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Rottweil
Samstag, 7. Dezember 2019
Start Rott­weil Mys­te­ri­en­spiel­grup­pe auf den Spu­ren der deut­schen Renais­sance

Mysterienspielgruppe auf den Spuren der deutschen Renaissance

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ROTTWEIL – Mit ihrem Gast­spiel in Hei­den­heim hat die Rott­wei­ler Alber­­tus-Magnus-Mys­­­te­­ri­en­­spiel­­grup­­pe eine Stu­di­en­fahrt pas­send zum Inhalt des Mys­te­ri­en­spiels, das um die Zeit 1500 kreist, zur Kunst der Spät­go­tik und Renais­sance in Augs­burg, Ulm und Blau­beu­ren ver­bun­den. Beglei­tet wur­de die Rei­se von der Lei­te­rin der Grup­pe, Vero­ni­ka Heck­­mann-Hage­­loch, und von Doro­thea Schö­ne, Eber­hard Hage­loch sowie eini­gen Eltern.

Die Auf­füh­rung des Mys­te­ri­en­spiels ”Sehn­sucht nach Erneu­e­­rung- Suche nach Wahr­heit und Frie­den um 1500 und heu­te“ hat in der Mari­en­kir­che in Hei­den­heim gro­ßen Anklang gefun­den. Pas­to­ral­re­fe­ren­tin Lydia Hage­loch von der dor­ti­gen Seel­sor­ge­ein­heit dank­te der Rott­wei­ler Mys­te­ri­en­spiel­grup­pe, in der sie selbst vie­le Jah­re Mit­wir­ken­de gewe­sen ist. Die Grup­pe mit Jugend­li­chen des Alber­­tus-Magnus‑, des Lei­b­­niz- ‚des Dros­­te-Hül­s­hoff-Gym­­na­­si­ums und der Real­schu­le Rott­weil unter der Lei­tung von Vero­ni­ka Heck­­mann-Hage­­loch ließ dabei die Zeit um 1500 leben­dig wer­den in Wor­ten, Kos­tü­men und Musik. An der Orgel beglei­te­te der Abitu­ri­ent Fabio Merz.

Der moder­ne Kir­chen­raum bot einen stim­mi­gen Rah­men und ließ die Far­ben­pracht der Fah­nen und Kos­tü­me zur Wir­kung kom­men. Eine Über­ra­schung gab es zuvor. Zur Ves­per­pau­se war die Grup­pe von der Gemein­de ein­ge­la­den und fuhr dazu an einen beson­de­ren Ort. Im Natur­thea­ter Hei­den­heim mit gro­ßer Büh­ne und Kulis­sen­bau­ten vor herr­li­chen Bäu­men, stand ein reich­hal­ti­ges Büf­fet bereit. Zugleich konn­ten die Pro­ben­ar­bei­ten zum Stück „Herr der Die­be“ nach Cor­ne­lia Fun­ke gese­hen wer­den.

Die Anrei­se zur Ost­alb begann schon einen Tag frü­her und führ­te nach Augs­burg, das wesent­lich geprägt ist von der Zei­ten­wen­de um 1500. So begann der Stadt­rund­gang mit dem Besuch der „Fug­ge­rei“, 1521 gestif­tet und ers­te Sozi­al­sied­lung der Welt, gebaut für bedürf­ti­ge katho­li­sche Bür­ger der Stadt, zu denen auch der Urgroß­va­ter von Wolf­gang Ama­de­us Mozart, des­sen Vater Augs­bur­ger war, gehör­te. Die Mie­te beträgt auch heu­te noch etwa einen Euro und drei Gebe­te für die Fami­lie Fug­ger. Vor­bild­lich – auch für heu­ti­ges Bau­en – erscheint den Besu­chern die­se „Stadt in der Stadt“ mit ihren begrün­ten Häu­sern, klei­nen Gär­ten, Brun­nen, Schu­le, Gast­haus und Kir­che.

Das impo­san­te Rat­haus mit dem „Gol­de­nen Saal“ gilt  als eines der frü­hes­ten und bedeu­tends­ten Bei­spie­le von Renais­­sance-Archi­­te­k­­tur nörd­lich der Alpen, in der ehe­ma­li­gen Klos­ter­kir­che St. Anna gilt die kunst­vol­le Fug­ger-Gra­b­­ka­­pel­­le von 1509 als ers­ter Sakral­raum der Renais­sance in Deutsch­land. His­to­risch inter­es­sant ist das ehe­ma­li­ge Klos­ter auch dadurch, dass Mar­tin Luther dort wohn­te, als er 1518 im Stadt­pa­last der rei­chen Kauf­manns­fa­mi­lie Fug­ger vor dem päpst­li­chen Lega­ten Cajetan beim Reichs­tag in Augs­burg sei­ne 95 The­sen wider­ru­fen soll­te, dies aber ver­wei­ger­te. 1525 wur­de in St. Anna der ers­te  evan­ge­li­sche Got­tes­dienst gefei­ert. 1999 unter­zeich­ne­ten dort Ver­tre­ter des Luthe­ri­schen Welt­bun­des und der Katho­li­schen Kir­che die gemein­sa­me Erklä­rung zur Recht­fer­ti­gungs­leh­re, womit ein wesent­li­cher Streit­punkt der Refor­ma­ti­on besei­tigt war.

Als Oase der Stil­le wirkt die Moritz­kir­che. Die Neu­ge­stal­tung die­ser 1000 Jah­re alten Kir­che, die dann baro­cki­siert und 1944 im Krieg fast voll­stän­dig zer­stört wur­de, beein­druck­te. Der Lon­do­ner Archi­tekt und Künst­ler John Paw­son hat 2010–13 einen völ­lig wei­ßen Raum mit dunk­lem Holz­ge­stühl gestal­tet. Die lebens­gro­ße früh­ba­ro­cke Figur des auf­er­stan­de­nen Chris­tus, 1603 von Georg Petel geschaf­fen und ein­zi­ges Kunst­werk im Chor­raum, scheint gera­de­zu auf die Betrach­ter zuzu­ei­len. Der wei­te­re Weg führ­te durch die Pracht­stra­ße der Stadt, an den gro­ßen Stadt­pa­läs­ten der Fug­ger vor­bei zur Kir­che St.Ulrich und Afra. Die außer­ge­wöhn­li­che Schön­heit des spät­go­ti­schen Kir­chen­rau­mes, 1500 vom Bau­meis­ter des Ulmer Müns­ter­tur­mes, Burk­hart Engel­berg, voll­endet, wirkt mit der wert­vol­len Aus­stat­tung als har­mo­ni­sches Gan­zes. Drei rie­si­ge, pracht­vol­le Altä­re mit rei­chem Figu­ren­schmuck aus der Über­gangs­zeit von Renais­sance zu Früh­ba­rock um 1604-07 sind den christ­li­chen Hoch­fes­ten Weih­nach­ten, Ostern und Pfings­ten und zugleich den Patro­nen der Diö­ze­se Aug­burg gewid­met: Afra und Ulrich.

Die Gele­gen­heit zum Besuch des Abend­got­tes­diens­tes wur­de von vie­len ger­ne ange­nom­men. Ein gemein­sa­mes Abend­essen in einer stim­mungs­vol­len Gar­ten­wirt­schaft beschloss den Abend. Nach der Über­nach­tung in Augs­burg stand eine kur­ze Besich­ti­gung des Domes auf dem Pro­gramm. Von außen und innen ist der Dom geprägt durch Roma­nik und Gotik. Erhal­ten sind die frü­hes­ten Bei­spie­le figür­li­cher Glas­ma­le­rei in Deutsch­land, die Pro­phe­ten­fes­ter von cir­ca 1140. In einer Sei­ten­ka­pel­le konn­te man auf einem baro­cken Schutz­en­gel­bild die Dar­stel­lung einer Mas­ke ent­de­cken, die einem Gschell sehr ähnelt und hin­ter der sich ein häss­li­cher Teu­fel ver­steckt. Anschlie­ßend gab es die Mög­lich­keit, die Stadt nach eige­nen Inter­es­sen zu erkun­den, dann ging die Fahrt wei­ter nach Hei­den­heim. Nach der dor­ti­gen Mys­­­te­­ri­en­­spiel-Auf­­­füh­­rung begann die Rück­fahrt mit einer noch­ma­li­gen Über­nach­tung. Am fol­gen­den Tag wur­de die Grup­pe in Ulm von Frau Ina Schmu­de, Kunst­er­zie­he­rin in Ulm, emp­fan­gen. Unter ihrer fach­kun­di­gen Füh­rung ent­deck­te man die Schön­hei­ten der Stadt, zum Bei­spiel die roman­ti­sche Alt­stadt mit Rat­haus und Fischer­vier­tel, die Donau und das Ulmer Müns­ter. Außen beein­druckt die­ser Bau mit dem höchs­ten Kirch­turm der Welt, im 19. Jahr­hun­dert voll­endet, und der rei­chen Bau­plas­tik der Künst­ler aus der Fami­lie Par­ler, die auch am Rott­wei­ler Kapel­len­turm gear­bei­tet haben. Im Innen­raum ent­deckt man stau­nend, dass als gro­ße Pfei­l­er­fi­gu­ren unter Bal­da­chi­nen, dar­ge­stellt wie Hei­li­ge, bedeu­ten­de Pro­tes­tan­ten zu fin­den sind, zum Bei­spiel Marin Luther, Paul Ger­hard und Johann Sebas­ti­an Bach. Mit­tags­pau­se war beim bun­ten Wochen­markt am Müns­ter­platz. Die Wei­ter­fahrt führ­te über die Schwäb­si­che Alb nach in Blau­beu­ren.

Die­ser idyl­li­sche Ort beher­bergt im ehe­ma­li­gen Klos­ter seit der Refor­ma­ti­on ein Gym­na­si­um. Nach der Besich­ti­gung von Kreuz­gang und Kir­che mit kunst­voll geschnit­zem Chor­ge­stühl von Jörg Syr­lin d.J. (um 1500) und dem pracht­vol­len Flü­gel­al­tar von 1493 aus der Ulmer Schu­le, einem der bedeu­tends­ten voll­stän­dig erhal­te­nen goti­schen Altä­re in die­ser Grö­ße, run­de­te ein Spa­zier­gang zum Blau­topf und durch den Ort den Besuch ab.

Die Alber­­tus-Magnus-Mys­­­te­­ri­en­­spiel­­grup­­pe kehr­te glück­lich über das gut gelun­ge­ne Gast­spiel und berei­chert von Kunst und Kul­tur aus der Zeit um 1500 nach Rott­weil zurück.  

            Inzwi­schen war die Grup­pe auch in Rottenburg/ Neckar und hat in einem klei­nen Stadt­rund­gang Neckar­ufer, Dom, Alt­stadt und die Schatz­kam­mer der St. Moriz-Kir­che besich­tigt. Auf­ge­führt wur­de das Stück in der mit goti­schen Wand­ma­le­rei­en geschmück­ten St.Moriz-Kirche. Unter den zahl­rei­chen Zuschau­ern waren auch Weih­bi­schof em. Dr. Johan­nes Kreid­ler, Gene­ral­vi­kar Dr. Cle­mens Strop­pel und wei­te­re Mit­glie­der des Bischöf­li­chen Ordi­na­ri­ats. Nach der Auf­füh­rung gab es viel Lob von Besu­chern und anre­gen­de Gesprä­che mit den Mit­wir­ken­den.

Aktu­el­le Infor­ma­tio­nen unter: www.mysterienspiel.de.

 

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