Der Bauausschuss des Rottweiler Gemeinderats hat am Mittwoch den Aufstellungsbeschluss für einen Bebauungsplan für ein Wohn- und Geschäftshaus am Nägelesgraben gefasst. In dem neuen Gebäude sollen 29 Wohnungen entstehen – teils in Zusammenarbeit mit dem benachbarten Seniorenheim auch als betreutes Wohnen – und der Müller-Markt angesiedelt werden, der vom Friedrichsplatz weg möchte. Das alles gegen den erklärten Willen der Freien Wähler, die dem Investor bekanntlich das Projekt entziehen wollten. Denn sie wollten ein großes Textilgeschäft auf zwei Etagen und bekommen, nach ihrer Wahrnehmung, in erster Linie für den Investor lukrative Wohnungen.

Die einstige und die jetzige Planung. Der große Unterschied: Im ersten Stock sind jetzt (unteres Bild) Wohnungen. Außerdem verfügt das abgewandelte Gebäude über weitere, aufgesetzte Wohnungen. Die Gesamthöhe steigt aber nur um 1,50 Meter, weil das weggefallene Einzelhandelsgeschoss deutlich höher wäre als ein Wohngeschoss. Grafiken: ACTIV-Group

Eine Parfümerie, eine Abteilung für Schreib- und eine für Haushaltswaren, viel Spielzeug, DVDs und eben eine Drogerie – all das soll der künftige Müller-Markt am Nägelesgraben auf 1500 Quadratmetern Verkaufsfläche bieten. Spätestens ab Ende 2019, wenn jetzt alles am Schnürchen läuft. So der Zeitplan, den der Investor, die ACTIV-Group aus Schemmerhofen, am Mittwoch vorgestellt hat. Der Gemeinderatsausschuss hat mehrheitlich zugestimmt.

Genau genommen haben dem alle außer den Freien Wählern zugestimmt. Ginge es nach diesen, wäre jetzt statt dessen die Notbremse gezogen worden. 2012 hatte die ACTIV-Group den Zuschlag bekommen, am Nägelesgraben ein Wohn- und Geschäftshaus anzusiedeln – mit der klaren Maßgabe, einen Textiler zu holen und zwei Verkaufsebenen zu schaffen. Und jetzt, einige Jahre später, bekomme Rottweil etwas, das es nicht bestellt hat. Nicht mit uns, erklärten die Freien Wähler und beantragten den Ausstieg.

Sie scheiterten grandios: mit zehn zu drei Stimmen bei drei anwesenden Freien Wählern. Das muss es aber noch nicht gewesen sein: Über den Aufstellungsbeschluss für den Bebauungsplan für das Müller-Markt-Gebäude mit den 29 Wohnungen ist erst vorberaten worden. Nächste Woche entscheidet der Gemeinderat. Auch der Antrag der Freien Wähler wird daher kommende erneut aufgerufen, bestätigte die Verwaltung auf Nachfrage der NRWZ. Ein davon überraschter Dr. Peter Schellenberg von den Freien Wählern konnte allerdings noch nicht sagen, ob seine Fraktion den Antrag dann zurückziehe, was als allgemein üblich gilt.

Der Investor, die ACTIV-Group hat versprochen, jetzt schnell tätig werden zu wollen. So sei mit der Drogerie Müller bereits ein Zwölf-Jahres-Mietvertrag unterzeichnet worden – von dem beide Seiten aber ohne Ansprüche gegeneinander zurücktreten können, wenn bis zum Ende des laufenden Jahres kein Satzungsbeschluss über den Bebauungsplan vorliegt, der Gemeinderat diesen also nicht gefasst hat. Der Beschluss soll im Oktober kommen, hat das Bauamt dem Investor versprochen. Im kommenden Jahr will die ACTIV-Group dann gleich loslegen, die weit gediehenen Pläne konnte sie am Mittwoch vorlegen. Ende 2019 könnten dann neben dem Müller-Markt erste Mieter einziehen.

Die Beschäftigten von Müller am Friedrichsplatz haben am Montag aus der NRWZ erfahren, dass sie wohl umziehen werden. Interessant, fanden sie das. Gewusst hätten sie es gerne früher. Aber immerhin bleiben sie in der Stadt – so der Tenor in der Verwaltung und im Gemeinderat. Denn entgegen der Darstellung der Freien Wähler gehe es eben nicht um eine Verlagerung des Standorts, sondern um eine Standortsicherung.

Dass es nun ein Drogeriemarkt wird und kein Textilgeschäft, das bedauerte Frank Dörflinger (Geschäftsführer ACTIV-Group) am Mittwoch öffentlich. Sein Unternehmen habe jeden Versuch unternommen, die bestehenden Kontakte genutzt und sich lauter Absagen eingehandelt. Erst jüngst hätten sie die Infobroschüre zur Hängebrücke rumgeschickt, hätten mit dieser Attraktion für Rottweil geworden – Resultat: wieder lauter Absagen und Desinteresse. Ein Textilunternehmer soll erklärt haben: “Wenn jemand über die Hängebrücke geht, dann kauft er doch nachher keinen Anzug bei mir.”

Zwischenzeitlich hatte die ACTIV-Group einen Textiler an der Angel – ein Unternehmen aus Köngen -, aber dieser Fisch schwamm wieder davon. Vor dem Investor aus Schemmerhofen, der schon die Jugendherberge realisiert hat und sich gerade an die Villa Duttenhofer macht, hatte sich auch schon das Unternehmen Hochtief am Nägelesgraben versucht und das Handtuch geworfen.