NRWZ.de, 26. März 2020, Autor/Quelle: Andreas Linsenmann (al)

NRWZ-Serie „Die Kultur und die Corona-Krise“: Auch für die Museen nichts mehr wie bisher

Rottweil – Museen geschlossen, Festivals abgesagt:
Die Corona-Pandemie erschüttert auch das kulturelle Leben. Was bedeutet das für
die Betroffenen in der Region? Wie gehen sie mit dem Ausnahmezustand um? Diesen
Fragen geht die NRWZ in der Serie „Die Kultur und die Corona-Krise“ nach. Im zweiten
Beitrag schildert Martina Meyr, Leiterin der Städtischen Museen, die Lage – und
warum fleißig weitergearbeitet wird.

NRWZ: Frau Meyr, wie ging es Ihnen, als Sie
erfahren haben, dass die Rottweiler Museen aufgrund der Corona-Pandemie vorerst
geschlossen bleiben?

Martina Meyr: Da die Landesmuseen bereits zum
Wochenende geschlossen wurden, hatte ich ohnehin damit gerechnet. Unter
Kollegen hatten wir uns darüber schon verständigt. Allerdings ist die
Schließung eine Woche vor Eröffnung der neuen Ausstellung im „kunst raum rottweil“
natürlich sehr traurig.

NRWZ: Unter Ihrer Federführung sind die römische
Abteilungen und die zur sakralen Kunst vorbildlich modernisiert worden – da
muss es hart sein, diese Schätze vier Monate nach der Neueröffnung der Sammlung
Dursch wieder wegsperren zu müssen, oder? Zudem war ja – Sie haben es
angesprochen – für den 22. März die Eröffnung der Ausstellung über Jürgen
Knubben geplant.

Martina Meyr: Die Schließung der Sammlung Dursch
ist natürlich zum jetzigen Zeitpunkt tragisch, da der gute Anfang nach der
Eröffnung somit abrupt endete.  Ob wir in
einigen Wochen oder Monaten problemlos daran anknüpfen können oder ob es
größerer Anstrengungen bedarf, kann ich momentan nicht abschätzen.

Was die Römerabteilung anbelangt, so werden wir
wohl in diesem Jahr kaum Angebote für Schulklassen durchführen können. Diese
müssen ja den Ausfall wieder kompensieren und da fällt dann der Museumsbesuch
leider oft dem Zeitdruck zum Opfer. Das ist einerseits schade, dass die Schüler
das außerschulische Erlebnis nicht  haben
können,  andererseits aber auch eine
finanzielle Einbuße für unsere MitarbeiterInnen. Das werden wir im Laufe des
Jahres auch nicht mehr aufholen können und daher rechne ich mit einem nicht
unerheblichen wirtschaftlichen Schaden.

Die Ausstellung von Jürgen Knubben wartet nun auf
den Eröffnungstermin, den wir nach Ende der Krise schnellstmöglich ansetzten
möchten.

NRWZ: In welchem Zeithorizont planen Sie derzeit?
Wann ist ein Ende der Schließung vorstellbar?

Martina Meyr: Momentan kann ich kaum planen, da
das Ende der Krise nicht absehbar ist. Inwiefern danach alles wie gehabt
weitergeht, muss man abwarten.

NRWZ: Oberbürgermeister Ralf Broß hat in seiner
Ansprache angekündigt, dass die Museen „tolle digitale Angebote“ planen – was
wird es da geben?

Martina Meyr: Wir überlegen uns in verschiedenen
Bereichen, wie wir die Vorteile der digitalen Welt jetzt nutzen können, um
Angebote der Stadt Rottweil aufrecht zu erhalten. Die Stadtbücherei bietet
beispielsweise Bücher per digitaler Ausleihe an. Das Kinder- und Jugendreferat
kommuniziert verstärkt über das Internet und unsere VHS streamt demnächst
Online-Kurse. Fürs Dominikanermuseum schweben mir kurze Filme zu Schätzen aus
unserer Sammlung vor. Ob und wie schnell wir das jetzt in der Krise aber
realisieren können ist noch nicht klar.

NRWZ: Die Produktion solcher Angebote ist oft sehr
teuer – kann da jetzt etwas erstellt werden, das dem aktuell möglichen Standard
entspricht oder müssen Notlösungen improvisiert werden?

Martina Meyr: Im Kulturbereich muss doch fast
immer improvisiert werden.

NRWZ: Wie schätzen Sie das ein: Kann es
langfristig ein Vorteil sein, wenn solche Angebote vorhanden sind, oder
verlieren die Leute damit die Lust, selber ins Museum zu gehen?

Martina Meyr: Ich glaube nicht, dass digitale
Angebote – in welcher Form auch immer – den Museumsbesuch ersetzen können. Der
Reiz des Originals bleibt doch weiterhin bestehen. Wir haben auch jetzt schon
viele Objekte auf „museumdigital“ eingestellt. Dies hilft meist Kollegen beim
Recherchieren für wissenschaftliche Aufsätze oder Ausstellungen. Für Besucher
ist es eine Möglichkeit, Informationen zu einzelnen Objekten nachzulesen.  Doch die Zusammenhänge, die ein Buch und vor
allem das Erlebnis, das die Ausstellung selbst bieten, vermitteln Datenbanken
nicht. Große Museen wie das Städel in Frankfurt haben seit Jahren eine gut
durchdachte Digitalisierungsstrategie und verzeichnen gleich oder teilweise
sogar mehr Besucher.  Aber auch das
erfordert kompetentes Personal und Ressourcen. Ob wir mit komplexen digitalen
Angeboten für Rottweil aufwarten können, wage ich im Moment noch zu bezweifeln.

NRWZ: Kann die aktuelle Notlage womöglich den
Blick dafür schärfen, dass beim Stadtmuseum dringender Handlungsbedarf besteht?

Martina Meyr: Das ist  unabhängig von der Krisensituation der Fall.
Momentan nutzen wir die Zeit, um intensiv an der Inventarisierung und somit
auch Kontrolle unserer Sammlungsbestände zu arbeiten. Diese Aufgaben stehen
immer an, sind aber in der Öffentlichkeit meist unterschätzt.

Alles Weitere ist derzeit nicht planbar, da keine
Besprechungs- und Sitzungstermine mehr stattfinden.

NRWZ: Was macht das Team der Museen jetzt? Geht da
Homeoffice? Müssen die Mitarbeiter womöglich in Kurzarbeit?

Martina Meyr: Kurzarbeit ist im Moment sicherlich
nicht angesagt, wobei ich zeitweise im Homeoffice arbeite. Für die
Verwaltungsmitarbeiter bedeutet es jetzt mehr Zeit für liegen gebliebene Aufgaben.
Ich versuche gerade einige Themen zu recherchieren im Hinblick auf kommenden
Ausstellungen und Dinge zu erledigen, die schon seit Längerem liegen. Meine
Kolleginnen inventarisieren und füllen Lücken in unserer Datenbank. Die Kolleginnen
von der Museumkasse sind mit Inventur beschäftigt und helfen beim Fotografieren
für die Datenbank. Und dann gibt es im Stadtmuseum immer noch was zum Aufräumen
– da wird es nicht langweilig. Viele Arbeiten sind aber unabhängig von der
Öffnung des Museums und müssen auch jetzt gemacht werden. Das wird leider oft
übersehen, dass Museumsarbeit viel mehr ist als die Ausstellungen.

NRWZ: Bei einigen sakralen Bildwerken aus der
Sammlung Dursch geht es um Angst und Trauer, aber auch um Hoffnung und Trost in
solchen Notlagen –welche Botschaft können diese Kunstwerke aus Ihrer Sicht für
uns in der aktuellen Lage haben?

Martina Meyr: Gerade die Menschen des Mittelalters
waren oft mit Krisen durch Krieg und Krankheiten konfrontiert. Das Gebet half
ihnen meist durch diese schweren Zeiten. Ein sicherlich in der jetzigen Krise
eindrückliches Objekt ist die Schutzmantelmadonna, die alle Menschen unter
ihren Mantel hüllt und somit vor allen Gefahren von außen beschützt. Sie war
Fürbitterin für die Menschen bei Gott und dürfte wohl bei so mancher Krise von
den Gläubigen um Hilfe gebeten worden sein. Heute kann man dies nicht mehr tun,
da sie im geschlossenen Museum steht – aber auch die Madonna von der Augenwende
im Münster wäre ein guter Ort für ein persönliches Gebet.

NRWZ: Sie sind Vizepräsidentin des Museumsverbands
Baden-Württemberg. Wenn Sie aktuell in die Museumslandschaft schauen – welche
Initiativen, welche Ideen machen Ihnen da am meisten Mut?

Martina Meyr: Viele Kollegen nutzen die Zeit wie
wir – sie arbeiten Dinge ab, zu denen man sonst nicht kommt. Denn Personal- und
Ressourcenmangel kennen wohl fast alle Museen. Hoffnung macht dabei vor allem,
dass im Moment alle weiterarbeiten können und somit ein Stück Normalität und
Alltag in der Krise besteht. Wie es allerdings danach weitergeht und wie stark
die Museumslandschaft vom zu erwartenden Wirtschaftseinbruch betroffen sein
wird, kann jetzt noch gar nicht abgeschätzt werden. Es ist allerding zu
befürchten, dass auch für die Museen nichts mehr so sein wird wie bisher. Mein
Wunsch wäre, dass die Schließung dazu führt, dass viele Menschen danach wieder
gerne in Museen gehen.

NRWZ: Welche Strategie haben Sie persönlich, um
gut durch diese Krise zu kommen?

Martina Meyr: Wenn ich in wechselnden Schichten
mit meinem Mann meine Arbeit erledige und daneben auch noch zwei Kinder
versorge, bin ich mehr als ausgelastet. Es bleibt aber noch immer genug Zeit
für Arbeit im Garten und abends für ein Glas Wein.

Die Fragen stellte unser Redakteur Andreas Linsenmann.

NRWZ-Serie „Die Kultur und die Corona-Krise“: Auch für die Museen nichts mehr wie bisher