ROTTWEIL – Klas­sik in der Haupt­stra­ße? Wo? Na, in dem Laden wo es die Über­ra­schun­gen gibt, Glück­se­lig­kei­ten von Rau, Haupt­stra­ße 41. Dr. Chris­toph Schan­ze, ein Ger­ma­nist, der auch Kla­vier stu­diert hat, oder ein Pia­nist, der sein Brot in der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft ver­dient? Bei­des trifft zu und ist doch nicht ganz rich­tig.

Vor hand­ver­le­se­nem Publi­kum im Ambi­en­te des­sen, was Rau als Glück­se­lig­kei­ten ver­heißt, ein Mozarta­bend. Das Kla­vier ist sicher ver­bes­se­rungs­be­dürf­tig. Aber was ist wich­tig an die­sem Abend? Die Sech­zehn­tel wol­len nicht so recht per­len. Und so scheint Mozart immer mal frech dazwi­schen zu rufen: “Bei mir war das vor 235 Jah­ren auch nicht immer per­fekt!“ Nein, mit den markt­wirt­schaft­lich gepräg­ten Ansprü­chen des aktu­el­len Klas­sik-Kon­su­men­ten kommt das Audi­to­ri­um heu­te nicht wei­ter.

Ange­sagt ist viel­mehr die per­sön­li­che Annä­he­rung an die Lebens­si­tua­ti­on, das gesell­schaft­li­che Umfeld und die Unge­wöhn­lich­kei­ten des Lieb­lings­kna­ben der musi­ka­li­schen Epo­che, die auch nach über 200 Jah­ren nicht ganz out ist. Und da kommt eine Stär­ke des Künst­lers ins Spiel: er ver­steht es auch mit Tex­ten umzu­ge­hen und wich­ti­ge Infor­ma­tio­nen zu sei­nem Pro­gramm den Zuhö­rern nahe zu brin­gen.

Zwei Dur-Sona­ten (C und A.Dur, Köchel­ver­zeich­nis 330 und 331) ste­hen den Moll-Wer­ken (Fan­ta­sie d-Moll und Ron­do a-Moll, Köchel­ver­zeich­nis 397 und 511) im Wett­be­werb um die Zuwen­dung des Pia­nis­ten gegen­über. Und die­ser hält es ein­deu­tig mit den zwei­te­ren, vor allem dem Ron­do mit unge­wöhn­li­chen Mozart-Har­mo­ni­en. Das Publi­kum ist begeis­tert, so dass noch ein Ada­gio aus der Sona­te F-Dur, Köchel­ver­zeich­nis 332 als Zuga­be zur zwei­ten Kate­go­rie hin­zu­ge­fügt wird. Schö­nes Bei­spiel für die Metho­de Schan­ze: in Erman­ge­lung des Ham­mer­kla­viers imi­tiert er im Tür­ki­schen Marsch der A-Dur Sona­te sogar die ‚Jani­tscha­ren­mu­sik‘, indem er Ver­zie­run­gen wie hin­kend zusam­men­presst.

Vor fünf­zig Jah­ren konn­te ein pfif­fi­ger Jour­na­list musi­zie­ren­den Stu­den­ten ihren schwar­zen Anzug in der Kon­zert­kri­tik um die Ohren hau­en. Da steht Chris­toph Schan­ze 2018 drü­ber, sogar mit Kra­wat­te. Er hat wirk­lich etwas zu sagen.