Vor knapp eineinhalb Monaten haben die Freien Wähler im Stadtrat noch öffentlichkeitswirksam auf den Putz gehauen: Das geplante Wohn- und Geschäftshaus am Nägelesgraben käme nicht voran, der Vertrag mit dem Investor sei zu lösen, wetterten und forderten sie. Jetzt ändert sich die Ausgangslage: Gut vier Jahre nach Erhalt des Zuschlags präsentiert der Investor erste Pläne für sein “Neckar-Center”.

Einblicke: das geplante Neckar-Center in Rottweil. Grafik: Schaudt Architekten
Das Erdgeschoss. Hier soll Müller einziehen. Grafik: Schaudt Architekten
Der erste Stock mit einigen Wohnungen. Grafik: Schaudt Architekten

1500 Quadratmeter Verkaufsfläche im Erdgeschoss – der Drogeriemarkt Müller soll sich dort ansiedeln, soviel steht schon fest. Darüber sollen drei Stockwerke mit 29 barrierefreien Wohnungen entstehen. Ein- und Zweizimmer-Appartements ebenso wie Drei- und Vierzimmer-Wohnungen mit zwischen 37 und 100 Quadratmetern Wohnfläche. Während das Erdgeschoss flächig aufgebaut ist, sollen die Obergeschosse U-förmig erstellt werden. Im Untergeschoss ist eine Tiefgarage mit 95 Stellplätzen geplant.

So sieht die Planung aus, die das Rottweiler Bauamt den Stadträten am Mittwoch präsentieren will. Der Gemeinderat soll dann einem Vorhabenbezogenen Bebauungsplan zustimmen, das Projekt soll eine erste Hürde auf diese Weise nehmen.

Erst vor rund sechs Wochen hatten die Rottweiler Freien Wähler mit der ACTIV-Group Schemmerhofen die Geduld verloren. Ohne Umschweife beantragten sie, dem Finanzier der bestehenden Rottweiler Jugendherberge und der künftig sanierten Villa Duttenhofer das Projekt Nägelesgraben zu entziehen. Begründung: Unfähigkeit, das Projekt den Vorgaben gemäß umzusetzen. Unterdessen erklärte die Stadt, die Gespräche mit der ACTIV-Group jüngst fortgesetzt zu haben. Diese bestätigte das und ergänzte, davon überrascht worden zu sein, dass das Vorhaben nun auf der Zielgeraden gestoppt werden soll. So sollten die Freien Wähler nach Lesart der ACTIV-Group wie alle Fraktionen im Gemeinderat in die laufenden Vorgänge eingebunden gewesen sein.

Jetzt kommt Butter bei die Fische. Mit der Vorlage der Pläne aber zeigt sich auch: Der ursprüngliche Plan des Investors, eine Verkaufsfläche von mehr als 3000 Quadratmetern zu errichten, ist gescheitert. Zwar habe die ACTIV-Group intensive Verhandlungen mit einzelnen potenziellen Mietern für die Einzelhandelsflächen geführt. Im Ergebnis aber habe sich die ursprüngliche Intention der Stadt und des Investors, einen Einzelhandelsbetrieb mit hochwertigem Bekleidungssortiment anzusiedeln, nicht umsetzen lassen, erklärt die Stadtverwaltung.

Das hat auch Dr. Peter Schellenberg von den Freien Wählern im Rottweiler Gemeinderat festgestellt – zu seinem Bedauern. „Trotz langwierigen Bemühens konnte vom Investor und der Stadt Rottweil das angestrebte Einzelhandelskonzept nicht umgesetzt werden, so dass das erste Obergeschoss anstatt mit Einzelhandelsgeschäften jetzt ebenfalls mit Wohnungen versehen werden soll“, argumentiert er. Dabei sei zwischenzeitlich noch eine Dach­geschossebene zusätzlich mit Wohnungen geplant worden. Auch die Architektur des Gebäudes aus dem Wettbewerb sei „heute nicht mehr zu erkennen“, so Schellenberg.

Noch etwas stimmt die Freien Wähler nicht froh: die Erklärung der ACTIV-Group, mit Drogerie Müller bereits einen Vertrag unterschrieben zu haben. „Da der Investor angibt, bereits einen Mietvertrag abgeschlossen zu haben, fragen wir uns natürlich, auf welcher Grundlage er so sicher sein kann, dass das von ihm gewünschte Bauvorhaben auch tatsächlich so umgesetzt werden wird“, erklärte Dr. Martin Hielscher, Sprecher der Stadtratsfraktion der Freien Wähler, bereits gallig.

Die Stadtverwaltung aber gibt sich froh, dass jetzt etwas passiert: Mit dem geplanten Vorhaben werde beabsichtigt, das noch unbebaute Grundstück mit etwa 0,35 Hektar im Sinne der Innenentwicklung einer Bebauung zuzuführen. Das Grundstück an der Ecke Nägelesgrabenstraße und Schlachthausstraße biete der Stadt Rottweil die Chance, Einzelhandel und Wohnen in innenstadtnähe anzusiedeln, heißt es in der Sitzungsvorlage für kommenden Mittwoch. Das Bauamt will, dass das Verfahren jetzt richtig Fahrt aufnimmt und strebt das sogenannte beschleunigte Verfahren an. Auf dass die Brachfläche bald verschwinde.