Kripo Rottweil überzeugt: Ein regionaler Arm der Mafia ist ab

Aufruf an die Bürger: "Insieme si può! – Gemeinsam schaffen wir es!"

Pressekonferenz von Polizei und Staatsanwaltschaft zur Festnahme von mutmaßlichen Mitgliedern einer Bande der organisierten Kriminalität. Foto: gg

Die Ermittlungsbehörden sind überzeugt davon: Ein regionaler Arm der sizilianischen Mafia ist ab. Mit einer konzertierten Aktion am 21. Juni ist der sozusagen abgetrennt worden. 17 Verhaftungen aufgrund deutscher Haftbefehle wurden damals innerhalb von Minuten vollstreckt. 14 Personen befinden sich weiter in Haft, warten auf ihr Verfahren im kommenden Jahr. Die drei Freigelassenen hätten bereits umfangreiche Geständnisse abgelegt, hieß es am Dienstag bei der Pressekonferenz von Polizei und Staatsanwaltschaft. Weiter in Haft ist der Rottweiler Restaurantbetreiber Placido A. Die Polizei bezeichnet ihn als „Gang Leader.“ Als selbstständigen, führenden Verbrecher. Als lokalen Kopf.

Großer Medienauflauf bei der Pressekonferenz der Rottweiler Kriminalpolizei unter Beteiligung der Staatsanwaltschaft Konstanz, die die Ermittlungen führte, und des Landeskriminalamtes, das sie begleitete. Die Regionalzeitungen schicken mehrere Vertreter, die örtliche Tageszeitung gleich derer sechs. Ein Mafiaboss in Rottweil? Das erregt Aufmerksamkeit.

Nun konnten die Beamten kaum mehr berichten, als in den örtlichen Medien schon gestanden hätte (etwa hier). In Kürze: Am 21. Juni sind in den frühen Morgenstunden 15 Tatverdächtige festgenommen worden. Die Polizei drang an deren Wohnorten in die Gebäude vor und verhaftete alle sozusagen gleichzeitig. Sie hätten sich widerstandslos festnehmen lassen, so Thomas Hechinger von der Rottweiler Kriminalpolizei. „Binnen weniger Minuten hatten wir die Haftbefehle gegen sie vollstreckt.“

Gegen die Bandenmitglieder wird wegen organisierter Kriminalität ermittelt – Drogenhandel, Waffenbesitz, gefährliche Körperverletzung, Brandstiftung (eine nicht näher benannte Tat, die im Schwarzwald-Baar-Kreis stattfand) und sogar versuchter Mord (Schüsse in Hüfingen). Offenbar ging es neben dem Handel mit Drogen auch darum, Geldspielautomaten in regionalen Gaststätten durchzusetzen, die die Bande unter Kontrolle hatten.

Wesentlicher Ermittlungsgrundsatz: Die italienischen und die deutschen Behörden sind gemeinsam vorgegangen. Mit einem sogenannten Spiegelverfahren. Sie ermittelten parallel und tauschten sich intensiv – meist auf Englisch – untereinander aus. Etwa über die Ergebnisse ihrer Telefon- und Whatsapp-Überwachungen. Allein deren Auswertung hat übrigens auf deutscher Seite drei Dolmetscher annähernd verschlissen, die der Polizei bei ihren Ermittlungen zur Seite gestanden hatten.

Die Ermittler glauben, eine autark agierende Bande geschnappt zu haben. Keine aus Italien gesteuerten Hiwis. Und an deren Gelder und Besitz gekommen zu sein, was ein großer Ermittlungserfolg sei. „Für uns war es wichtig, der organisierten Kriminalität in der Region das Investitionskapital zu entziehen“, erklärte Wolfgang Rahm, vom Landeskriminalamt Stuttgart. Ein Mann, der fließend italienisch spricht und eng in die Ermittlungen eingebunden war. Auch als Bindeglied zwischen den Justizbehörden in Palermo und jenen hier. „Wir wollten zeigen, dass sich Verbrechen nicht lohnt“, so Rahm.

Bei der Pressekonferenz: Ermittler Hechinger, Staatsanwalt Speiermann und Giuseppe Campobasso von der Finanzpolizei in Palermo. Foto: gg
Behörden arbeiten eng zusammen: der italienische Ermittler Campobasso und Wolfgang Rahm vom Landeskriminalamt Baden-Württemberg. Foto: gg

Das führte nach Darstellung von Oberstaatsanwalt Dr. Joachim Speiermann aus Konstanz zur Beschlagnahme von fünf Schuss- und ein paar Stichwaffen, von kiloweise Cannabis und Kokain, von sieben hochwertigen Fahrzeugen, von denen eines als Drogenkurierauto präpariert gewesen sei, von 60.000 Euro in bar und von Immobilien in Italien im Wert von 4,5 Millionen Euro. Eine größere, fünf kleinere Villen, einer Eigentumswohnung.

Den Italienern, die sich hier in der Region nach Darstellung wiederum von italienischen Medien nur niederließen, um eine bürgerliche Fassade vor ihre eigentlichen kriminellen Geschäfte zu bauen, sollte so richtig die Lust am Verbrechertum vergehen. Und allen potenziellen Nachahmern gleich mit. So der Tenor der Ermittlungsbehörden bei ihrer Pressekonferenz. Welchen Teil der organisierten Kriminalität sie allerdings dingfest machen konnten, wie viel Prozent der regionalen Verbrecher, wie eine Journalistin der Deutschen Presse-Agentur wissen wollte, das können sie nicht sagen.

Als Köpfe der hiesigen Bande jedenfalls gelten der Polizei zwei Personen: ein Mann aus dem Raum Donaueschingen, einer aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis, der in Rottweil eben die Pizzeria betrieben hat. Beide um die 50. Ihre Namen nennen die deutschen Beamten nicht, das haben deren italienische Kollegen bereits getan. Die Deutschen wiederum rücken die Verhafteten in die Nähe der Mafia, während die Italiener das nach Möglichkeit bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung vermeiden. So unterschiedlich kann jeweiliges Landesrecht sein.

Gegen den Donaueschinger, der auch ein Kleidergeschäft betrieben haben soll, ist bereits ermittelt worden. Das Verfahren wurde seinerzeit eingestellt. Auch jetzt glauben die Ermittler, dass mit den insgesamt zutage geförderten 200 Kilogramm Haschisch nur ein Teil dessen sichergestellt werden konnte, womit die Bande illegal ihr Geld verdiente – aber der Zeitpunkt des Zugriffs sei eben entscheidend. Nach Darstellung von Ermittler Hechinger: „Wenn Sie im falschen Moment zugreifen, dann finden Sie fünf Kisten und in allen sind nur Kleider“ – etwa für den Laden des Donaueschingers. „Dann ist das ganze Verfahren tot“, denn die Verdächtigen wären ja vorgewarnt.

So sind die Beamten zufrieden mit dem, was sie an Beweismaterial haben sicherstellen können, Waffen, Drogen, Autos, Geld. Geständnisse gibt es auch. Und vielleicht im kommenden Frühjahr die Verfahrenseröffnung. Und dann lange Haftstrafen, so hoffen die Ermittler. Es würde die Mühe lohnen – Tag und Nacht mit den italienischen Kollegen geschuftet, über die Monate hinweg wenigstens 200 gerichtliche Beschlüsse erwirkt, dann mit 300 Mann zugegriffen und 17 Verdächtige festgenommen und Beweismittel gesichert zu haben.

Die regionale Struktur der Verdächtigen. Ganz oben, als „Gang Leader“ bezeichnet: Placido A. Foto: gg

Eine der regional führenden Banden – wenn nicht die – ausgehoben zu haben, nach monatelanger Arbeit. Eine professionelle Bande, die direkte Kontakte zur sizilianischen Mafia unterhalten haben soll und damit nach deutschem Dafürhalten auch als Mafia bezeichnet werden kann. Hochmobile Tatverdächtige, bestens vernetzt, mit einer bürgerlichen Fassade als Geschäftsleute, bestens im Kleinstadtleben integriert, bis hin zum örtlichen Fußballverein. Diese Fassade, und die Tatsache, dass hier Verwandte und Freunde mutmaßlich eine kriminelle Organisation gebildet hatten, auch privat Verbündete, also, habe die Ermittlungsarbeit so schwer gemacht, hieß es am Dienstag.

Zumal es mit dem aktuellen Erfolg nicht getan ist. 148 Menschen rechnet das Landeskriminalamt Stuttgart nach Auskunft von Wolfgang Rahm der italienischen Mafia zu – Ndrangheta, Camorra, Cosa Nostra und so weiter.

„Wir haben es zunehmend mit einer bürgerlichen Mafia zu tun, sagte LKA-Mann Rahm. Mit bestens integrierten Menschen, die dunklen Geschäften hinter der Fassade ihres bürgerlichen Lebens nachgingen. Dem Landes-Ermittler ist es deshalb ein Anliegen, „das Anzeigeverhalten der Bürger zu verbessern.“ Wenn es etwa ein offensichtliches Missverhältnis zwischen Lebensstil und möglichen Eigentumsverhältnissen gebe, dann würden sich er und seine Kollegen über einen solchen Hinweis freuen.

„Gegen Organisierte Kriminalität“, heißt daher auch eine zweisprachige Broschüre des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg, die dazu aufruft, die polizeiliche Arbeit zu unterstützen. „Denn: Jeder Hinweis und jede neue Information ist ein Schritt im Kampf gegen die Organisierte Kriminalität in Baden-Württemberg. Dafür steht auch ‚Insieme si può! – Gemeinsam schaffen wir es!'“

 

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