Rottweiler Mensa: So wird’s nicht weiter gehen

"Ich fordere einen vernünftigen Preis für ein vernünftiges Essen" / Auf dem Sulgen lässt "Happy Crazy" einen Vertrag auslaufen, um einen zweiten bemüht sich der Caterer nicht

Ein schicker Bau, aber schwer zu betreiben: die Rottweiler Schülermensa, Foto: Peter Arnegger

3,65 Euro. In Wor­ten. Drei Euro fünf­und­sech­zig. So viel darf ein Tages­ge­richt samt Fleisch in der Rott­wei­ler Schul­men­sa kos­ten. Für 70 Cent ste­cken Nah­rungs­mit­tel dar­in. Sieb­zig. Unter­neh­mer Roland Gleich­auf schafft es für die­se Kal­ku­la­ti­on. „Die Mas­se macht’s”, sagt er am Frei­tag im Gespräch mit der NRWZ. Und ver­weist auf 1500 Essen, die sein Unter­neh­men, die „Hap­py Cra­zy GmbH” aus Hüfin­gen, nach Rott­weil lie­fert. Jeden Schul­tag. Aller­dings: Bald könn­te damit Schluss sein. Denn Gleich­auf will hin­wer­fen.

Bei die­sen Rah­men­be­din­gun­gen wer­de ich nicht mehr zur Ver­fü­gung ste­hen.” Roland Gleich­auf legt sich im Gespräch mit der NRWZ fest, auch auf noch­ma­li­ge Nach­fra­ge hin. Wenn sich nichts ändert, wird er sich mit sei­ner Hap­py Cra­zy GmbH ab Janu­ar nicht um einen neu­en Ver­trag mit der Stadt Rott­weil bemü­hen. Dann hört er im Som­mer auf, die Schü­ler­mensa auf dem Cam­pus zu belie­fern. Die „Men­sa 3.0” wäre dann Geschich­te. Der Name sagt es schon: Zwei Unter­neh­mer sind vor Gleich­auf schon mit dem Betrieb geschei­tert.

Dabei war’s die ver­gan­ge­nen zwei Jah­re so ruhig gewor­den. Seit Gleich­auf und sei­ne Leu­te die Men­sa 2015 über­nom­men haben, gab’s kei­ne Kri­tik sei­tens der Lokal­pres­se mehr. Sein Vor­gän­ger, das Unter­neh­men „ape­ti­to” war dage­gen mehr­fach in den Medi­en. Dem Unter­neh­mer Gleich­auf ist das nicht ent­gan­gen, wes­halb er auf die­se klei­ne Erfolgs­ge­schich­te ger­ne ver­weist. Und wes­halb er sich umso mehr wun­dert, war­um jetzt die NRWZ anruft.

Ganz ein­fach: Uns war gesteckt wor­den, dass bei der Stadt­ver­wal­tung die Alarm­glo­cken läu­ten. In einem inter­nen Mee­ting des Füh­rungs­krei­ses, der sich mon­tags ab 10 Uhr für rund zwei Stun­den trifft und der aus der Ver­wal­tungs­spit­ze und weni­gen zuge­ord­ne­ten Mit­ar­bei­tern besteht, hat­te es Bernd Pfaff nach NRWZ-Infor­ma­tio­nen ange­spro­chen. Der Fach­be­reichs­lei­ter setz­te sei­ne Kol­le­gen und den OB davon in Kennt­nis, dass für das kom­men­de Jahr der Men­sa­be­trieb wohl erneut aus­ge­schrie­ben wer­den müs­se, euro­pa­weit. Ein­ein­halb Wochen spä­ter, am Mitt­woch, ist der Gemein­de­rat nicht­öf­fent­lich über die heik­le Lage infor­miert wor­den. Hei­kel vor allem auch des­halb, weil die Stadt als Schul­trä­ge­rin gesetz­lich ver­pflich­tet ist, Schu­les­sen anzu­bie­ten. Und nun schon wie­der vor dem Nichts steht.

Sie freu­ten sich 2015 auf den Neu­start in der Men­sa: Roland Gleich­auf und Jani­ne Kör­ner von der Hap­py Cra­zy GmbH und der städ­ti­sche Fach­be­reichs­lei­ter Bernd Pfaff. Foto: Rei­chen­bach

Cate­rer Gleich­auf zeigt sich am Tele­fon sehr gesprächs­be­reit. Er habe mit der Ver­wal­tung immer gut zusam­men arbei­ten kön­nen, betont er. „Die Stadt Rott­weil nimmt das The­ma sehr ernst.” Man tref­fe sich oft, stän­dig.

Aller­dings will Gleich­auf die Rah­men­be­din­gun­gen ändern – andern­falls er ja tat­säch­lich hin­wer­fen wol­le. Er ste­he da so ein wenig zwi­schen den Stüh­len, schil­dert er, ins Plau­dern gekom­men, sei­ne Lage als Gemein­schafts­ver­sor­ger. Die eine Sei­te, die Schul­ver­wal­tung wol­le das The­ma Essens­ver­sor­gung abge­ben, vom Tisch haben. Die ande­re Sei­te, die Eltern, woll­ten für ihre Spröss­lin­ge nicht kochen müs­sen, sie aber gut ver­sorgt wis­sen.

Und dann ist da noch der finan­zi­el­le Druck. Vor zwei Jah­ren haben Stadt­ver­wal­tung und Gleich­auf die Rah­men­be­din­gun­gen, zu denen er zu lie­fern hat, fest­ge­zurrt. Essen mit Fleisch, und zwar ech­tem, für 3,65 Euro. Kein Cent mehr. „Mit Schwei­ne­fleisch kom­me ich Null auf Null raus”, so Gleich­auf, mit Rind­fleisch gehe das nicht. Nun aber gebe es immer mehr Mus­li­me unter den Schü­lern, die dann eben Rind­fleisch bekä­men. „Damit aber lege ich drauf”, so Gleich­auf, dann ent­hal­te eine Mahl­zeit „Mate­ri­al” für einen Euro. Also ech­te Lebens­mit­tel. Pro­blem eins.

Pro­blem zwei: die Schul­fe­ri­en. Es ist eigent­lich ganz ein­fach: In den Feri­en kommt kein Schü­ler in eine Men­sa. An Brü­cken­ta­gen auch nicht. Die Ein­nah­men für den Men­sa­be­trei­ber: gleich Null. Die Per­so­nal­kos­ten aber lau­fen wei­ter. Der Chef kann sei­ne Leu­te ja nicht für die zwei Wochen Herbst­fe­ri­en ent­las­sen.

Pro­blem drei: die stei­gen­den Lebens­mit­tel­prei­se. Salat muss immer dabei sein, zum Bei­spiel. „Im Win­ter ist der rich­tig teu­er”, sagt der Hap­py-Cra­zy-Cate­rer. Und alles, was Milch ent­hält, zieht aktu­ell mäch­tig an. „Vor zwei Mona­ten hat ein Liter Sah­ne 2,04 Euro gekos­tet”, erzählt Gleich­auf. „Jetzt kos­tet er 4,18 Euro. Mehr als das Dop­pel­te.” Er brau­che Sah­ne, sonst schme­cke es nicht. Er kön­ne auch nicht bil­lig ein­kau­fen, Son­der­an­ge­bo­te nut­zen. „Wir stel­len den Spei­se­plan vier Wochen im Vor­aus auf. Damit die Schü­ler ihn ein paar Tage lang ver­ges­sen kön­nen, ihn dann irgend­wann daheim vor­le­gen, die Eltern sich in Ruhe ent­schei­den kön­nen und die Schü­ler ihn wie­der mit­brin­gen kön­nen.”

Pro­blem vier: die Vor­schrif­ten. Als Groß­kü­chen­be­trei­ber wür­de er hart ran­ge­nom­men von den Behör­den. Die EU redet rein. Mit immer neu­en Bedin­gun­gen, Gleich­auf ist hier in sei­nem The­ma, zählt minu­ten­lang auf. Lebens­mit­tel­recht, Stand­zei­ten und Fri­sche von Essen, Hygie­ne.  Die Büro­kra­tie for­dert ihn als Unter­neh­mer. Um Schritt zu hal­ten, muss er inves­tie­ren. Allein eine hal­be Mil­li­on Euro nach sei­nen Anga­ben, um die 7500 Essen, die er täg­lich aus­lie­fert, auch aus­lie­fern zu dür­fen.

Pro­blem fünf: Schu­les­sen ist ein Zuschuss­be­trieb. Wel­cher Unter­neh­mer leis­tet sich auf Dau­er einen sol­chen? So geht „Hap­py Cra­zy” all­mäh­lich die Luft aus. „Wir haben in der Men­sa in Rott­weil aktu­ell eine exor­bi­tan­te Unter­de­ckung”, gibt Gleich­auf unum­wun­den zu. Sein Unter­neh­men sei nur des­halb „kern­ge­sund”, weil er in den ande­ren Geschäfts­be­rei­chen Geld mache. Hoch­zeits­ca­te­ring, zum Bei­spiel. Ein geschei­ter Unter­neh­mer aber wird unpro­fi­ta­ble Spar­ten absto­ßen. Er ist ja nicht Mut­ter The­re­sa.

Was nicht ren­ta­bel ist, muss Unter­neh­mer Gleich­auf nicht wei­ter betrei­ben. So läuft beim Sul­ge­ner Getrie­be­her­stel­ler der Ver­trag mit Hap­py Cra­zy aus. Gleich­auf wird ihn nicht ver­län­gern, „das war unren­ta­bel”, heißt es gegen­über der NRWZ aus sei­nem Unter­neh­men.

Auch auf dem Sul­gen wird sich Hap­py Cra­zy nicht um das Men­sa­es­sen für die beruf­li­chen Schu­len bewer­ben. „Das sind viel­leicht 30, 40 Mahl­zei­ten am Tag”, sagt Gleich­auf. „Das lohnt sich nicht.” Das Berufs­schul­zen­trum hat 1000 Schü­le­rin­nen und Schü­ler. Aus Sicht des Pro­fis scheint aber deren Mens­a­neu­bau zum Schei­tern ver­ur­teilt.

Pro­blem 6: die Schü­ler­struk­tur. „Ich bin in Rott­weil von Gym­na­si­as­ten umge­ben”, so Gleich­auf. „Nach der Fas­net sind die, die ihr Abitur ange­hen, weg.” Da kom­men die Oster-, die Pfingst- und die Som­mer­fe­ri­en. Da sind die Schü­ler ja eh weg. Und die Abitu­ri­en­ten hät­ten in den letz­ten Mona­ten ihres Schü­ler­da­seins ande­res im Sinn als das Men­sa­es­sen.

Pro­blem 7: die Anspruchs­hal­tung man­cher Eltern. „Ich könn­te Ihnen E-Mails von Über­müt­tern vor­le­gen”, sagt Gleich­auf zur NRWZ. Etwa mit der Beschwer­de, dass es bei Bur­ger King ein Chi­cken Nug­get mehr gebe fürs Geld. Und mit der Fra­ge, was in sei­nem Hack­fleisch denn drin sei. „Fleisch, natür­lich”, sagt Gleich­auf mit einem Lachen, das einen ris­si­gen Gedulds­fa­den umklei­den soll.

Ganz klar: Nur bei Pro­blem 1 und 2 kann die Stadt­ver­wal­tung was tun. Und des­halb will Gleich­auf sie genau dort in die Pflicht neh­men. „Ich for­de­re einen ver­nünf­ti­gen Preis für ein ver­nünf­ti­ges Essen”, so der Unter­neh­mer. Kon­kret: die aktu­ell auf 3,65 Euro ver­trag­lich fest­ge­schrie­be­ne Sum­me für ein voll­stän­di­ges Essen auf 4,50 Euro hoch zu set­zen. Und er will über die Aus­fall­zei­ten reden. Über die Feri­en, die Brü­cken­ta­ge. „Die Kom­mu­nen müss­ten rein in die Haf­tung”, sagt er. Will sich gegen die Aus­fäl­le absi­chern.

Zwei Kom­mu­nen haben Gleich­aufs For­de­run­gen, er nennt sie so, akzep­tiert. Jeweils habe der Gemein­de­rat ent­schie­den. Er will die Städ­te nicht nen­nen, sie sei­en klei­ner als Rott­weil.

Und wie reagiert die Stadt Rott­weil? Fach­be­reichs­lei­ter Bernd Pfaff bestä­tigt auf Nach­fra­ge der NRWZ die Pro­ble­me. „Es gab letz­te Woche ein Gespräch mit Herrn Gleich­auf, der uns infor­mier­te, dass im Rah­men der neu­en, euro­pa­wei­ten Aus­schrei­bung zum neu­en Schul­jahr 2018/2019 der bis­he­ri­ge Preis von 3,65 Euro pro Essen für ihn nicht mehr aus­kömm­lich ist”, so der Chef der Schul­ver­wal­tung. Die­ser Essens­preis sei bereits seit dem Jahr 2013 in Rott­weil gleich geblie­ben.

Die Teue­rungs­ra­ten bei den Lebens­mit­tel­prei­sen mach­ten jetzt eine Erhö­hung des Essens­prei­ses für das neue Schul­jahr not­wen­dig. „Die­se Ein­schät­zung über­rascht uns nicht”, so Pfaff. „Bereits heu­te haben ande­re Betrei­ber in der Schul­ver­pfle­gung höhe­re Prei­se für ein Mit­tag­essen fest­ge­legt. Zum Ver­gleich: Die Maxi­mi­li­an-Kol­be-Schu­le bei­spiels­wei­se ver­langt der­zeit 4,30 Euro pro Essen.”

Kon­kret gewor­den sei Gleich­auf gegen­über der Stadt noch nicht. „Von einer Erhö­hung auf 4,50 Euro pro Essen wur­de nicht gespro­chen”, erin­nert sich Pfaff. „Herr Gleich­auf hat uns gegen­über jedoch argu­men­tiert, dass die bereits erwähn­ten Preis­stei­ge­run­gen bei den Lebens­mit­teln die betriebs­wirt­schaft­li­che Sei­te des Schu­les­sens sehr schwie­rig gestal­ten kön­nen.”

Stellt sich die Fra­ge, ob die Stadt hier ver­hand­lungs­be­reit ist. Laut Herrn Gleich­auf ist er sich mit zwei klei­ne­ren Städ­ten bereits einig gewor­den. „Als Kom­mu­ne sind wir ver­pflich­tet, nach bestimm­ten Vor­ga­ben Leis­tun­gen öffent­lich aus­zu­schrei­ben. Somit sind wir an die erziel­ten Aus­schrei­bungs­er­geb­nis­se gebun­den”, muss Pfaff das zurück­wei­sen. So sei unter ande­rem auch der Essen­preis bereits fest­ge­legt wor­den. „Eine Erhö­hung im lau­fen­den Schul­jahr ist nicht mög­lich.”

Tur­nus­ge­mäß ste­he für das kom­men­de Schul­jahr eine Neu­aus­schrei­bung an, bei der die Stadt­ver­wal­tung die geän­der­ten Rah­men­be­din­gun­gen, etwa die Preis­stei­ge­run­gen für Lebens­mit­tel, berück­sich­ti­gen will. Das Pro­ce­de­re: Die Stadt will den Gemein­de­rat über die Aus­schrei­bungs­mo­da­li­tä­ten bezie­hungs­wei­se dar­über infor­mie­ren, dass eine Preis­an­pas­sung im Rah­men der neu­en Aus­schrei­bung erfol­gen muss.

Pfaff will den bis­he­ri­gen Cate­rer eigent­lich ger­ne behal­ten: „Wir hof­fen sehr, dass die HC sich mit den neu­en Bedin­gun­gen wie­der bei uns bewer­ben wird.” Gelobt wird ja bei­der­seits die gute Zusam­men­ar­beit, das bestä­tigt Pfaff: Gleich­auf und sein Team tausch­ten sich regel­mä­ßig mit der Rott­wei­ler Schul­ver­wal­tung aus. „Wir sehen dies als eine wich­ti­ge Basis für unse­re gute und ver­trau­ens­vol­le Zusam­men­ar­beit.” Wobei der Fach­be­reichs­lei­ter auch klar macht, dass Gleich­auf und sei­ne Hap­py Cra­zy GmbH das lau­fen­de Geschäft eigent­lich packen soll­ten: „Wir haben unse­re Essens­leis­tun­gen klar aus­ge­schrie­ben, der Cate­rer hat den Auf­trag ange­nom­men. Wir müs­sen davon aus­ge­hen, dass der Cate­rer die Leis­tun­gen wie aus­ge­schrie­ben erbrin­gen kann.”