Hochbetrieb am Testturm – Ruhe in der Stadt

Tourismus: Auch zwei Monate nach Eröffnung des Testturms fehlt ein Konzept, wie man die Besucher in die Innenstadt lockt

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Eigentlich nahe beieinander und doch so weit voneinander entfernt: Testturm und Innenstadt von Rottweil. Foto: Thyssen-Krupp

Die höchs­te Aus­sichts­platt­form Deutsch­lands hat seit der Eröff­nung Anfang Okto­ber mehr als 25.000 zah­len­de Besu­cher ange­lockt, rund um den Test­turm auf dem Ber­ner Feld waren es ins­ge­samt an die 40.000. Aber wie vie­le davon sind auch in die Innen­stadt gekom­men? Und wie sehr haben Ein­zel­han­del und Gas­tro­no­mie pro­fi­tiert? Dazu gibt es kei­ne Erhe­bun­gen, aber so viel ist klar: Die Zwi­schen­bi­lanz fällt beschei­den bis mau aus.

Als jüngst der Gemein­de­rat über die Pro­ble­ma­tik dis­ku­tier­te, fühl­te man sich ans Ende der Jamai­ka-Son­die­run­gen in Ber­lin erin­nert: Das Pro­jekt war geschei­tert, aber die Ver­hand­ler von Uni­on und Grü­nen beklatsch­ten sich am Ende.

Bei­fall und war­me Dan­kes­wor­te aller Frak­tio­nen bekam auch André Lom­sky, der städ­ti­sche Wirt­schafts­för­de­rer, für sei­nen Sach­stands­be­richt. Er hat­te im feins­ten Mar­ke­ting-Fach-Chi­ne­sisch der hohen Schu­le diver­se Maß­nah­men ange­kün­digt: AR-App für iPads zur Bera­tung der Besu­cher, wobei „AR für Aug­men­ted Rea­li­ty steht, für die com­pu­ter­ge­stütz­te Erwei­te­rung der Rea­li­täts­wahr­neh­mung. Ein Pan­ora­ma-Fly­er „Gute Aus­sich­ten”, ein Image-Film zur Stadt Rott­weil, Fly­er „Stadt der Tür­me”, außer­dem soge­nann­tes Go-live-Mar­ke­ting, wor­un­ter die NRWZ genau nichts ver­steht, sowie den Rott­wei­ler Taler, den es aller­dings schon lan­ge gibt, die „Glanz­lich­ter”, Mer­chan­di­se-Arti­kel für Turm­fans und ähn­li­ches mehr.

Dafür gab es Bei­fall und Lob. Dann hagel­te es Kri­tik­punkt auf Kri­tik­punkt über all das, was nicht klappt, und das betraf – aus­weis­lich der Wort­mel­dun­gen – grund­le­gend Prak­ti­sches: kei­ne Hin­weis­schil­der vom Turm zur Innen­stadt, kei­ne regel­mä­ßi­gen und ver­läss­li­chen Bus­ver­bin­dun­gen, teil­wei­se geschlos­se­ne Wirt­schaf­ten, Geschäf­te und Cafés, geschlos­se­ne Tou­rist-Info­bü­ro in der Stadt, Rekla­ma­tio­nen über offen­bar unge­schul­tes Per­so­nal der Tou­rist-Info auf dem Turm.

Nicht ange­spro­chen wur­de die Grund­satz­fra­gen über­haupt: War­um war die Stadt nicht vor­be­rei­tet auf die Eröff­nung des Turms, die ja lan­ge im Vor­feld fest­stand? War­um stan­den nicht alle Betei­lig­ten und Betrof­fe­nen vom ers­ten Tag an Gewehr bei Fuß?
Die Rea­li­tät sehe so aus, hieß es: Wenn die Platt­form geöff­net sei, also am Frei­tag, Sams­tag und Sonn­tag, sei­en die Geschäf­te über­wie­gend geschlos­sen, eben­so man­che Loka­le. Spe­zi­el­le Ange­bo­te gebe es bis­her kaum.

Das müs­se sich so schnell wie mög­lich ändern, so der ein­hel­li­ge Tenor der Stadt­rä­te. Her­mann Breu­cha (Freie Wäh­ler) ging noch viel wei­ter: Man müs­se sich auch mal an „cra­zy Ide­en” wagen, for­der­te er, und brach­te als Bei­spiel einen auto­nom fah­ren­den Elek­tro-Klein­bus ins Spiel, der regel­mä­ßig vom Ber­ner Feld in die Stadt und zurück ver­keh­re. Anders­wo funk­tio­nie­re das schon.

Da woll­te Ober­bür­ger­meis­ter Ralf Broß nicht zurück­ste­hen und erin­ner­te an sei­ne Visi­on von Rott­weil 5.0. In sei­ner Rede beim Turm­fest hat­te er erklärt: „Der Test­turm könn­te so etwas wie das Sym­bol für eine neue Epo­che wer­den: Rott­weil 5.0!” Hier und jetzt mur­mel­te einer im Rund des Rats­saals ange­sichts der aktu­el­len Malai­se: „Eher 0.5!” André Lom­sky mach­te da nicht viel Hoff­nung: „Wir sind an den Gren­zen unse­rer Kapa­zi­tä­ten abge­langt”, sag­te er und kün­dig­te an, „im Lau­fe des ers­ten Halb­jah­res” wer­de er ein Gesamt­kon­zept vor­le­gen.