NRWZ.de, 10. Juli 2021, Autor/Quelle: Pressemitteilung (pm)

„Etwa 25 bis 30 Prozent der Bevölkerung sind offen für Verschwörungserzählungen“

ROTTWEIL – Der Evangelische Kirchengemeinderat Rottweil war der Meinung, dass die evangelische Kirche sich mit den Querdenkerdemos und Verschwörungsmythen auseinandersetzen müsste. Aus diesem Grunde wurde Hans-Ulrich Probst eingeladen. Er ist Referent für die Themen Populismus und Extremismus bei der Arbeitsstelle für Weltanschauungsfragen der Württembergischen Landeskirche.

Pfarrerin Esther Kuhn-Luz begrüßte den Referenten und die überaus zahlreichen Zuhörer, die sogar aus verschiedenen Orten des Kreises Rottweil kamen.

Verschwörungserzählungen, so Probst, gab es auch schon vor Corona und wird es sicher auch danach weiter geben. Die Zahl der Anhänger ist wegen der Pandemie nicht stark angestiegen. Etwa 25 bis 30 Prozent der Bevölkerung sind offen für Verschwörungserzählungen. Die Anhänger vertreten recht krude Gedanken: böse Mächte sind am Werk, Politiker seien Marionetten , Bill Gates habe Interesse an Corona, um eine neue Welt zu schaffen. Das Coronavirus wird bagatellisiert, es sei nicht schlimmer als eine Grippe. Die da „Oben“ sind böse und korrupt, und unterdrücken die da „Unten“. Die da Unten sind aber integer.

Dieses Denken führt zu politischem Populismus und die Verschwörungserzähler ähneln in vielem der AfD und der Pegida. Sie glauben, dass sie im Besitz der absoluten Wahrheit sind. Sie haben eine besondere Form des Geheimwissens und schenken den Wissenschaftlern überhaupt keinen Glauben, weshalb sie auch von der Lügenpresse sprechen.

Auch religiöse Menschen können für Verschwörungserzählungen anfällig sein. Das apokalyptische Denken der Johannesoffenbarung spielt eine große Rolle. Sie glauben , dass Corona der Beginn der letzten Tage sei. Es ist für sie eine hoffnungsvolle Perspektive , dass das Ende der Weltzeit anbricht. Allerdings ist auch hier ersichtlich, dass Menschen , die sich in einer religiösen Gemeinschaft aufgehoben fühlen, nicht anfällig sind für die Verschwörungserzählungen.

Gefahren der Verschwörungserzählungen sieht der Referent auch im strukturellen Antisemitismus, antifeministische Tendenzen und die Bereitschaft zur Gewaltausübung. Zu bedenken ist auch , dass sich hier Menschen aus dem linken Spektrum zusammen mit Rechtsextremisten und Reichsbürgern zusammentun

Es ist schwierig, mit Menschen im Gespräch zu bleiben, die diesen Verschwörungserzählungen anhängen. Probst betonte, dass es auf der einen Seite wichtig ist, die menschliche Beziehung aufrecht zu erhalten. Auf der anderen Seite muss klar benannt werden, wo die Gefährdungen der Verschwörungserzählungen sind. Die Attentate in Hanau und in Halle wurden von Menschen ausgeführt, die diesen Verschwörungsmythen anhingen – und Einzelgänger waren.

Nach dem Vortrag gab es noch Gelegenheit Fragen an den Referenten zu stellen. Dabei wurde klar, dass die Frage wer an der Pandemie schuld ist, nicht zielführend ist.

„Etwa 25 bis 30 Prozent der Bevölkerung sind offen für Verschwörungserzählungen“