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Mittwoch, 11. Dezember 2019
Start Rott­weil Gefäng­nis-Debat­te: Broß, Guhl und Bürk sto­ßen in Vil­lin­gen­dorf auf Wider­stand

Gefängnis-Debatte: Broß, Guhl und Bürk stoßen in Villingendorf auf Widerstand

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Es war der gro­ße Abend der Erklä­run­gen, Argu­men­te und letzt­lich auch Recht­fer­ti­gun­gen. Einer­seits drei Her­ren aus der Gro­ßen Kreis­stadt – OB Ralf Broß, Bür­ger­meis­ter Wer­ner Guhl und der städ­te­bau­li­che Pro­jekt­be­ra­ter Alfons Bürk -, ande­rer­seits Vil­lin­gen­dor­fer Gefäng­nis­stand­ort­geg­ner. Einer­seits drei Jungs, die irgend­was mit einer JVA im Schil­de füh­ren, was den ande­ren total gegen den Strich geht, was sie aber nicht ver­hin­dern kön­nen. Denn die einen haben das allei­ni­ge Sagen und sie haben sich fest­ge­legt: Das Esch oder nichts.

Vil­lin­gen­dorf (gg). 20 Uhr, der Abend war zwei Stun­den alt, da riss Bea­te Haag der Gedulds­fa­den, und zwar mit einem Knall. Sie hat­te bis dahin in der ers­ten Rei­he der etwa 200-köp­­fi­gen Zuschau­er­schar geses­sen und mit zuneh­men­der Unge­duld zuge­hört. Hat­te einer Sit­zung des Vil­lin­gen­dor­fer Gemein­de­rats gelauscht, die in der Aula der ört­li­chen Schu­le statt­fand. Eine Sit­zung mit dem Ziel, sich die Argu­men­te der Gefäng­nis­be­für­wor­ter aus der Stadt anzu­hö­ren, als Gemein­de­rä­te dar­über zu dis­ku­tie­ren und als Bür­ger Fra­gen zu stel­len.

Die Fra­ge­stun­de hat­te gera­de erst begon­nen, als Bea­te Haag der Gedulds­fa­den riss. ”Das ist Volks­ver­dum­mung, was hier statt­fin­det”, wet­ter­te sie, ”ich fin­de das frech und”, sie zöger­te kurz, ”zum Kot­zen.” Da war’s raus. Dass die Rott­wei­ler Obrig­keit zwei Stun­den unge­hin­dert reden und dis­ku­tie­ren konn­ten, dann auf die ers­ten Bür­ger­fra­gen wie­der nur gebets­müh­len­ar­tig, aber aus­gie­big ant­wor­te­ten, das reg­te Haag auf. ”Ent­schul­di­gung, aber wir wären jetzt ger­ne dran.”

Vil­lin­gen­dorfs Bür­ger­meis­ter Karl-Heinz Bucher war aber sofort Herr der zu eska­lie­ren dro­hen­den Situa­ti­on. Er hielt sich nicht lan­ge mit einer Replik gegen­über Haag auf, blieb freun­d­­lich-ver­­­bin­d­­lich und gab ihr bald­mög­lichst das Wort, damit sie ihrem Ärger end­gül­tig Luft machen konn­te. Sie woll­te den Rott­wei­lern Broß, Guhl und Bürk ein­fach mal mit­tei­len, dass sie nicht an die zuvor von jenen auf­ge­zähl­ten posi­ti­ven Effek­te einer neu­en Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt glau­be – wie die Siche­rung des Jus­tiz­stand­orts Rott­weil, die Schaf­fung von Arbeits­plät­zen, den Zuzug der Mit­ar­bei­ter nicht nur in die Stadt son­dern auch in die umlie­gen­den Gemein­den wie Vil­lin­gen­dorf, den stei­gen­den Geld­fluss aus Lan­des­zu­wei­sun­gen, der in Rott­weil Schwimm­bad und Schu­len sicher­te, die auch den Dorf­be­woh­nern zugu­te kämen. Und all die ande­ren schö­nen Din­ge.

Gemeinderat und Gäste. Stehend am Pult: Villingendorfs Bürgermeister Karl-Heinz Bucher. Foto: gg
Gemein­de­rat und Gäs­te. Ste­hend am Pult: Vil­lin­gen­dorfs Bür­ger­meis­ter Karl-Heinz Bucher. Foto: gg

Es folg­ten vie­le, vie­le wei­te­re Bür­ger­ar­gu­men­te gegen das Groß­ge­fäng­nis, das in Rott­weil auf dem Esch geplant ist, und das die Vil­lin­gen­dor­fer als direkt vor die Haus­tür gesetzt emp­fin­den. Vie­le stich­hal­tig wir­ken­de, wohl­über­leg­te, mit Fak­ten gestütz­te Argu­men­te. Wie schon zuvor das­sel­be von der ande­ren Sei­te gekom­men war. Bei­de frei­lich gehen dia­me­tral aus­ein­an­der. Die einen, die Rott­wei­ler, wol­len das Gefäng­nis genau so vehe­ment haben, wie es die ande­ren, die anwe­sen­den Vil­lin­gen­dor­fer, die auch das Wort ergrif­fen, ableh­nen.

Die Argu­men­te für und wider JVA auf dem Esch fül­len einen DIN-A6-Block hand­ge­schrie­ben. Und sie fül­len drei Stun­den eines eher küh­len Mitt­woch­abends im Mai 2015. Sie wären hier auf­zähl­bar, aber das bräch­te nichts.

Müss­te ein Kom­pro­miss erzielt wer­den, etwa wie zwi­schen GDL und Bahn, so wäre ein Media­tor nötig. Es muss aber kein Kom­pro­miss erzielt wer­den, weil Broß, Guhl und Bürk am Ende eigent­lich auf das pfei­fen könn­ten, was sie zu hören beka­men. Der Vil­lin­gen­dor­fer Karl-Heinz Rich­ter brach­te es auf den Punkt, da konn­ten Broß und Co. noch so sehr das Gegen­teil ver­si­chern: ”Wir hören alle Bür­ger an, schwätzt ihr ruhig, ihr könnt uns eh alle mal”, leg­te Rich­ter den Rott­wei­ler in den Mund.

Die Bür­ger und zuvor schon die Vil­lin­gen­dor­fer Gemein­de­rä­te hat­ten sich da längst die Mün­der fus­se­lig gere­det. Es ging um Boden- und Tier­schutz, um Befürch­tun­gen in Bezug auf das Nah­erho­lungs­ge­biet an der Neckar­burg, um die Aus­wir­kun­gen auf die ört­li­che Kri­mi­na­li­täts­sta­tis­tik, um die Zahl zuzie­hen­der ehe­ma­li­ger Häft­lin­ge, über­haupt dar­um, ob die Rott­wei­ler denn alles bedacht haben, wenn sie jetzt das Gefäng­nis auf das Esch stel­len wol­len. Und ob es nicht einen ande­ren Stand­ort geben kön­ne.

Wer­de es nicht geben. Broß leg­te sich da fest. Erst­mals so klar, so ein­deu­tig, so öffent­lich: Wenn das Gefäng­nis nicht ins Esch kommt, dann kommt es nach Meß­stet­ten. Sicher jeden­falls nicht nach Rott­weil. Dass das Land die ver­blie­be­nen ande­ren Rott­wei­ler Stand­or­te – Bitz­wäld­le und Hoch­wald, der Stall­berg schei­det schon seit lan­gem aus – nicht ein­fach nur zurück­ge­stellt habe in eine War­te­po­si­ti­on, mach­te er deut­lich. Nein, sie sind aus dem Ren­nen.

Das Esch oder nichts – vie­len Vil­lin­gen­dor­fern schmeckt das nicht. Sie gön­nen Rott­weil das Gefäng­nis, hät­ten sich aber gewünscht, dass ein Stand­ort gefun­den hät­te wer­den kön­nen, der näher an der Stadt liegt als das Esch. Oder, so ein immer wie­der keh­ren­der Vor­wurf, über­haupt ein Stand­ort, der nicht absicht­lich in Rand­la­ge liegt.

Die Posi­tio­nen sind inso­weit unver­ein­bar aus­ein­an­der und der Abend war für Broß & Co. deut­lich stres­si­ger als zuletzt der aus sel­bem Anlass in Die­tin­gen vor dem dor­ti­gen Gemein­de­rat.

Am Don­ners­tag­abend bei der Bür­ger­infor­ma­ti­ons­ver­an­stal­tung in Rott­weil wer­den sie wie­der ein Heim­spiel haben – und erneut für ihr Gefäng­nis kämp­fen. Mit­te Juli will die Lan­des­re­gie­rung ent­schei­den. Hof­fent­lich für das Esch, den­ken sie in Rott­weil. Hof­fent­lich nicht, in Vil­lin­gen­dorf.

 

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