Vierzehn Tage vor dem Bürgerentscheid über die Rottweiler Hängebrücke warnen deren Gegner davor, dass das Projekt zu einem “Hotspot” für Selbsttötungen werden könne. Zugleich erklären die Vertreter der Bürgerinitiative gegen die Hängebrücke, dass das Thema Suizide tabuisiert würde. Tatsächlich begleitet es das Projekt seit seiner Vorstellung vor gut einem Jahr.

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Schon während der Pressekonferenz im Januar 2016, als das Projekt einer Fußgänger-Hängebrücke vom Testturm zur Innenstadt erstmals öffentlich präsentiert wurde, ist Investor und Brückenbauer Günter Eberhardt erstmals mit dem Thema Suizide konfrontiert worden. Es sei ihm bewusst, dass die Brücke Selbsttötungen ermögliche, sagte er damals. Er wolle darüber auch nicht schweigen. Er wolle aber vor allem nicht die Brücke mit einem Käfig umgeben, der Suizide verhindere. So ein Käfig schränke auch die Sicht von der Brücke ein. Vielmehr setze er, Eberhardt, darauf, dass das Bauwerk derart positiv besetzt werde, dass allein dieser Umstand es als ungeeignet für Selbsttötungen erscheinen lasse.

Eberhardt erhielt später Rückendeckung von seinem Bruder im Geiste, sozusagen, dem Mönsdorfer Bürgermeister und dortigen Brücken-Initiator Marcus Kirchhoff. Ja, es gebe Suizide an der “Geierlay”, Deutschlands aktuell längster Hängeseilbrücke. Eine Zahl wollte er nicht nennen, sie liege aber bei einem ganz geringen Prozentsatz der Besucher. Kirchhoff würde „seine Brücke“ deshalb aber nicht anders konstruiert haben wollen. Das Erlebnis der Natur solle für die Besucher im Vordergrund stehen, „je mehr Sie sie einhausen, desto weniger interessant wäre sie.“

Während einer ersten Bürgerversammlung zum Hängebrückenprojekt im Mai 2016 meldete sich auch die Rottweiler evangelische Pfarrerin Esther Kuhn-Lutz zu Wort. Wie es mit der Suizidprävention an der Brücke stehe, wollte die Pfarrerin, die auch Notfallseelsorgerin ist, wissen. Die Planer wollten die gesetzlichen Bestimmungen einhalten, erklärten sie damals. Das Geländer sei nur im Bereich der Bahnlinien und eines Steinbruchs aus Sicherheitsgründen erhöht.

Jetzt, zwei Wochen vor dem Bürgerentscheid über das Projekt – der am 19. März stattfindet – bringen die Gegner der Brücke das Thema Selbsttötungen erneut aufs Tapet. Sie erinnern an eine andere Brücke, für deren Suizidprävention viel Geld ausgegeben worden sei und mahnen, dass das Projekt erhebliche Risiken beinhalte.

Die NRWZ bringt den Brief der Bürgerinitiative “Rottweil OHNE Hängebrücke” im Wortlaut.


Hochbrücke mit Sicherheitsnetzen nachgerüstet – für geplante neue Hängebrücke nur 1,35m – Geländer vorgesehen

Im Jahr 2014 wurden an der historischen Hochbrücke in Rottweil Auffangnetze – Kosten 580.000 Euro – zur Suizidprävention angebracht. In der Vergangenheit hatten immer wieder Menschen ihrem Leben durch den Sprung von der Brücke ein Ende gesetzt. Deshalb war eine Expertengruppe eingesetzt worden, bestehend aus Fachärzten aus dem Vinzenz von Paul-Hospital, Vertretern der Polizei, der Verwaltung und dem Förderverein für psychisch Kranke. Vorläufig wurde ein hoher Bauzaun angebracht, bis schließlich Anfang 2015 die Fangnetze installiert wurden. Um nicht noch mehr Suizidwillige auf diesen Hotspot aufmerksam zu machen, wurde in den Medien nicht über diese Vorgänge an der Hochbrücke berichtet, eine absolut nachvollziehbare Haltung. Wenn nun jedoch im Hinblick auf den Bau der längsten Fußgängerhängebrücke dieses Thema erneut zum Tabuthema im Vorfeld erklärt wird, dann kann dies zur Folge haben, dass ein Bauwerk errichtet wird, das erneut zum Hotspot werden kann. Die Problematik der Suizidprävention wird vollkommen ausgeklammert. An den Seiten der Hängebrücke ist lediglich ein 1.35 m hohes Geländer geplant, nur über der Bahntrasse wird es eine Höhe von 2.50 m haben. Die Benützer der Brücke sollen freie Sicht auf die Landschaft haben und der Spaß-und Erlebnisfaktor nicht zu kurz kommen. Im Vergleich: Das Geländer der Hochbrücke ist125 cm hoch. Nach wie vor gibt es in Rottweil die Nähe zum Psychiatrischen Landeskrankenhaus.

Mit vielen Attributen wird von der Verwaltung für die neue Hängebrücke geworben: Die Innenstadt soll belebt werden, die Zukunftsfähigkeit der Stadt bewiesen werden usw. Vor allen Dingen sollen aber Einnahmen generiert werden. Wie ist der Sinneswandel im Hinblick auf Suizidprävention zu erklären? Kurz nachdem sehr viel Geld für Sicherungsmaßnahmen an der Hochbrücke investiert wurde, spielt die Suizidgefahr bei der sehr viel längeren Hängebrücke keine Rolle mehr? Für die Initiatoren und Befürworter der Brücke ist es offensichtlich auch nicht relevant, dass sich im Bereich der Spitalmühle, schräg unterhalb der Brücke mehrere Wohnhäuser befinden, die künftig mit dieser Situation leben müssen. Haben diese Mitbürger von Rottweil einfach” Pech” gehabt, dass sie dort leben? Es sind ja nur einige wenige!

In Fachkreisen ist anerkannt, dass bestimmte Brücken, Hochhäuser und Bahnstrecken auf Suizidwillige magisch anziehend wirken. Würden diese Bauwerke z. B. durch Sicherungsmaßnahmen entschärft, könnte das viele Leben retten. Ist es nach den Erfahrungen an der Hochbrücke vertretbar, diese Situation durch Totschweigen im Hinblick auf die Megabrücke herauf zu beschwören?

Sofern sich die Bürgerschaft beim Bürgerentscheid für den Bau der Brücke entscheiden sollte, nach wie vielen Vorfällen wird das Geländer erhöht oder werden Sicherheitsnetze nachgerüstet? Wer finanziert und setzt die Nachrüstung um? Oder passiert gar nichts, weil eine Nachrüstung der sehr langen Brücke dann viel zu teuer ist?

Von OB Broß war in diesen Tagen ein Zitat zur Mitverantwortung bei der Realisierung der Brücke in einer örtlichen Zeitung zu lesen: „ ….er finde das Projekt gut und möchte das Ja der Stadt zur Brücke auf eine breite demokratische Basis stellen. In diesem Sinne wären die Bürger selbstverständlich mitverantwortlich am Bau der Brücke…“

Die Hängebrücke birgt wesentlich mehr Risiken als Chancen. Stimmen Sie mit NEIN!

Gisela Stier, Dr. Winfried Hecht, Werner Fischer