Der unvollendete Turm, das Fest und das 700-Millionen-Ding

Über Emotionen, feuchte Augen, Wermutstropfen, Kosten, ein Versäumnis und offene Fragen / Ein Beitrag aus der NRWZ zum Wochenende

Nach dem großen Fest nachts noch schön beleuchtet: der Testturm. Die Lichtinstallation ist aber eine vorübergehende. Sie kommt jetzt weg. Foto: Marcel Wehl

Es war ein rau­schen­des Fest, ein Fest mit Pfiff und Stil, per­fekt orga­ni­siert von der hei­mi­schen Trend Fac­to­ry, der städ­ti­schen Wirt­schafts­för­de­rung und von Thys­sen-Krupp. „Da hat alles gestimmt”, schwärm­te nicht nur einer. Naja – nicht ganz.

Das Festtagskleid(le) des Haupt­dar­stel­lers reich­te nur bis kurz unter den Bauch, ansons­ten stand er ziem­lich nackt da: Noch ist der Test­turm unvoll­endet – und er wird es bis auf wei­te­res blei­ben. Rich­tig gestört hat das dann kei­nen mehr. Spä­tes­tens seit dem Turm­fest ver­fes­tigt sich der Ein­druck, dass immer mehr Rott­wei­ler – und nicht nur die – eine emo­tio­na­le Bin­dung zum Turm ent­wi­ckelt haben. Ganz zu schwei­gen von der Thys­sen-Krupp-Mann­schaft: „Wir waren total über­wäl­tigt, man­che hat­ten auch feuch­te Augen”, berich­tet Jas­min Fischer, die Spre­che­rin von Thys­sen-Krupp Ele­va­tor. „Wir sind rund­um glück­lich.”

Die Welt staunt.” Das sagt Jür­gen Mehl, SPD-Stadt­rats und enga­gier­tes Mit­glied des Geschichts- und Alter­tums­ver­eins. Das ist eine sehr schö­ne Iro­nie eines erklär­ten Turm­geg­ners, weil die drei Wor­te auf sou­ve­rä­ne Art einer­seits die aktu­el­le Macht des Fak­ti­schen aner­kennt, ande­rer­seits aber auch den Rum­mel um den Turm in Fra­ge stellt und Zwei­fel andeu­tet, ob der eine oder ande­re in der Anfangs­eu­pho­rie nicht doch zu mäch­tig auf die Pau­ke haut.

Die Fakten

Da hel­fen nüch­ter­nen Fak­ten – zumin­dest vor­erst: Der Rott­wei­ler Test­turm löst mit 246 Metern den Stutt­gar­ter Fern­seh­turm (217 Meter) als höchs­tes Gebäu­de in Baden-Würt­tem­berg, und mit 232 Metern den Ber­li­ner Fern­seh­turm (209 Meter) als höchs­te Aus­sichts­platt­form Deutsch­lands ab. Dass der Test­turm ein Magnet ist, zeig­te sich schon vor der Eröff­nung. Allein im ver­gan­ge­nen Jahr wur­den mehr als 60.000 Besu­cher an der Bau­stel­le regis­triert. Beim Turm­fest am Wochen­en­de dürf­ten es um die 40.000 gewe­sen sein.

Und: Allein mit der Prä­sen­ta­ti­on des „revo­lu­tio­nä­ren” Mul­ti-Sys­tems im Juni hat Thys­sen-Krupp Ele­va­tor nach Anga­ben des Vor­stands­vor­sit­zen­den Andre­as Schie­ren­beck durch welt­wei­te Berich­te über Funk, Fern­se­hen, Inter­net (You­tube) und Zei­tun­gen rund 700 Mil­lio­nen Men­schen erreicht Und immer, so betont er, sei das mit dem Namen Rott­weil ver­bun­den gewe­sen.

Wie groß der Run auf den Turm wirk­lich ist, lässt sich erst an die­sem Wochen­en­de abschät­zen, wenn die Platt­form von Frei­tag bis Sonn­tag erst­mals regu­lär für den Publi­kums­ver­kehr geöff­net sein wird. Vom ver­gan­ge­nen Sonn­tag bis Mitt­woch hat­ten an die 2500 Glücks­pil­ze das Ver­gnü­gen, denen das Los­glück Zutritt ver­schafft hat­te. Die Reak­tio­nen reich­ten von „atem­be­rau­bend” bis „über­wäl­ti­gend”. Bei Fern­sicht reicht der Blick über den Feld­berg bis zu Jung­frau, Eiger und Mönch, im Opti­mal­fall soll sogar das Mat­ter­horn zu sehen sein.

Das Wunderwerk“

Wer­ner Sobek und Hel­mut Jahn, die Archi­tek­ten, gel­ten als Stars ihrer Bran­che und sind viel her­um­ge­kom­men in der Welt. Sie haben schon in vie­ler Her­ren Län­der gebaut, aber wenn sie vom Rott­wei­ler Turm spre­chen, dann gera­ten bei­de ins Schwär­men. Jahn, der in Chi­ca­go lebt und seit mehr als 50 Jah­ren im Geschäft ist, ver­wen­det regel­mä­ßig einen wei­te­ren Super­la­tiv: „Wun­der­werk”. Ähn­lich Sobek, der immer wie­der einen Satz vari­iert: „Das ist welt­weit ein­zig­ar­tig.” Er bezieht das nicht nur auf die Super­la­ti­ve: die Aus­sichts­platt­form, das höchs­tes Bau­werk Baden-Würt­tem­bergs oder die höchs­ten Kon­fe­renz­räu­me Deutsch­lands (220 Meter). Sobek meint vor allem die unge­wöhn­li­che Bau­wei­se, die High­tech-Anla­gen im Inne­ren und die Außen­hül­le, ein wei­te­res Novum welt­weit.

Ober­bür­ger­meis­ter Ralf Broß erin­nert sich noch gut, wie es im Sep­tem­ber 2011 die ers­ten Kon­tak­te gege­ben hat. Die ers­te Idee war, die Auf­zü­ge im Kamin des Kraft­werks zu tes­ten. Nie­mand habe sich rich­tig vor­stel­len kön­nen, dass es wirk­lich klappt mit einem Turm. Dann ging es ganz schnell: Am 2. Okto­ber 2014 fand der Spa­ten­stich statt, das Richt­fest am 29. Juli 2015. Spe­zia­lis­ten zogen die Beton­hül­le mit einer Wand­stär­ke von gera­de mal 25 Zcn­ti­me­ter in einem 100-Tage-Rund-um- die-Uhr-Gewalt­akt hoch. Am 12. Dezem­ber 2016 star­te­te der For­schungs­be­trieb – und auch damit ist ein Super­la­tiv ver­bun­den: Thys­sen-Krupp ent­wi­ckelt in Rott­weil den welt­weit ers­ten Auf­zug ohne Sei­le, der sich per Magnet­schwe­be-Tech­nik ver­ti­kal und hori­zon­tal bewe­gen kann. Im Jahr 2020 soll er in den East­side-Tower in Ber­lin ein­ge­baut wer­den.

Eines der tech­ni­schen Prunk­stü­cke ist der „Schwin­gungs­til­ger”, ein 240 Ton­nen schwe­rer Beton­klotz, der an neun Meter lan­gen Sei­len hängt. Er kann nicht nur Aus­len­kun­gen, die bei extre­mem Wind bis zu einem Meter rei­chen, son­dern auch gewoll­te Schwin­gun­gen von bis zu 70 Zen­ti­me­ter akti­vie­ren, um den Ernst­fall zu simu­lie­ren.

Wäh­rend bun­des­weit Groß­pro­jek­te wie die Staats­oper Ber­lin, die Oper Köln, die Phil­har­mo­nie Ham­burg oder jetzt das Berufs­schul­zen­trum Rott­weil völ­lig aus dem Ruder lie­fen, „sind wir kom­plett im Zeit- und Kos­ten­rah­men von 40 Mil­lio­nen geblie­ben”, kon­sta­tiert Andre­as Schie­ren­beck stolz.

Der Rückschlag

Doch dann ereil­te ihn doch noch der Kri­sen­mo­dus. Eigent­lich soll­te die Ein­wei­hung bereits in Mai statt­fin­den, aber der Turm sträub­te sich gegen das Kleid(le), sprich die Außen­hül­le. Das lie­ge auch dar­an, dass noch nie ein so hohes Gebäu­de mit einem Stoff ver­hüllt wor­den sei. Sobek spricht von einem „dün­nen Negli­gé, auch das zeigt sei­ne fast schon ero­ti­sche Bezie­hung. Es han­delt sich um ein hoch­kom­le­xes, tef­lon­be­schich­te­tes Glas­fa­ser­ge­we­be, das Schmutz abweist, den Wind bricht und den Beton­kern schützt. Die Mon­ta­ge erwies sich als der­art kom­pli­ziert, dass auch die Exper­ten der Spe­zi­al­fir­ma Tai­yo aus Bay­ern fast ver­zwei­felt sind. Schließ­lich bau­ten sie zwei exklu­si­ve Hebe­büh­nen. Inzwi­schen sind sie auf dem Weg von oben her bei rund 70 Meter über dem Boden ange­langt.

Die Ärgernisse

Das ist der eine Wer­muts­trop­fen: Es gab mäch­tig Ärger um die Hül­le hin­ter den Kulis­sen in den ver­gan­ge­nen Mona­ten. Aber vor allem Andre­as Schie­ren­beck tat alles, um die Pro­ble­me unter der Decke zu hal­ten. Wen man auch fragt – ob Ver­tre­ter von Thys­sen-Krupp oder Tai­yo –, wie hoch die Mehr­kos­ten für die Ver­zö­ge­run­gen sind und wer das über­neh­men müs­se, alle zucken mit den Schul­tern und hül­len sich in Schwei­gen. Inof­fi­zi­ell, aber auch ohne Gewähr auf Wahr­heits­ge­halt, ist zu hören, bei­de Sei­ten streb­ten wohl „eine ein­ver­nehm­li­che Lösung” an”, um den Scha­den nicht noch grö­ßer zu machen und das bis­her so unbe­fleck­te Image des Turms nicht noch am Schluss zu beschä­di­gen.
Doch es gibt einen ande­ren dunk­len Fleck: Schie­ren­beck brach­te es wäh­rend der Ein­wei­hungs­fei­er­lich­kei­ten fer­tig, sei­nen frü­he­ren Euro­pa­chef Alex­an­der Kel­ler mit kei­nem Wort zu erwäh­nen. Dabei ist eines klar: Ohne Alex­an­der Kel­ler, der Mit­te 2016 aus bis heu­te öffent­lich nicht bekann­ten Grün­den aus­ge­schie­den ist, gäbe es die­sen Turm nicht in Rott­weil.

Unklar sind die Kos­ten für das Turm­fest. Dem Ver­neh­men nach trägt Thys­sen-Krupp den grö­ße­ren Anteil. Die Stadt Rott­weil hat für das gesam­te „Jahr der Tür­me” 200.000 Euro im Haus­halt ein­ge­plant. Ob das reicht, ist unge­wiss, aber die Ver­ant­wort­li­chen sind nach dem guten Ver­lauf des Turm­fes­tes zuver­sicht­lich.

Einen offi­zi­el­len Ter­min für die end­gül­ti­ge Fer­tig­stel­lung des Turms gibt es eben­falls noch nicht. „Bis in vier, fünf Wochen wer­den wir fer­tig”, meint ein Mon­teur und fügt hin­zu: „Wenn das Wet­ter mit­macht.” Bei einer Wind­stär­ke von mehr als fünf Stun­den­ki­lo­me­tern dür­fen die Fas­sa­den­klet­te­rer nicht hin­aus.

In einem hal­ben Jahr soll die jetzt noch sand­far­be­ne Hül­le durch die Son­nen­ein­strah­lung „schnee­weiß” leuch­ten, kün­digt Archi­tekt Sobek an. Nächs­tes Jahr soll die Außen­be­leuch­tung dazu kom­men.” Schlicht, aber ein­drucks­voll, wie es heißt.

Doch Jür­gen Mehl stellt ande­re Ansprü­che. Er fin­de es „span­nend”, was in den kom­men­den Jah­ren „aus der schwung­vol­len Bezie­hung zwi­schen Kon­zern und Stadt an Gutem und Bestän­di­gem für die Bür­ger erwächst”. Das ist die tat­säch­lich die ent­schei­den­de Fra­ge für Rott­weil. Archi­tekt Sobek hat dar­auf eine Teil­ant­wort zum The­ma Bestän­dig­keit: „Die Außen­hül­le hält ewig”, sagt er.