Im August 2004 wurde die neue Thorarolle der jüdischen Gemeinde in einer feierlichen Prozession durch die Stadt getragen. Am Sonntag zieht sie in die neue Synagoge um. Foto: Moni Marcel

Am Sonn­tag wird in Rott­weil die neue Syn­ago­ge ein­ge­weiht. Mit dabei sein wird auch Minis­ter­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann und Josef Schus­ter, Prä­si­dent des Zen­tral­rats der Juden. Ein Rück- und Ausblick.

Die Geschichte der jüdischen Gemeinde Rottweils

Schon im frü­hen Mit­tel­al­ter leb­ten in Rott­weil Juden. Erst­mals wird 1315 der „Juden­ort”, heu­te der Loren­zer­ort, erwähnt. Die heu­ti­ge Lorenz­gas­se hieß damals Juden­gas­se. Wo damals Syn­ago­ge, Bad und Schu­le waren, ist bis­lang nicht bekannt. Nach der Ver­nich­tung der Gemein­de wäh­rend der Pest­zeit 1349 leb­ten nur ver­ein­zelt Juden in der Stadt, um 1500 wur­den sie aus­ge­wie­sen. 1648 wer­den zwei jüdi­sche Fami­li­en erwähnt, ab 1806 bil­de­te sich wie­der eine Gemein­de, die zunächst als Fili­al­ge­mein­de zu Müh­rin­gen gehör­te und 1924 selbst­stän­dig wurde.

1834 leb­ten 134 jüdi­sche Men­schen in Rott­weil, danach sank die Zahl wie­der. Damals hat­te die Gemein­de eine eige­ne Syn­ago­ge samt Reli­gi­ons­schu­le, Mikwe und Friedhof.

Wie wich­tig die jüdi­schen Fami­li­en für Rott­weil waren, zeigt sich an den zahl­rei­chen Gewer­be­be­trie­ben: So gab es meh­re­re Tex­til­ge­schäf­te und -groß­händ­ler, Arzt­pra­xen, Vieh­händ­ler, die Hem­den­fa­brik Deggin­ger oder das Schuh­ge­schäft von Nathan Fröh­lich. Moritz Roth­schild betrieb eine Dru­cke­rei und grün­de­te die „Schwarz­wäl­der Bür­ger­zei­tung” und Bert­hold Sin­ger war Rechts­an­walt. Auch einen jüdi­schen Wohl­tä­tig­keits­ver­ein gab es ab 1893.

Ab 1933 begann auch in Rott­weil die Het­ze gegen Juden, bis 1938 waren alle Geschäf­te in nicht­jü­di­sche Hand über­ge­gan­gen. Die meis­ten Rott­wei­ler Juden wan­der­ten aus, und das Novem­ber­po­grom mach­te auch vor Rott­weil nicht halt.

Damals wur­den sämt­li­che Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­de der Syn­ago­ge in der Kame­ral­amts­gas­se wie Tho­ra­schrein und Lese­pul­te auf der Stra­ße ver­brannt. In Anwe­sen­heit der Rott­wei­ler Feu­er­wehr, die jedoch nur dar­auf ach­te­te, dass den Nach­bar­häu­sern nichts passierte.

Früher Wunsch nach einer Synagoge

Im frü­hen 19. Jahr­hun­dert waren Bemü­hun­gen der jüdi­schen Gemein­de wie­der­um geschei­tert, die Kir­che, die einst zum Johan­ni­ter­klos­ter gehör­te, zu kau­fen und zur Syn­ago­ge umzu­bau­en, das ver­wehr­te das zustän­di­ge Minis­te­ri­um damals. Zu der Zeit traf man sich im Haus von Moses Kaz in der Obe­ren Haupt­stra­ße zum Gebet, spä­ter im Gast­haus Becher und danach in Räu­men des dama­li­gen Gast­hau­ses Kro­ne in der Hoch­brück­tor­stra­ße 16, das der Fami­lie Deggin­ger gehörte.

Seit 1861 befand sich die Syn­ago­ge im Gebäu­de Kame­ral­amts­gas­se 6, das die Gemein­de damals erwarb. Die Idee für eine neue Syn­ago­ge gab es bereits um 1918. Spen­den in Höhe von 5500 Mark lagen bereit, sind jedoch wahr­schein­lich in der Infla­ti­on ver­lo­ren gegangen.
Die Syn­ago­ge in der Kame­ral­amts­gas­se dien­te nach dem Krieg als Wohn- und Geschäfts­haus und ist heu­te Teil einer Fahr­schu­le. 1982 restau­rier­ten Hel­fer des Stadt­ju­gend­rings die Räume.

Lan­des­rab­bi­ner Mos­he Flo­men­man (vier­ter von links): Auch ein klei­ner Stein kann gro­ße Bedeu­tung geben. Umrahmt ist er von  Bar­ba­ra Traub„ Ralf Broß, Rami Suli­man, Tat­ja­na Mal­afy, und Mark Dai­now. Foto: Moni Marcel

Die neue Synagoge: Ein Bau mit Hindernissen

Die heu­ti­ge jüdi­sche Gemein­de besteht seit 14 Jah­ren, sie hat ihren Bet­saal bis jetzt in der Obe­ren Haupt­stra­ße im ehe­ma­li­gen Post­ge­bäu­de. Im Jahr 2004 erhielt sie ihre ers­te eige­ne Thor­a­rol­le, die damals in einer fei­er­li­chen Pro­zes­si­on durch die Stadt getra­gen wurde.
Jetzt zieht sie in die neue Syn­ago­ge am Näge­les­gra­ben um. Die soll­te eigent­lich schon seit vier Jah­ren ste­hen, doch nach finan­zi­el­len Unre­gel­mä­ßig­kei­ten in der Baden-Bade­ner Gemein­de wur­den erst ein­mal alle Gemein­de­kas­sen gründ­lich geprüft und Rott­weils Vor­ha­ben auf Eis gelegt.

Los ging es end­lich im August 2015 mit dem sym­bo­li­schen Spa­ten­stich, und nun steht der Bau, in dem neben dem Bet­saal auch meh­re­re Ver­an­stal­tungs­räu­me, kosche­re Küchen und das ritu­el­le Tauch­bad, die Mikwe, unter­ge­bracht sind. Eige­ne Räu­me für Jugend und Senio­ren sowie eine Biblio­thek gibt es, und der neue Rab­bi­ner Levi Yit­schak Hefer wird hier mit sei­ner Fami­lie woh­nen. Er wird am 19. Febu­ar im Rah­men der Ein­we­hungs­fei­er in sein Amt ein­ge­führt. Zu der hat sich aller­hand Pro­mi­nenz ange­mel­det, auch Minis­ter­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann und Josef Schus­ter, Prä­si­dent des Zen­tral­rats der Juden in Deutsch­land, wer­den anwe­send sein.

Immer­hin: Seit dem zwei­ten Welt­krieg wur­den nur sie­ben neue Syn­ago­gen in Deutsch­land ein­ge­weiht. Der Bau wird etwa 3,7 Mil­lio­nen Euro kos­ten, er wird größ­ten­teils vn der israe­li­ti­schen Reli­gi­ons­ge­mein­schaft Baden finan­ziert, etwa 300.000 Euro für die Innen­ein­rich­tung muss die etwa 270 Mit­glie­der zäh­len­de Gemein­de selbst auf­brin­gen. Ursprüng­lich war von Bau­kos­ten in Höhe von 1,8 Mil­lio­nen aus­ge­gan­gen worden.

Der Neu­bau ori­en­tiert sich archi­tek­to­nisch an den Stifts­zel­ten Mose, das er einst in gött­li­chem Auf­trag errich­te­te. Gebe­tet wird hier getrennt, die Frau­en auf der Empo­re und die Män­ner unten im eigent­li­chen Bet­saal. Damit grenzt sich die heu­ti­ge jüdi­sche Gemein­de von ihren Vor­gän­gern ab, denn in der dama­li­gen Syn­ago­ge in der Kame­ral­amts­gas­se wur­de gemein­sam gebetet.mm