Großer Bahnhof für die Rottweiler Gefängnisbefürworter in der Aula der Schule Villingendorf. Rechts im Bild (stehend, von links) diskutieren Naturschützer Henning Theobald, der Unternehmer Gebhard Kübler und der Rechtsanwalt Dr. Michael Fritz miteinander. Foto: gg

Es war der gro­ße Abend der Erklä­run­gen, Argu­men­te und letzt­lich auch Recht­fer­ti­gun­gen. Einer­seits drei Her­ren aus der Gro­ßen Kreis­stadt – OB Ralf Broß, Bür­ger­meis­ter Wer­ner Guhl und der städ­te­bau­li­che Pro­jekt­be­ra­ter Alfons Bürk -, ande­rer­seits Vil­lin­gen­dor­fer Gefäng­nis­stand­ort­geg­ner. Einer­seits drei Jungs, die irgend­was mit einer JVA im Schil­de füh­ren, was den ande­ren total gegen den Strich geht, was sie aber nicht ver­hin­dern kön­nen. Denn die einen haben das allei­ni­ge Sagen und sie haben sich fest­ge­legt: Das Esch oder nichts.

Vil­lin­gen­dorf (gg). 20 Uhr, der Abend war zwei Stun­den alt, da riss Bea­te Haag der Gedulds­fa­den, und zwar mit einem Knall. Sie hat­te bis dahin in der ers­ten Rei­he der etwa 200-köp­fi­gen Zuschau­er­schar geses­sen und mit zuneh­men­der Unge­duld zuge­hört. Hat­te einer Sit­zung des Vil­lin­gen­dor­fer Gemein­de­rats gelauscht, die in der Aula der ört­li­chen Schu­le statt­fand. Eine Sit­zung mit dem Ziel, sich die Argu­men­te der Gefäng­nis­be­für­wor­ter aus der Stadt anzu­hö­ren, als Gemein­de­rä­te dar­über zu dis­ku­tie­ren und als Bür­ger Fra­gen zu stel­len.

Die Fra­ge­stun­de hat­te gera­de erst begon­nen, als Bea­te Haag der Gedulds­fa­den riss. „Das ist Volks­ver­dum­mung, was hier statt­fin­det”, wet­ter­te sie, „ich fin­de das frech und”, sie zöger­te kurz, „zum Kot­zen.” Da war’s raus. Dass die Rott­wei­ler Obrig­keit zwei Stun­den unge­hin­dert reden und dis­ku­tie­ren konn­ten, dann auf die ers­ten Bür­ger­fra­gen wie­der nur gebets­müh­len­ar­tig, aber aus­gie­big ant­wor­te­ten, das reg­te Haag auf. „Ent­schul­di­gung, aber wir wären jetzt ger­ne dran.”

Vil­lin­gen­dorfs Bür­ger­meis­ter Karl-Heinz Bucher war aber sofort Herr der zu eska­lie­ren dro­hen­den Situa­ti­on. Er hielt sich nicht lan­ge mit einer Replik gegen­über Haag auf, blieb freund­lich-ver­bind­lich und gab ihr bald­mög­lichst das Wort, damit sie ihrem Ärger end­gül­tig Luft machen konn­te. Sie woll­te den Rott­wei­lern Broß, Guhl und Bürk ein­fach mal mit­tei­len, dass sie nicht an die zuvor von jenen auf­ge­zähl­ten posi­ti­ven Effek­te einer neu­en Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt glau­be – wie die Siche­rung des Jus­tiz­stand­orts Rott­weil, die Schaf­fung von Arbeits­plät­zen, den Zuzug der Mit­ar­bei­ter nicht nur in die Stadt son­dern auch in die umlie­gen­den Gemein­den wie Vil­lin­gen­dorf, den stei­gen­den Geld­fluss aus Lan­des­zu­wei­sun­gen, der in Rott­weil Schwimm­bad und Schu­len sicher­te, die auch den Dorf­be­woh­nern zugu­te kämen. Und all die ande­ren schö­nen Din­ge.

Gemeinderat und Gäste. Stehend am Pult: Villingendorfs Bürgermeister Karl-Heinz Bucher. Foto: gg
Gemein­de­rat und Gäs­te. Ste­hend am Pult: Vil­lin­gen­dorfs Bür­ger­meis­ter Karl-Heinz Bucher. Foto: gg

Es folg­ten vie­le, vie­le wei­te­re Bür­ger­ar­gu­men­te gegen das Groß­ge­fäng­nis, das in Rott­weil auf dem Esch geplant ist, und das die Vil­lin­gen­dor­fer als direkt vor die Haus­tür gesetzt emp­fin­den. Vie­le stich­hal­tig wir­ken­de, wohl­über­leg­te, mit Fak­ten gestütz­te Argu­men­te. Wie schon zuvor das­sel­be von der ande­ren Sei­te gekom­men war. Bei­de frei­lich gehen dia­me­tral aus­ein­an­der. Die einen, die Rott­wei­ler, wol­len das Gefäng­nis genau so vehe­ment haben, wie es die ande­ren, die anwe­sen­den Vil­lin­gen­dor­fer, die auch das Wort ergrif­fen, ableh­nen.

Die Argu­men­te für und wider JVA auf dem Esch fül­len einen DIN-A6-Block hand­ge­schrie­ben. Und sie fül­len drei Stun­den eines eher küh­len Mitt­woch­abends im Mai 2015. Sie wären hier auf­zähl­bar, aber das bräch­te nichts.

Müss­te ein Kom­pro­miss erzielt wer­den, etwa wie zwi­schen GDL und Bahn, so wäre ein Media­tor nötig. Es muss aber kein Kom­pro­miss erzielt wer­den, weil Broß, Guhl und Bürk am Ende eigent­lich auf das pfei­fen könn­ten, was sie zu hören beka­men. Der Vil­lin­gen­dor­fer Karl-Heinz Rich­ter brach­te es auf den Punkt, da konn­ten Broß und Co. noch so sehr das Gegen­teil ver­si­chern: „Wir hören alle Bür­ger an, schwätzt ihr ruhig, ihr könnt uns eh alle mal”, leg­te Rich­ter den Rott­wei­ler in den Mund.

Die Bür­ger und zuvor schon die Vil­lin­gen­dor­fer Gemein­de­rä­te hat­ten sich da längst die Mün­der fus­se­lig gere­det. Es ging um Boden- und Tier­schutz, um Befürch­tun­gen in Bezug auf das Nah­erho­lungs­ge­biet an der Neckar­burg, um die Aus­wir­kun­gen auf die ört­li­che Kri­mi­na­li­täts­sta­tis­tik, um die Zahl zuzie­hen­der ehe­ma­li­ger Häft­lin­ge, über­haupt dar­um, ob die Rott­wei­ler denn alles bedacht haben, wenn sie jetzt das Gefäng­nis auf das Esch stel­len wol­len. Und ob es nicht einen ande­ren Stand­ort geben kön­ne.

Wer­de es nicht geben. Broß leg­te sich da fest. Erst­mals so klar, so ein­deu­tig, so öffent­lich: Wenn das Gefäng­nis nicht ins Esch kommt, dann kommt es nach Meß­stet­ten. Sicher jeden­falls nicht nach Rott­weil. Dass das Land die ver­blie­be­nen ande­ren Rott­wei­ler Stand­or­te – Bitz­wäld­le und Hoch­wald, der Stall­berg schei­det schon seit lan­gem aus – nicht ein­fach nur zurück­ge­stellt habe in eine War­te­po­si­ti­on, mach­te er deut­lich. Nein, sie sind aus dem Ren­nen.

Das Esch oder nichts – vie­len Vil­lin­gen­dor­fern schmeckt das nicht. Sie gön­nen Rott­weil das Gefäng­nis, hät­ten sich aber gewünscht, dass ein Stand­ort gefun­den hät­te wer­den kön­nen, der näher an der Stadt liegt als das Esch. Oder, so ein immer wie­der keh­ren­der Vor­wurf, über­haupt ein Stand­ort, der nicht absicht­lich in Rand­la­ge liegt.

Die Posi­tio­nen sind inso­weit unver­ein­bar aus­ein­an­der und der Abend war für Broß & Co. deut­lich stres­si­ger als zuletzt der aus sel­bem Anlass in Die­tin­gen vor dem dor­ti­gen Gemein­de­rat.

Am Don­ners­tag­abend bei der Bür­ger­infor­ma­ti­ons­ver­an­stal­tung in Rott­weil wer­den sie wie­der ein Heim­spiel haben – und erneut für ihr Gefäng­nis kämp­fen. Mit­te Juli will die Lan­des­re­gie­rung ent­schei­den. Hof­fent­lich für das Esch, den­ken sie in Rott­weil. Hof­fent­lich nicht, in Vil­lin­gen­dorf.