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Rottweil
Mittwoch, 19. Februar 2020

Die Angst vor dem nächsten Sündenfall

Rottweil. „Es war vielleicht ein Fehler“, nicht darauf gedrängt zu haben, dass der Bauherr das Dachgeschoss weglässt. Die Ausmaße des Mehrfamilienhauses „überraschen“. Es erscheine „überdimensoniert“. Dies schrieb der damalige Oberbürgermeister Thomas J. Engeser 2006 in einem Antwortbrief auf Fragen der Anwohner der Konrad-Witz-Straße. Warum das jetzt interessant wird? Weil nach Ansicht deren Nachbarn im Turmweg nun genau dasselbe droht: ein Monstrum von einem Gebäude, viel zu groß dimensioniert. Die Leute in der bis dato ruhigen Rottweiler Wohngegend haben einfach Angst vor dem nächsten Sündenfall.

Die Turmweganwohner, die bereits gestern auf NRWZ.de ausführlich zu Wort gekommen sind, haben nachgelegt. Und zwar in Form eines Briefwechsels zwischen sechs Anwohnern der Konrad-Witz-Straße mit dem 2006 amtierenden Oberbürgermeister der Stadt Rottweil, Thomas J. Engeser. Natürlich betrifft der Briefwechsel nicht das aktuell umstrittene Bauprojekt im Turmweg, wohl aber ein ganz ähnliches, das zudem gleich in der Parallelstraße liegt. Das Objekt Konrad-Witz-Straße 40-42. „Logenplätze“ genannt, weil man von den Wohnungen aus einen schönen Blick auf einen Teil der Stadt hat. Wie aus der ersten Reihe. 2005 wurde es erbaut.

Herausragend: Vom gegenüberliegenden Wohngebiet aus gesehen befindet sich das Haus Konrad-Witz-Straße 40-42 (Pfeil) in etwa auf einer Linie mit Altem Krankenhaus (links) und Hochturm (rechts). Foto: gg
Herausragend: Vom gegenüberliegenden Wohngebiet aus gesehen befindet sich das Haus Konrad-Witz-Straße 40-42 (Pfeil) in etwa auf einer Linie mit Altem Krankenhaus (links) und Hochturm (rechts). Fotos: gg

Der "Logenplatz" in der Konrad-Witz-Straße.
Der „Logenplatz“ in der Konrad-Witz-Straße. Zwei Vollgeschosse und dank des Pultdachs ein hohes Dachgeschoss. Die umgebende Bebauung fällt wesentlich kleiner aus.

„In voller Pracht“

„Da die Logenplätze nun in ihrer ‚vollen Pracht‘ zu bewundern sind“, schreiben die Anwohner am 19. März 2006 an den OB, „stellen wir fest, dass sie so nicht ins Bild der Konrad-Witz-Straße passen und unsere anfängliche Skepsis noch übertroffen ist.“ Das hätten sie schon von Verwaltung und Gemeinderat erwartet – dass sie darauf achten, dass sich das Neubauvorhaben in die nähere Umgebung einfügt und das Gesamtbild des Wohnviertels nicht beeinträchtigt wird.

„Vielleicht ein Fehler“

Um es kurz zu machen: OB Engeser sah es ganz ähnlich. In seiner ausführlichen Antwort vom 11. Mai 2006 äußerte er Verständnis für den Ärger vor Ort: So sei es „verständlich, dass Sie und die anderen Anlieger von den Außmaßen des neuen Wohngebäudes überrascht sind.“ Durch die gewählte Pultdachform erscheine das Gebäude „gerade von der Konrad-Witz-Straße her überdimensioniert.“

Ein paar Zeilen später weist Engeser darauf hin, dass das neue Gebäude wie die benachbarten auch zwei Vollgeschosse aufweise. Allerdings habe man dem Bauherrn erlaubt, darauf noch ein Dachgeschoss zu setzen, was kein Vollgeschoss sei, was aber „vielleicht ein Fehler“ war. Die Verwaltung hätte darauf drängen sollen, das Dachgeschoss weg zu lassen. Andererseits „haben wir aber auch die Möglichkeit gesehen, an dieser Südseitenlage schönen, qualitätsvollen Wohnraum für viele Menschen zu schaffen“, argumentierte der damalige OB. Heute wohnt er übrigens ganz ähnlich, wiederum nur eine Straße unterhalb der Konrad-Witz-Straße, ebenfalls in einem „qualitätsvollen“ neuen Gebäude.

Im zulässigen Rahmen

Engeser erklärte damals den enttäuschten Anwohnern die Beweggründe der Stadtverwaltung ausführlich. Er  schrieb von Flächen schonender und verdichteter Bauweise, von einer beachteten Baulinie, von einer eher zurückhaltenden Grundflächenzahl, von einem nicht zu hohen First, von zulässigem Rahmen.

Deutlich höher als das Nachbargebäude: zwei Stockwerke plus Dachgeschoss plus Pultdach.
Deutlich höher als das Nachbargebäude: zwei Stockwerke plus Dachgeschoss plus Pultdach.

Dennoch eine Sonderstellung

Seine Passage, in der er „vielleicht einen Fehler“ zugibt, haben die Empfänger seines Briefes aber im Gegensatz zu den genannten Argumenten unterstrichen. Und sie mit zwei Ausrufezeichen markiert. Auch markiert haben sie einen Absatz, in dem Engeser dem Gebäude eine „Sonderstellung“ einräumt – obwohl es sich doch zuvor nach der Bauweise und der Nutzung in die Umgebungsbebauung einfügte. Diese Sonderstellung resultiere daraus, dass das Grundstück das letzte im dortigen Bereich ist, den „Abschluss der zusammenhängenden Bebauung“ bilde. Die allerdings wird im Rücken des großen neuen Gebäudes fortgesetzt – am Turmweg, wo der Nachbar nach eigenen Angaben jetzt im Schatten sitzt.

WP_20141209_09_02_47_ProÄrgerlich bleibt es für die Empfänger von Engesers Brief auch an der Stelle, an der er von einem „sonnigen Standort“ schreibt, der „Wohnraum für Familien, Singles und Senioren“ schaffe, „ohne baurechtliche Vorgaben zu verletzen. Dass dort jetzt eine Steuerberaterkanzlei residiere, haben die Leute aus der Konrad-Witz-Straße handschriftlich auf Engesers Brief notiert, ein Büro, „das sich im Laufe der Jahre vergrößerte.“

Rechtliche Bestimmungen eingehalten

Engeser erzählt auch, dass sich „in der Genehmigungspraxis der Stadtverwaltung … in den vergangenen Jahren auch etwas verändert“ habe. Die Baurechtsbehörde müsse sich in ihren Entscheidungen an der jeweils aktuellen Rechtsprechung orientieren. „Vom Innenministerium sind wir außerdem angehalten, dem Flächenverbrauch dort, wo wir die Möglichkeit haben, entgegen zu wirken.“ Es gehe darum, Bauvorhaben zu fördern, die „bei mehr Flächenverbrauch mehr Wohnraum schaffen.“

Die Baugenehmigung  für die Konrad-Witz-Straße 40-42 sei jedenfalls „nicht ohne sorgfältige rechtliche Prüfung erteilt“ worden, verbleibt Engeser in dem in einem verbindlichen Ton gehaltenen Brief „mit freundlichen Grüßen.“

Direkte Nachbarn: das Gebäude Konrad-Witz-Straße 40-42 vom Turmweg-Grundstück aus.
Direkte Nachbarn: das Gebäude Konrad-Witz-Straße 40-42 vom Turmweg-Grundstück aus.

Die Parallelen zum Turmweg

So liegt der Fall bei den nun geplanten drei Wohnhäusern am Turmweg. Sie werden zwar zweigeschossig sein, aber ebenfalls Dachgeschosse, sogenannte Penthouses erhalten. Ein Pultdach ist vorgesehen, das wie in der Konrad-Witz-Straße zur Sonne hin aufsteigt, das damit zwar wegzeigt vom Turmweg, dem Gebäude aber eine Massigkeit verleiht, die ein Satteldach nicht hat. Oder, um es mit Engeser zu sagen: „Bei einem Pultdach liegt der First nicht in der Mitte, sondern an einer Seite des Dachs. Dadurch wirkt es anders. Die geringe Dachneigung, die ein Pultdach bedingt, verstärkt diese Wirkung noch.“ Dennoch: Es ist in beiden Baufenstern erlaubt, am Turmweg heute wie an der Konrad-Witz-Straße früher, also von der Stadtverwaltung nicht zu verhindern.

WP_20141209_09_05_02_ProParallelen beim Entscheid

Auch im Verfahren selbst gibt es eine interessante Parallele: Fast der gesamte Bauausschuss hatte sich seinerzeit für das Vorhaben an der Konrad-Witz-Straße ausgesprochen, trotz teils wütender Proteste der Anwohner und Nachbarn. Aber eben nur fast der ganze Ausschuss. Es gab eine Enthaltung, wie Engeser sich erinnert. Irgendjemand war jedenfalls nicht dafür.

„Völlig unproblematisch“

Die Bauherren von damals erinnern sich. Heinz Vogt von der SPD war’s, der nicht dafür stimmen wollte und auch nicht dagegen. Er sagte laut einem handschriftlichen Protokoll des Projekt-Architekturbüros Manfred Ettwein, dass das geplante Bauobjekt vom Dachaufbau daher nicht zum restlichen Erscheinungsbild der Konrad-Witz-Straße passe. „Ein Satteldach würde besser passen“, soll er gesagt haben. CDU-Stadtrat Günter Posselt, schon damals im Gemeinderat, unterstützte laut dem Protokoll der Bauherrschaft das Pultdach, der ebenfalls auch heute amtierende Freie Wähler Karl-Heinz Weiß hielt den Bau für „völlig unproblematisch.“ Das war am 22. September 2004.

So auch heute – der CDU-Abgeordnete Ralf Banholzer wollte sich nicht so recht damit abfinden, dass das Turmweg-Projekt binnen eines Jahres der Planung von 18 Wohneinheiten im ersten Entwurf auf nunmehr 22 geklettert ist. Auch er enthielt sich in der Entscheidung des Bauausschusses vor gut einer Woche und verhinderte so einen einstimmigen Beschluss.

Einige Parallelen, also. Ob im Turmweg nun auch der Bau und ein Jahr später dann eine zurückhaltende Entschuldigung des amtierenden Oberbürgermeisters folgt?

WP_20141209_09_05_26_ProDer nächste Sündenfall

Aus den Reihen der Turmweg-Anwohner jedenfalls heißt es, dass das Objekt in der Konrad-Witz-Straße mit seiner zweigeschossigen Bauweise plus Dachgeschoss unterm Pultdach nun als  Referenzprojekt herangezogen werde. Somit aus einem Sündenfall der nächste werde. Tatsächlich füge sich diese Bauweise nicht in die Landschaft ein. Und jetzt werde mit den gleichen Anwohnern und Angrenzern wieder das Gleiche gemacht.

 

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