Landwirt Hubert Kammerer (rechts) erläutert den Mitgliedern von FFR bei der Besichtigung seines Hofs, wie eine Biogasanlage funktioniert. Foto: Heide Friederichs

ROTTWEIL – Land­wirt­schaft ohne Pes­ti­zi­de – ist das mög­lich? Die­se Fra­ge stell­ten die Mit­glie­der von Forum für Rott­weil (FFR) beim Besuch des Hofes des Rott­wei­ler Land­wirts Hubert Kam­me­rer. Die Betriebs­be­sich­ti­gung zeig­te, wie sich auch kom­mu­na­le Ent­schei­dun­gen auf einen Betrieb vor Ort aus­wir­ken.

Kam­me­rer hat sei­ne Land­wirt­schaft am Ran­de des Ber­ner Fel­des auf meh­re­re wirt­schaft­li­che Säu­len gestellt: Gemein­sam mit einem benach­bar­ten Hof betreibt er eine Bio­gas­an­la­ge, brennt Schnaps aus Obst und Korn und zieht Schwei­ne auf. Damit leis­tet er durch­aus einen Bei­trag zu Natur­schutz und Ener­gie­wen­de. Schließ­lich för­de­re die Schnaps­bren­ne­rei indi­rekt die Bewirt­schaf­tung von Streu­obst­an­la­gen, weil sie deren Besit­zern eine sinn­vol­le Nut­zung der Ern­te ermög­lich­ten.

Auf der Hälf­te der von ihm bewirt­schaf­te­ten gut 80 Hekt­ar Land – davon ein Groß­teil städ­ti­sche Flä­chen – baut der stu­dier­te Agrar­in­ge­nieur Fut­ter­mit­tel für sei­ne Schwei­ne an. Auf der zwei­ten Hälf­te wach­sen vor allem Grün­pflan­zen, Mais und Tri­ti­ca­le für die Bio­gas­an­la­ge. Die­se wird dar­über hin­aus mit der Gül­le sei­ner Schwei­ne und dem Kuh­mist sei­nes Geschäfts­part­ners gefüt­tert. 1.500.000 Kilo­watt­stun­den Wär­me pro­du­ziert Kam­me­rer im Jahr, heizt neben sei­nen Stäl­len, Werk­statt und dem eige­nen Haus ein paar Nach­bar­häu­ser, trock­net aber haupt­säch­lich Hack­schnit­zel und Stück­holz für einen Heiz­be­trieb.

Die meis­ten Flä­chen lie­gen rund um sei­nen Hof an der Die­tin­ger Stra­ße, erklärt Kam­me­rer. Der am wei­tes­ten ent­fern­te Acker sei bei der Neckar­burg, vier Kilo­me­ter sind es bis dort­hin. Dar­auf legt Kam­me­rer gro­ßen Wert: weit ver­streut lie­gen­de Flä­chen zu bear­bei­ten, sei wirt­schaft­lich und öko­lo­gisch nicht sinn­voll. Zur bio­lo­gi­schen Bewirt­schaf­tung sei­nes Hofes hat Kam­me­rer eine dezi­dier­te Mei­nung: Auf sei­nen sehr ton­hal­ti­gen Böden rech­ne er bei der sofor­ti­gen Umstel­lung des Anbaus mit einer Ern­te­ein­bu­ße von rund einem Drit­tel.

Müs­se er pes­ti­zid­frei wirt­schaf­ten, wie es Bünd­nis 90/ Die Grü­nen in einem Antrag für alle kom­mu­na­len Flä­chen kürz­lich for­der­ten, kön­ne er den Ertrags­aus­fall nur über ein Mehr an Flä­che wie­der her­ein­ho­len. Doch das sei schwie­rig, Flä­chen sei­en begehrt, nicht nur bei Land­wir­ten. Ein gro­ßes Pro­blem der Land­wirt­schaft sei der immense Flä­chen­fraß durch Indus­trie, Wohn­be­bau­ung und Stra­ßen­bau, führt Kam­me­rer an. Die­se erfor­de­re auf den land­wirt­schaft­lich genutz­ten Rest­flä­chen eine immer inten­si­ve­re Bewirt­schaf­tung. Für Milch­vieh­be­trie­be, die viel Grün­land benö­tig­ten, sei die Umstel­lung um Eini­ges leich­ter.

Kam­me­rer weist zudem auf die in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ste­tig ver­schärf­te Regu­lie­rung für Land­wir­te hin. So dürf­ten etwa Rand­strei­fen an Gewäs­sern wie Flüs­sen, Seen oder Bächen nicht mehr mit Getrei­de bebaut wer­den, dafür gebe es kei­nen finan­zi­el­len Aus­gleich. Die Agrar­re­form ver­pflich­te zudem Betrie­be mit mehr als 15 Hekt­ar Acker, fünf Pro­zent ihrer Flä­chen als öko­lo­gi­sche Vor­rang­flä­chen vor­zu­hal­ten. Kam­me­rer wähl­te dafür die Still­le­gung von Rand­grund­stü­cken. Der Land­wirt erläu­ter­te zudem die Aus­wir­kun­gen der neu­en Dün­ge­mit­tel­ver­ord­nung und die dafür not­wen­di­gen Inves­ti­tio­nen in neue Gerät­schaf­ten zur Gül­le­aus­brin­gung. Er mach­te aber auch deut­lich, dass sie kei­ne Garan­tie für nied­ri­ge­re Ammo­niak­wer­te in der Luft bie­te. Deren Kon­zen­tra­ti­on hän­ge auch stark von der vor­herr­schen­den Wit­te­rung ab.

Bei der abschlie­ßen­den Dis­kus­si­on über Pes­ti­zid­ein­satz, Bio­top­ver­net­zung, Aus­gleichs­flä­chen und Arten­ster­ben stell­ten alle fest, dass die­se The­men die Land­wirt­schaft in den kom­men­den Jah­ren wei­ter beschäf­ti­gen wer­den. Es sei aber eine gesamt­ge­sell­schaft­li­che Auf­ga­be, bei not­wen­di­gen Ver­än­de­run­gen alle mit ins Boot zu holen.