Fortbildung: Freiwilliger Flüssigkeits- und Nahrungsverzicht bei Schwerstkranken

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Der Ambulante Hospizdienst Rottweil war auf Fortbildung im Kloster Reute. Foto: pm

ROTTWEIL – Die Mit­glie­der des Ambu­lan­ten Hos­piz­diens­tes Rott­weil tra­fen sich nahe­zu voll­zäh­lig zu einer Tagung im Bil­dungs­haus der Fran­zis­ka­ne­rin­nen von Reu­te zum Mei­nungs­aus­tausch und Kräf­te­sam­meln für ihre nicht immer leich­te Aufgabe.

Das Haupt­the­ma ihres Fort­bil­dungs­tref­fens war „Frei­wil­li­ger Nah­rungs- und Flüs­sig­keits­ver­zicht am Lebens­en­de“, oft pla­ka­tiv auch nur „Ster­be­fas­ten“ genannt. Sie konn­ten dazu aus Fürth den Pal­lia­tiv­me­di­zi­ner Dr. Roland Mar­tin Han­ke gewin­nen, der das dor­ti­gen Pal­lia­tiv-Care-Team und auch die Hos­piz­grup­pe-Fürth lei­tet und Vor­stand des bay­ri­schen Pal­lia­tiv­ver­ban­des ist.

Dr. Han­ke ist auch immer wie­der in Ethik­kom­mis­sio­nen zu die­sem viel­dis­ku­tier­ten und heik­len The­ma tätig. Als Gegen­pol zur Inten­siv- und Appa­ra­te­me­di­zin for­dern vie­le Men­schen das Selbst­ge­stal­tungs­recht gera­de auch am Lebens­en­de. Mit einer Pati­en­ten­ver­fü­gung kann jeder Ein­zel­ne dies sicher­stel­len, sofern er selbst oder sein Betreu­er es inten­siv genug ver­folgt. In der Ärz­te­schaft hat größ­ten­teils ein Umden­ken statt­ge­fun­den, so dass die „Ver­pflich­tung zur Lebens­er­hal­tung nicht unter allen Umstän­den besteht.“

Aus­führ­lich hat Dr. Han­ke mit den Teil­neh­mern die Pro­ble­ma­tik des frei­wil­li­gen Flüs­sig­keits- und Nah­rungs­ver­zichts bei Schwerst­kran­ken erar­bei­tet. Der Volks­mund lehrt uns „Essen und Trin­ken hält Leib und See­le zusam­men“. Dem ist ent­ge­gen zu set­zen: „Der Mensch stirbt nicht durch das Ver­hun­gern, son­dern er hat kei­nen Hun­ger, weil er ster­ben will.“ Aber wann ist die­ser Zeit­punkt des „Nicht-mehr-zurück ins Leben“ erreicht?

Es ist durch­aus ver­ständ­lich, dass das Per­so­nal in Pfle­ge­ein­rich­tun­gen und eben­so die Ange­hö­ri­gen hier stark ver­un­si­chert sind. Es wur­den in der Fort­bil­dung aus­führ­lich die recht­li­chen Grund­la­gen und Vor­aus­set­zun­gen für das Ster­be­fas­ten erar­bei­tet. Es muss eine wohl­erwo­ge­ne, unbe­ein­fluss­te, selb­stän­di­ge Ent­schei­dung des Kran­ken sein und ist kei­nes­falls bei psy­chisch Erkrank­ten zu vertreten.

Auch die Durch­füh­rung und die medi­zi­ni­sche Beglei­tung wur­den erläu­tert. Wenn auch nur 50 ml Flüs­sig­keit pro Tag einem Ster­ben­den „auf­ge­zwun­gen“ wer­den, etwa als Infu­si­on unter die Haut, so kann der Lei­dens- und Ster­be­pro­zess damit enorm ver­län­gert wer­den. Ver­ein­facht gesagt: Ein Krebs­kran­ker, der kei­ne Nah­rung mehr zu sich neh­men kann und will, aber von sei­nen Ange­hö­ri­gen dazu immer wie­der gedrängt wird, ernährt nicht sei­nen Kör­per, son­dern sei­ne Krebszellen.

Der Gesetz­ge­ber und die Betreu­ungs­ge­rich­te gehen in der Pati­en­ten­ver­fü­gung immer vom der­zei­ti­gen mut­maß­li­chen Wil­len des Betrof­fe­nen aus. Der Betreu­er eines Demenz­kran­ken ohne kla­re Pati­en­ten­ver­fü­gung steckt dabei in einer mehr als schwie­ri­gen Situa­ti­on. Es wur­de auf­ge­zeigt, dass die Ein­be­ru­fung eines mode­rier­ten Ethik­ge­sprächs unter der Betei­li­gung des betreu­en­den Arz­tes, der Pfle­ger und Kran­ken­schwes­tern , ja selbst des Putz­per­so­nals eine gute Lösung dar­stel­len kann, um eben den der­zei­ti­gen mut­maß­li­chen Wil­len des Schwerst­kran­ken zu ermit­teln. Die Erfah­rung zeigt näm­lich , dass Kran­ke sich dem Putz­per­so­nal bis­wei­len mehr öff­nen als vie­len ande­ren, mit denen sie direkt zu tun haben.

Dr. Han­ke hat viel aus sei­ner beruf­li­chen Erfah­rung ein­flie­ßen las­sen und brach­te immer wie­der die Bedeu­tung der Spi­ri­tua­li­tät, unab­hän­gig von den ein­zel­nen Reli­gio­nen, zum Aus­druck. Auf drei Säu­len grün­det sei­ne Hos­piz­ar­beit: 1. Sym­ptom­lin­de­rung, 2. das Sicher­heits­ver­spre­chen, hel­fen zu kön­nen und 3. die All­tags­rah­mung. Damit ist gemeint, dem Kran­ken in sei­ner schwie­ri­gen Situa­ti­on und sei­nen Ange­hö­ri­gen Nor­ma­li­tät im All­tag zu verschaffen.

Am Sams­tag, 16.September die­ses Jah­res fei­ert die genann­te Hos­piz­grup­pe ihr 20-jäh­ri­ges Jubi­lä­um im Gemein­de-Zen­trum Auf­er­ste­hung Chris­ti in einer Ganz­ta­ges­ver­an­stal­tung mit Info­stän­den, Vor­trä­gen, Gesprä­chen und einem Kul­tur- und Unterhaltungsprogramm.

An einem Stand zur Pati­en­ten­ver­fü­gung und einem Vor­trag „Gelingt gutes Ster­ben zu Hau­se?“ kann man sich umfas­send auch zu dem hier ange­spro­che­nen The­men­feld infor­mie­ren. Die Grup­pe lädt heu­te schon zu ihrem Jubi­lä­ums­fest, an dem es auch ein Mit­tag­essens­an­ge­bot geben wird. Der Ein­tritt ist frei. Nähe­re Infor­ma­tio­nen zu die­sem Jubi­lä­um wer­den noch veröffentlichen.