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Rottweil
Montag, 24. Februar 2020

Franz Hohler verzaubert sein Publikum im Alten Gymnasium

ROTTWEIl  – Man muss ihn beim Lesen sehen, dann vervielfältigt sich der Genuss, Franz Hohler in dieser Art von untertriebener Präsenz in persona zu erleben. Bekannt aus der Radiosendung „Zytlupe“ des DRS kennt man diese Stimme: leise und eindringlich, beiläufig und plötzlich donnernd, beschwörend, harmlos und gefährlich.

Heide Friederichs zitierte in ihrer Einführung den zu früh verstorbenen Schriftstellerkollegen Urs Widmer, der ihm die wunderbare Kraft zubilligt, der „entsetzlich fühllosen Wirklichkeit seine eigene Wirklichkeit entgegenzuhalten“. In seinem neuesten Roman „Das Päckchen“ beschwört Hohler wieder eine Situation, in der der routinierte Alltag durch eine rätselhafte Begebenheit unterbrochen wird.

Ein geheimnisvolles Päckchen gerät in die Hände seines Protagonisten Ernst Stricker als ein Bote aus einer anderen Zeit. Es ist der „Abrogans“, ein lateinisch-althochdeutsches Wörterbuch aus dem 8. Jahrhundert, das älteste Manuskript in deutscher Sprache. Ist es eine frühmittelalterliche Abschrift oder gar das Original? Stricker, ein versierter Bibliothekar, macht sich auf die Suche nach dem roten Faden dieses Geschenks aus einer anderen Zeit. Es führt ihn in das Innenleben eines mittelalterlichen Klosters, aber auch in die abenteuerlichen Gletscherwelten der gegenwärtigen Schweizer Berge. Groteskes und Übersinnliches paart sich mit realistischen Schilderungen der Altstadt-Topographie Berns oder den bizarren Formen der Umgebung einer nächtlichen Berghütte.

Schon vor seiner Lesung bildete sich an seinem Tischchen eine lange Schlange von Signierwilligen, Hohler befriedigte geduldig mit schwungvoller Handschrift alle Widmungswünsche. Er ist ganz der Gegenwart hingegeben, signifikant dafür seine Teilnahme an der Gedenkstunde zum 9.November im Bischöfl. Konvikt um die Ecke. Er lässt sich beeindrucken und verwebt das Erlebte sicherlich an geeigneter Stelle in ein neues Szenario. Das „Helvetische Kulturgut Franz Hohler“ (U.Probst) hat im Rottweiler Alten Gymnasium einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Dank an das Kulturamt Rottweil, das dem ausgefallenen Deutsch-Schweizer Autorentreffen so einen hervorragenden Ersatz bereitet hat.

 

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