Franz Hohler verzaubert sein Publikum im Alten Gymnasium

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Franz Hohler bei seiner Lesung in Rottweil. Foto: Anna Merker

ROTT­WEIl  – Man muss ihn beim Lesen sehen, dann ver­viel­fäl­tigt sich der Genuss, Franz Hoh­ler in die­ser Art von unter­trie­be­ner Prä­senz in per­so­na zu erle­ben. Bekannt aus der Radio­sen­dung „Zyt­lu­pe“ des DRS kennt man die­se Stim­me: lei­se und ein­dring­lich, bei­läu­fig und plötz­lich don­nernd, beschwö­rend, harm­los und gefähr­lich.

Hei­de Frie­de­richs zitier­te in ihrer Ein­füh­rung den zu früh ver­stor­be­nen Schrift­stel­ler­kol­le­gen Urs Wid­mer, der ihm die wun­der­ba­re Kraft zubil­ligt, der „ent­setz­lich fühl­lo­sen Wirk­lich­keit sei­ne eige­ne Wirk­lich­keit ent­ge­gen­zu­hal­ten“. In sei­nem neu­es­ten Roman „Das Päck­chen“ beschwört Hoh­ler wie­der eine Situa­ti­on, in der der rou­ti­nier­te All­tag durch eine rät­sel­haf­te Bege­ben­heit unter­bro­chen wird.

Ein geheim­nis­vol­les Päck­chen gerät in die Hän­de sei­nes Prot­ago­nis­ten Ernst Stri­cker als ein Bote aus einer ande­ren Zeit. Es ist der „Abro­gans“, ein latei­nisch-alt­hoch­deut­sches Wör­ter­buch aus dem 8. Jahr­hun­dert, das ältes­te Manu­skript in deut­scher Spra­che. Ist es eine früh­mit­tel­al­ter­li­che Abschrift oder gar das Ori­gi­nal? Stri­cker, ein ver­sier­ter Biblio­the­kar, macht sich auf die Suche nach dem roten Faden die­ses Geschenks aus einer ande­ren Zeit. Es führt ihn in das Innen­le­ben eines mit­tel­al­ter­li­chen Klos­ters, aber auch in die aben­teu­er­li­chen Glet­scher­wel­ten der gegen­wär­ti­gen Schwei­zer Ber­ge. Gro­tes­kes und Über­sinn­li­ches paart sich mit rea­lis­ti­schen Schil­de­run­gen der Alt­stadt-Topo­gra­phie Berns oder den bizar­ren For­men der Umge­bung einer nächt­li­chen Berg­hüt­te.

Schon vor sei­ner Lesung bil­de­te sich an sei­nem Tisch­chen eine lan­ge Schlan­ge von Signier­wil­li­gen, Hoh­ler befrie­dig­te gedul­dig mit schwung­vol­ler Hand­schrift alle Wid­mungs­wün­sche. Er ist ganz der Gegen­wart hin­ge­ge­ben, signi­fi­kant dafür sei­ne Teil­nah­me an der Gedenk­stun­de zum 9.November im Bischöfl. Kon­vikt um die Ecke. Er lässt sich beein­dru­cken und ver­webt das Erleb­te sicher­lich an geeig­ne­ter Stel­le in ein neu­es Sze­na­rio. Das „Hel­ve­ti­sche Kul­tur­gut Franz Hoh­ler“ (U.Probst) hat im Rott­wei­ler Alten Gym­na­si­um einen nach­hal­ti­gen Ein­druck hin­ter­las­sen. Dank an das Kul­tur­amt Rott­weil, das dem aus­ge­fal­le­nen Deutsch-Schwei­zer Autoren­tref­fen so einen her­vor­ra­gen­den Ersatz berei­tet hat.

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