Erkennbar am Button auf der Brust: ein JVA-Befürworter am Bürgermikrofon. Foto: Thomas Decker, Team Ralf Graner Photodesign

Nach mehr als sie­ben­jäh­ri­ger Stand­ort-Suche will die grün-rote Lan­des­re­gie­rung noch vor der Som­mer­pau­se ent­schei­den, wo das neue Gefäng­nis für 400 bis 500 Häft­lin­ge im Gebiet Südbaden/Südwürttemberg und Kos­ten von 80 Mil­lio­nen Euro gebaut wird – in Meß­stet­ten oder Rott­weil. Das hat Jus­tiz­mi­nis­ter Rai­ner Sti­ckel­ber­ger (SPD) am Don­ners­tag­abend bei einer Bür­ger­ver­samm­lung in der Rott­wei­ler Stadt­hal­le vor mehr als 700 Teil­neh­mern  ange­kün­digt.

Rott­weil. Die neue Anstalt soll die fünf völ­lig ver­al­te­ten, aus dem 19. Jahr­hun­dert stam­men­den und nicht mehr sanie­rungs­fä­hi­gen Häu­ser in Walds­hut-Tien­gen, Vil­lin­gen-Schwen­nin­gen, Hechin­gen, Obern­dorf und Rott­weil erset­zen. Dar­auf behar­ren auch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt aus Grün­den der Reso­zia­li­sie­rung und der baden-würt­tem­ber­gi­sche Rech­nungs­hof aus Kos­ten­grün­den.

Immer mehr Rott­wei­ler kön­nen das Wort Gefäng­nis nach immer neu­en Dis­kus­sio­nen über den Stand­ort inzwi­schen nicht mehr hören. Mehr als 150 Jah­re leben sie schon pro­blem­los mit einer Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt mit­ten in der Stadt. 1975 reser­vier­te der Gemein­de­rat einen Platz im Gewer­be­ge­biet Stall­berg an der B 14 in Rich­tung Vil­lin­gen-Schwen­nin­gen. Doch 2008 kipp­te die schwarz-gel­be Lan­des­re­gie­rung den Stand­ort unver­mit­telt. Begrün­dung: Das Gips­vor­kom­men sei ein zu gro­ßes Rest­ri­si­ko.

Die Stadt fand mit dem Bitz­wäld­le an der B 27 in Rich­tung Balingen bald eine Alter­na­ti­ve. Nach teil­wei­se mili­tan­ten Bür­ger­pro­tes­ten und Ängs­ten in den betrof­fe­nen Stadt­tei­len Zepfen­han und Neu­kirch kam der grü­ne Wahl­kämp­fer Win­fried Kret­sch­mann und ver­sprach im Fall sei­ner Wahl zum Minis­ter­prä­si­den­ten einen neu­en Such­lauf. So kam es, doch dann wur­de der Such­lauf teil­wei­se zu einem Irr­lauf.

Seit Anfang April sind nur noch zwei Kan­di­da­ten im Ren­nen: Rott­weil mit dem Stand­ort Esch an der Neckar­burg, in Sicht­wei­te zur A 81, und das frü­he­re Kaser­nen­ge­län­de in Meß­stet­ten. Das liegt zwar nicht in dem von der Lan­des­re­gie­rung zu Beginn fest­ge­leg­ten Such­drei­eck, aber auch da war es Win­fried Kret­sch­mann, der mit dem Stich­wort Kon­ver­si­on dar­auf hin­wies, das Land müs­se die Stadt Meß­stet­ten nach der Schlie­ßung der Kaser­ne struk­tur­po­li­tisch unter­stüt­zen.

Und so kam es in die­ser Woche zum Show­down: Hier wie dort fand eine Bür­ger­ver­samm­lung mit Jus­tiz­mi­nis­ter Sti­ckel­ber­ger (SPD) und Staats­rä­tin Gise­la Erler, aber einem völ­lig unter­schied­li­chem Ver­lauf statt. In Meß­stet­ten ord­ne­te Bür­ger­meis­ter Lothar Men­nig am Mitt­woch­abend eine Gesichts- und Pass­kon­trol­le an, um nur Ein­hei­mi­schen Zugang zu gewäh­ren. Zur Beru­hi­gung trug das nicht bei.

Bis zwei Tage zuvor hat­te es kaum Pro­tes­te im Meß­stet­ten gege­ben. Dann grün­de­te sich eine Bür­ger­initia­ti­ve, die an die­sem Abend mit geball­ten Wort­mel­dun­gen gegen eine Gefäng­nis-Ansied­lung argu­men­tier­te: Nicht nur das Kon­ver­si­ons­ge­län­de wer­de genutzt, son­dern auch eine land­wirt­schaft­li­che Flä­che und Sport­an­la­gen, Meß­stet­ten ver­baue sich so eine Ansied­lung von neu­er Indus­trie und kön­ne zudem auf der Alb und 907 Meter Mee­res­hö­he kei­ne ver­nünf­ti­ge ver­kehr­li­che Anbin­dung an die Gerich­te bie­ten. Dar­über hin­aus äußer­ten ein­zel­ne Bür­ger ihre Ängs­te, die von einem Gefäng­nis aus­gin­gen.

Das spiel­te in Rott­weil, wo neben den Rott­wei­lern auch Bür­ger der Nach­bar­ge­mein­den ein­ge­la­den waren und eben­falls Rede­recht beka­men,  über­haupt kei­ne Rol­le. Wäh­rend Rott­wei­ler das Gefäng­nis fast durch­weg als Chan­ce für den Jus­tiz-Stand­ort sahen, kamen aus dem Nach­bar­ort Vil­lin­gen­dorf teil­wei­se hef­ti­ge Pro­tes­te, und alle warn­ten davor, das (Luft­li­nie fast zwei Kilo­me­ter ent­fern­te) Nah­erho­lungs­ge­biet Esch zu ver­bau­en. Das will auch eine Bür­ger­initia­ti­ve ver­hin­dern, die nach eige­nen Anga­ben schon mehr als 1400 Unter­schrif­ten gesam­melt hat.

Staats­rä­tin Erler und Ober­bür­ger­meis­ter Ralf Broß  mach­ten indes­sen deut­lich, dass es sich beim Grund­stück um eine inten­siv genutz­te Acker­flä­che hand­le. Und sie zeig­ten auf, wie man das nahe gele­ge­ne Schutz­ge­biet vor Scha­den bewah­ren könn­te: Sie wol­len ein Gefäng­nis neu­er Art, aber in Anleh­nung an den Neu­bau in Offen­burg  errich­ten, das „zu einer Sehens­wür­dig­keit und Attrak­ti­on“ wird, das sich archi­tek­to­nisch dem sen­si­blen Land­schafts­bild anpasst und das auch öko­lo­gi­schen Belan­gen Rech­nung trägt.

Das über­zeug­te nicht alle, aber die Mehr­heit. Und so bekam auch Dr. Diet­mar Foth, Prä­si­dent des Land­ge­richts, den größ­ten Bei­fall an  die­sem Abend, als er resü­mier­te: „Alle Fak­ten spre­chen für Rott­weil.“ Staats­rä­tin Erler bestä­tig­te: „Das sieht ein Blin­der und ein Tau­ber, aber wir wol­len halt auch die Struk­tur­po­li­tik berück­sich­ti­gen.”

Doch Meß­stet­ten will nicht auf­ge­ben: Bür­ger­meis­ter Men­nig hat ange­kün­digt, der Gemein­de­rat wer­de dem­nächst sei­nen ein­stim­mi­gen Beschluss pro Gefäng­nis bekräf­ti­gen.