Die Sit­zung des Die­tin­ger Gemein­de­rats, die unver­se­hens zur Bür­ger­ver­samm­lung wur­de, lief schon gut zwei Stun­den, und sie ver­lief uner­war­tet sach­lich, da griff Frank Weiß­haupt ein. Der Gemein­de­rat, der im Haupt­be­ruf Poli­zist ist, erklär­te sich am Mon­tag vor etwa 50 Besu­chern im Irs­lin­ger Mehr­zweck­raum zum Geg­ner des Gefäng­nis-Neu­baus im Gebiet Esch – er muss­te aber zunächst ein Kom­pli­ment an OB Ralf Broß, Bür­ger­meis­ter Wer­ner Guhl und Pro­jekt­ma­na­ger Alfons Bürk los­wer­den: „Mich beein­druckt, mit wel­chem Herz­blut Sie kämp­fen“, sag­te Weiß­haupt.  

Irs­lin­gen-Die­tin­gen. Natür­lich griff der Die­tin­ger Knast­stand­ort­geg­ner doch noch ziem­lich tief in die Rap­pel­kis­te: Rott­weil wol­le zwar das Gefäng­nis, aber mög­lichst weit weg von der Stadt. Und die Stadt wol­le den Bau­ern, mit denen sie das ja machen kön­ne, das Land weg­neh­men, rüg­te der Gemein­de­rat und wies das Argu­ment zurück, das Gefäng­nis sei mit­tel­fris­tig für die Infra­struk­tur von Rott­weil und sei­nes Umlan­des lebens­wich­tig: „Wir brau­chen eine intak­te Natur, das sind wir unse­ren Nach­kom­men schul­dig. Geben Sie den Stand­ort Esch auf“, rief Weiß­haupt unter Bei­fall.

Für einen Moment schien es, als könn­ten plötz­lich Emo­tio­nen die  Ober­hand gewin­nen und die Dis­kus­si­on kip­pen. Der OB hat­te Mühe, sich zu zügeln, doch schnell kehr­te er zurück zum Kurs der Sach­lich­keit: „Der Vor­wurf mit den Bau­ern ist völ­lig halt­los“, ent­geg­ne­te er, wenn auch sicht­lich empört und etwas laut­stär­ker. Und: „Wir haben doch schon seit vie­len Jahr­zehn­ten ein Gefäng­nis mit­ten in der Stadt, da kann man doch so etwas nicht sagen.“  Bür­ger­meis­ter Guhl leg­te nach: „Das kann schon des­halb nicht stim­men, weil wir den Stall­berg, der direkt an das Gewer­be­ge­biet, an Büh­lin­gen und die Alt­stadt angrenzt, 30 Jah­re lang als Stand­ort vor­ge­hal­ten haben.“

Gut zwei Stun­den lang hat­ten die Die­tin­ger bis dahin kri­ti­sche, teil­wei­se auch spit­ze Fra­gen gestellt. Aber stets wider­stan­den sie der Ver­su­chung, popu­lis­tisch, pole­misch oder plumb zu agi­tie­ren. Immer wie­der brach­ten sie, allen vor­an Bür­ger­meis­ter Frank Scholz, den Stall­berg ins Spiel, muss­ten sich aber sagen las­sen, dass die Lan­des­re­gie­rung da eine end­gül­ti­ge Absa­ge erteilt habe. Ein eben­falls mehr­fach vor­ge­brach­tes The­ma war die befürch­te­te „Licht­ver­schmut­zung“, die sich nega­tiv für Die­tin­gen aus­wir­ke. Das Licht sei nach innen gerich­tet und wer­de nicht stär­ker sein als bei jedem nor­ma­len Wohn­ge­biet, sag­te der OB, füg­te aber hin­zu, eine kon­kre­te Aus­sa­ge kön­ne man eben­so wie zur Höhe des Gebäu­des der­zeit nicht machen.

Es kamen auch Hin­wei­se, dass Rott­weil, ähn­lich wie Stamm­heim, als Gefäng­nis­stadt in Ver­ruf kom­men kön­ne, dass man vom Turm aus in die Haft­an­stalt sehen könn­te oder dass ein Hub­schrau­ber-Lan­de­platz zu wei­te­ren Stö­run­gen füh­ren wür­de. Der OB und der Bür­ger­meis­ter such­ten wort­reich, auch die­se Beden­ken zu zer­streu­en. Und die Fra­ge, war­um der Rott­wei­ler Gemein­de­rat vor sechs Jah­ren das Esch abge­lehnt habe und jetzt plötz­lich befür­wor­te, kon­ter­te Wer­ner Guhl mit dem Hin­weis, damals sei die Aus­gangs­po­si­ti­on eine völ­lig ande­re gewe­sen.

Und dann ging Guhl noch ins Grund­sätz­li­che: Man müs­se den Gefäng­nis-Bau in einen grö­ße­ren Zusam­men­hang stel­len, gab der Bür­ger­meis­ter zu beden­ken. Die länd­li­chen Gebie­te stün­den vor zwei gro­ßen Her­aus­for­de­run­gen: Rück­gang der Bevöl­ke­rung und zuneh­men­de Zen­tra­li­sie­rung. Wenn jetzt Meß­stet­ten den Zuschlag erhiel­te, dann wer­de das Land­ge­richt Hechin­gen gestärkt, wäh­rend dem Land­ge­richt Rott­weil über kurz oder lang das Aus dro­he – mit weit rei­chen­den Fol­gen – die Zahl der Arbeits­plät­ze wer­de eben­so sin­ken wie die Zahl der Ein­woh­ner und letzt­lich auch die Attrak­ti­vi­tät der Stadt Rott­weil und sei­nes Umlands. Das wer­de sich vom Schul- bis zum Kul­tur­ange­bot aus­wir­ken: Guhl: „Da geht’s ganz schnell um 500 Arbeits­plät­ze und tau­send Ein­woh­ner.  Wenn wir nichts tun, um unse­re Zukunft zu gestal­ten, müs­sen wir uns nicht wun­dern, wenn sie ande­re gestal­ten.“

Nicht ver­ges­sen dür­fe man die betrof­fe­nen Häft­lin­ge, ergänz­te Alfons Bürk, die ein Recht auf men­schen­wür­di­ge Unter­brin­gung und die Chan­ce auf Reso­zia­li­sie­rung haben.

Das alles zeig­te Wir­kung: „Sie haben das sehr gut kom­mu­ni­ziert, das sind ehren­wer­te und nach­voll­zieh­ba­re Argu­men­te“, waren sich die Gemein­de­rä­te Cle­mens Schmid und Mar­tin Bant­le einig. Letzt­lich sei es eine Abwä­gung zwi­schen eige­nen Inter­es­sen und dem Gemein­wohl. In die­sem Fall müs­se Die­tin­gen bereit sein, Las­ten zu tra­gen wie sie ande­re Gemein­den schon län­ger tra­gen.

Bant­le bat noch dar­um, im Ort wegen sei­ner Hal­tung nicht ange­fein­det zu wer­den „und dass die Dis­kus­si­on nicht zu emo­tio­nal wird“.

Es reg­te sich kein Wider­spruch.