So könnte das Großgefängnis auf dem Esch aussehen - eine Kopie der bestehenden Anstalt in Offenburg. Im Bild rechts: der frühere Landes-Justizminister Stickelberger und (Zweiter von links) Oberbürgermeister Broß. Foto: Thomas Decker, Team Ralf Graner Photodesign

Rott­weil will den Knast, aber vie­le wol­len ihn nicht am vom Land aus­ge­wähl­ten Stand­ort Esch ober­halb der Neckar­burg. Doch da kommt er hin, will man ihn nicht an Meß­stet­ten abtre­ten. Das ist das Fazit einer gut besuch­ten Bür­ger­ver­samm­lung in der Stadt­hal­le. Und: Man darf den Humor nicht ver­lie­ren.

Standortgegner aus Rottweil: Wolfgang Blässing.
Stand­ort­geg­ner aus Rott­weil: Wolf­gang Bläs­sing.

Rott­weil. Bei der Bür­ger­ver­samm­lung hat­ten Befür­wor­ter wie Geg­ner Rede­recht. Letz­te­re haben, das erklär­te ihr Spre­cher Wolf­gang Bläs­sing, inzwi­schen 1400 Unter­schrif­ten gegen die Bebau­ung des, wie sie es ger­ne bezeich­nen, Nah­erho­lungs­ge­biets gesam­melt.

Zwölf Hekt­ar groß soll der Knast wer­den, das ent­spre­che etwa der Grö­ße von Rott­weils Innen­stadt, rech­ne­te Bläs­sing vor. Ober­bür­ger­meis­ter Ralf Broß hin­ge­gen warb wort­reich für den Stand­ort, nicht ohne wie­der­holt auf sein Lieb­lings­pro­jekt, den Test­turm, zu ver­wei­sen. Mit bei­den Pro­jek­ten „stel­len wir die Wei­chen für die Zukunft der Stadt“. Die möch­te er auf drei Säu­len sehen, näm­lich dem pro­du­zie­ren­den Gewer­be, dem Tou­ris­mus (da brau­che es den Turm) und dem öffent­li­chen Dienst „als kri­sen­si­che­ren Stand­ort­fak­tor“.

Also braucht es auch das Gefäng­nis, da zeig­te sich Broß über­zeugt. Das bringt näm­lich 250 Arbeits­plät­ze und der Stadt jedes Jahr 400.000 Euro. Und schließ­lich bie­te Rott­weil die idea­le Infra­struk­tur: Gerich­te, Poli­zei, Ver­kehrs­an­bin­dung und das gesell­schaft­li­che Umfeld, denn es exis­tiert bereits ein Knast mit­ten in der Stadt.

Man kann sich da nicht die Rosi­nen raus­pi­cken“, heißt, die Sicher­heit wol­len, aber nicht die Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt. Das Gebiet Esch opfern, dafür das Neckar­tal samt Rad­weg, der dann auch durchs Rho­dia­ge­län­de füh­ren soll, auf­wer­ten, das ist das Ange­bot des Ober­bür­ger­meis­ters an die Stand­ort­geg­ner.

Warb für ein neues Großgefängnis: Justizminister Stickelberger.
Warb für ein neu­es Groß­ge­fäng­nis: Jus­tiz­mi­nis­ter Sti­ckel­ber­ger.

Jus­tiz­mi­nis­ter Rai­ner Sti­ckel­ber­ger ver­wies auf die „zer­split­ter­te Voll­zugs­land­schaft“ mit völ­lig ver­al­te­ten Gebäu­den. „Hier ist kein moder­ner Straf­voll­zug mög­lich“, die Recht­spre­chung ver­lan­ge Ein­zel­un­ter­brin­gung und The­ra­pie- sowie Arbeits­mög­lich­kei­ten für die Insas­sen. Man kön­ne den Neu­bau geschickt in die Land­schaft ein­bin­den, da gebe es durch­aus „visio­nä­re Vor­stel­lun­gen“.

Wenig visio­när hin­ge­gen waren die Bil­der von der JVA in Offen­burg, die wäh­rend der Ver­samm­lung gezeigt wur­den. Bei den Sicher­heits­an­for­de­run­gen sei­en dem Expe­ri­men­tel­len eben Gren­zen gesetzt, so der Minis­ter. Sprich: Die fünf Meter hohe Beton­mau­er samt Sta­chel­draht ist unver­meid­lich.

Den­noch wol­len die Rott­wei­ler offen­bar den Knast, nicht nur Gefäng­nis­seel­sor­ger Micha­el Lei­brecht, der sei­nen Raum im jet­zi­gen Gefäng­nis mit Vie­len tei­len muss. Auch etwa Land­ge­richts­prä­si­dent Dr. Diet­mar Foth erläu­ter­te mit Nach­druck die Not­wen­dig­keit des Neu­baus für die Jus­tiz, meh­re­re Stadt­rä­te spra­chen sich zudem dafür aus.

Die Geg­ner kamen auch zu Wort, bemän­gel­ten den enor­men Flä­chen­ver­brauch, die Gefah­ren für Flo­ra und Fau­na, frag­ten wie­der­holt nach, war­um nicht am Stall­berg gebaut wer­de – Risi­ko zu groß, man sol­le ein­fach nach Stau­fen schau­en oder auf die A 81, so Sti­ckel­ber­ger – und zwei­fel­ten die Not­wen­dig­keit einer so gro­ßen JVA an. „Brau­chen wir wirk­lich 400 bis 500 Plät­ze?“ Eine Fra­ge, die der Jus­tiz­mi­nis­ter eher aus­wei­chend beant­wor­te­te – immer­hin gibt es in den klei­nen Anstal­ten, die dafür geschlos­sen wer­den sol­len, nur 200 Plät­ze.

Dann: Esch oder Meß­stet­ten – eine Droh­ku­lis­se, fand eine Bür­ge­rin, ein ande­rer for­der­te für die Bewoh­ner des nahe gele­ge­nen Die­tin­ger Tier­steins die­sel­be Rück­sicht­nah­me wie für Fle­der­mäu­se.

Humorvoll: Staatssekretärin Erler.
Humor­voll: Staats­se­kre­tä­rin Erler.

Bei­fall gab´s oft, Buh­ru­fe auch, mal von den Befür­wor­tern, mal von den Geg­nern, und dazwi­schen eine enga­gier­te, humor­vol­le Staats­se­kre­tä­rin Gise­la Erler, die die Media­to­rin gab und uner­müd­lich dar­um warb, offen mit­ein­an­der zu reden, damit sich alle hin­ter­her noch in die Augen schau­en könn­ten.

Erler: „Eine Sei­te wird sich am Ende bit­ter bekla­gen“, das sei klar, Geg­ner gebe es immer, ob beim Natio­nal­park oder neu­en Wind­rä­dern. Zuhö­ren, Abwä­gen und Ent­schei­dun­gen fin­den, dafür steht Erler, dafür kämpft sie. Und wer weiß, viel­leicht wird der neue Knast tat­säch­lich eine Sehens­wür­dig­keit, wie sie schmun­zelnd anmerk­te. Und dafür Geläch­ter ern­te­te. Immer­hin. Man kann die Sache auch von der humor­vol­len Sei­te sehen. Viel­leicht die bes­te Lösung, wer weiß. Jeden­falls die bes­te für drei­ein­halb Stun­den Bür­ger­ver­samm­lung.