noch der TÜV abneh­men muss­te. Gut 5800 Bohr­lö­cher in die Beton­hül­le waren nötig, um 1100 Stahl­röh­ren zu ver­an­kern und so die 72 Mem­branfelder mit einem Gewicht von allei­ne 70 Ton­nen zu befes­ti­gen.

Jetzt, da die Tech­nik vor­han­den ist, macht das Wet­ter Pro­ble­me. Nach wie vor sind Fas­sa­den­klet­te­rer nötig, wenn auch deut­lich weni­ger, aber die kön­nen bei mehr als fünf Stun­den­ki­lo­me­tern nicht auf­stei­gen – zu gefähr­lich.

So ist die von oben begon­ne­ne Mon­ta­ge der zwölf auf 18 Meter gro­ßen Mem­bran­fel­der mit einem Gewicht von jeweils rund acht Zent­nern inzwi­schen bei 170 Metern ange­langt. Ob das reicht für die Ein­wei­hung am ers­ten Okto­ber-Wochen­en­de? Kei­ner will das garan­tie­ren.

Aber die Spe­zia­lis­ten von Tai­yo, die aus ver­schie­de­nen Län­dern nach Rott­weil gekom­men sind, geben alles. Sie arbei­ten im Wort­sinn Tag und Nacht und das unter extre­men Bedin­gun­gen. Es ist kör­per­li­che Schwerst­ar­beit, die aber auch Fein­ar­beit erfor­dert. Nur zwi­schen fünf Uhr mor­gens und sie­ben Uhr mor­gens ist Ruhe am Turm.
Jetzt hängt alles vom Wet­ter ab. thyssenkrupp-Chef Schie­ren­beck lässt für einen Augen­blick erah­nen, wie es in den ver­gan­ge­nen Mona­ten hin­ter den Kulis­sen zuge­gan­gen sein muss. „Damit haben wir nicht gerech­net. Das ist ärger­lich und tut weh“, sagt er, wahrt dann aber schnell wie­der die Fas­sung.

Ent­schei­dend sei, betont Schie­ren­beck, dass der Test­be­trieb plan­mä­ßig seit Dezem­ber lau­fe und die Kos­ten von 40 Mil­lio­nen Euro ein­ge­hal­ten wor­den sei­en. Die Mehr­kos­ten für die Außen­hül­le, die jetzt noch leicht bräun­lich wirkt, durch Son­nen­ein­strah­lung aber im Lau­fe der Zeit weiß wird, muss Tai­yo über­neh­men.

Am Ein­wei­hungs­ter­min, ver­si­chert Schie­ren­beck, wer­de sich – unab­hän­gig von der Außen­hül­le – nichts mehr ändern.

Braun statt Weiß Die bräun­li­che Far­be der ers­ten Mem­bra­ne hat über­rascht. „Wenn man in Rott­weil vom neu­en Turm gespro­chen hat oder Illus­tra­tio­nen davon zu sehen bekam, war die Außen­hül­le des thyssenkrupp-Test­tur­mes immer in einem sehr hel­len Grau oder Weiß dar­ge­stellt”, sagt etwa der Foto-Desi­gner Peter Laqua stell­ver­tre­tend für vie­le Rott­wei­ler Bür­ger. Die nun hän­gen­de tex­ti­le Ver­klei­dung habe mit den Illus­tra­tio­nen aber so gar nichts gemein, lau­tet Laquas Urteil. „Ganz im Gegen­teil, die Far­be der Hül­le erin­nert eher an einen gebrauch­ten Kaf­fee­fil­ter”, sagt er. Oder an einen Kar­tof­fel­sack, wie der Wer­be­fach­mann Jür­gen „Jockel” Rei­ter kom­men­tiert. Laqua wie­der­um: „Viel­leicht ist es aber auch nur ein Test und die rich­ti­ge Ver­klei­dung kommt noch. Man darf auf jeden Fall gespannt sein.” Er habe bereits eine Ver­mu­tung, wie thyssenkrupp das ver­spro­che­ne Weiß errei­chen kön­ne … Foto­mon­ta­ge: Peter Laqua

Wie man auf die
Aussichtsplattform kommt

Das gro­ße Ein­wei­hungs­fest fin­det am 6., 7., und 8. Okto­ber in der Innen­stadt statt, unter ande­rem mit einer 246 lan­gen Tafel vom Schwar­zen Tor bis zur Haupt­stra­ßen-Kreu­zung. Um Cha­os am Turm zu ver­mei­den, wer­den die ers­ten Besu­cher auf der Aus­sichts­platt­form per Los (ein Euro, für einen guten Zweck) ermit­telt. Die Gewin­ner wer­den ab 8. Okto­ber auf den Turm kön­nen – und zwar nach einem Zeit­plan. In den thyssenkrupp-Test­turm dür­fen näm­lich wegen des Brand­schut­zes maxi­mal 199 Men­schen. Inklu­si­ve der bis zu 30 thyssenkrupp-Mit­ar­bei­ter. Und nie­mals kön­nen alle zugleich auf der Aus­sichts­platt­form sein. Eine logis­ti­sche Her­aus­for­de­rung, deren Bewäl­ti­gung die Trend­fac­to­ry, die die Eröff­nungs­fei­er plant, an einen exter­nen Dienst­leis­ter aus­ge­la­gert hat.

Nach der ers­ten Woche ist die Platt­form jeweils am Wochen­en­de geöff­net. Tickets wird es über ein Buchungs­por­tal im Inter­net geben, so die Ankün­di­gung. Es exis­tiert noch nicht.
Außer­dem wer­den die ört­li­chen Medi­en klei­ne­re Kar­ten­kon­tin­gen­te erhal­ten, die sie unter ihren Lesern ver­lo­sen kön­nen.