In einer Zeit von Veränderungen, Globalisierung und Digitalisierung gelingt es nur schwer, sich ein Stück heile Welt zu bewahren. Stabilität ist fast schon zur Nostalgie geworden. Und dennoch, wenn am Dreikönigstag wieder einmal in Rottweil die Fasnet beginnt, so vergisst man zumindest für einen Augenblick all das, was um einem herum geschieht und einen zuweilen mit etwas Angst erfüllen mag.

Von Zunftschreiber Frank Huber

Ein kleines Stück fast unveränderte Welt lässt dann unsere Herzen höher schlagen und erfüllt uns mit tiefer Geborgenheit und der Zuversicht, dass die Welt doch noch nicht ganz verloren scheint. Das „Wunder“ der Rottweiler Fasnet lässt ganz offensichtlich den Trübsinn verschwinden, holt tief aus dem Inneren der Menschen ein Gefühl heraus, das ohne weiteres als unbeschreiblich bezeichnet werden darf und schon Generationen vor uns so empfunden haben müssen.

Die wundervolle Kraft unser Fasnet ist aber stets gefährdet, fragil, sie kann jederzeit abhanden gehen. Warum? Weil die Fasnet nicht in erster Linie Ausdruck des Reichtums einer Region ist, sondern Ausdruck der Lebensfreude und der Identifikation ihrer Bewohner mit ihrer Kultur, mit ihrem Gemeinwesen.

Die Lebensqualität unserer Stadt hängt von dieser Identifikation ab. Aber wie gelingt es dem Einzelnen, diese Identifikation zu erreichen? Der, der dauernd die Hände über dem Kopf zusammenschlägt kann nicht denken, und der, der Zweifel nur an den Positionen der anderen, aber nicht an den eigenen zulässt, dem wird es immer an Identifikation und damit an Lebensfreude mangeln.

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Dieses Jahr ist Narrentag in Rottweil. Seit vier Jahren wird ein Brauchtumsfest akribisch vorbereitet, das den Charakter einer Familienfeier in sich trägt.

70 Besenwirtschaften, die von Rottweiler Vereinen und Privatpersonen betrieben werden, stehen bereit, um unsere Freunde aus dem Viererbund zu verköstigen. Rottweiler Gastronomen fahren im Zuge der Vorbereitung Sonderschichten. 1500 Übernachtungsgäste kommen in Privatquartieren bei Rottweiler Bürgern unter, fast der gesamte Rottweiler Einzelhandel hat sich an einer Ausstellung über Rottweiler Narrenbücher beteiligt. Alle in der Stadtverwaltung Beschäftigten tun ihr Möglichstes, um zum Gelingen beizutragen. Etliche Rottweiler Bürger, egal ob Hausmeister, Feuerwehrmann, Busunternehmer, Medienmacher oder Stadtrat, bieten ihre Hilfe an, wo die Narrenzunft helfende Hände braucht. Es ist diese Art von Engagement, die Identifikation stiftet und Lebensfreude schafft. Die Rottweiler Fasnet, aber insbesondere der Narrentag in Rottweil sind deshalb jeweils wichtige Identifikationsanker für unser Gemeinwesen. Es erfüllt einen schlichtweg mit Stolz zu sehen, wie viele Menschen sich nicht nur mit dem Narrentag und der Fasnet, sondern auch mit unserem Gemeinwesen identifizieren.

Der 1. Narrenmeister wird dieses Jahr 30 schwarzbefrackte Männer losschicken, um in den Häusern rechtschaffener Bürger nicht nur die Narrenkleidle vom Staub des vergangenen Jahres zu befreien. Die dieses Jahr wegen des Narrentags besonders pingelig agierenden närrischen Raumpfleger schenken ihren Besuchern vielmehr einen Identifikationsraum, der ganz ohne Facebook und Whatsapp seine Kraft entfaltet. Der Abstauber, der quasi eine Scharnierfunktion zwischen dem gestern und dem morgen ausübt, trägt identifikationsreiche, reichstädtische Glückseligkeit in die Herzen der besuchten Familien. Facebook und das ganze Chat-Room-Geflüster stiften im Vergleich dazu nur eine gefühlsarme „second-hand-Identifikation“.

Alle Bürgersleute, die den Abstaubern für ihren strapaziösen Gang Glück wünschen wollen, sind herzlich zur Aussendung der heroischen Spinnenbobbeljäger eingeladen. Diese erfolgt am Dreikönigstag um 10.40 Uhr vor dem Café Schädle. Sammelstelle für alle Abstauber und alle der Fasnet treu verbundenen Bürgersleute ist ab 21 Uhr das Gasthaus Goldener Apfel. Die Narrenzunft freut sich auf Ihr Kommen.