Turmgegnerin Ute Bott liest ThyssenKrupp die Leviten

Rottweil/Bochum (gg). „Ein Testturm für Hochgeschwindigkeitsaufzüge auf dem Berner Feld Rottweil ist das falsche Signal für die Zukunft und schadet unserer Stadt.“ Diesen Satz hat die Rottweiler Turmgegnerin Ute Bott Ende Januar dem Unternehmen ThyssenKrupp bei dessen Hauptversammlung ins Stammbuch geschrieben. Bott hat nun eine Pressemitteilung verfasst. Die NRWZ bringt ihre Rede im Wortlaut.

Sie spreche in Zusammenarbeit mit dem Dachverband der kritischen Aktionäre für alle Bürger aus und um Rottweil, der ältesten Stadt Baden-Württembergs, „die sich wie ich gegen den geplanten Testturm für Hochgeschwindigkeitsaufzüge von Thyssenkrupp wenden“, sagte sie in Bochum eingangs ihrer Rede. Diese muss sie zu fortgeschrittener Zeit gehalten haben – die Ränge vor ihr sind, wie ein der Pressemitteilung beiliegendes Foto zeigt, teils leer. Aber das sogenannte Board, Vorstand, Aufsichtsrat, Ausschussvertreter sind da und hören zu. Doch sind in der Halle zugleich mehr als 2000 Zuhörer gewesen. Und die Atmosphäre habe gestimmt: „Ich fühlte mich besser aufgenommen als in jeder Bürgerfragestunde im Rottweiler Gemeinderat“, so Bott gegenüber der NRWZ.

Bott liest der Dame und den Herren die Leviten. Das Unternehmen insgesamt schade den künftigen Generationen in großem Ausmaß, da es nicht nachhaltig handele, sondern auf kurzfristigen wirtschaftlichen Erfolg setze. Und der Turm schade der Stadt Rottweil, weil er das bei weitem überschreite, „was für unsere Stadt und Umgebung mit Ihren Denkmälern, dem Stadtbild und der hochwertigen Landschaft erträglich ist.“

Im städtebaulichen Vertrag mit der Stadt habe das Unternehmen wichtige Details offen gelassen – und vor allem keine Rückbauverpflichtung akzeptiert, was Bott und ihren Mitstreitern bekanntlich sauer aufstößt.

Rede von Ute Bott bei der Hauptversammlung von Thyssenkrupp am 30.01.2015

Sehr geehrter Herr Hiesinger, sehr geehrte Damen und Herren im Vorstand von Thyssenkrupp, sehr geehrte Aktionärinnen und Aktionäre,

mein Name ist Ute Bott. Ich spreche hier in Zusammenarbeit mit dem Dachverband der kritischen Aktionäre für alle Bürger aus und um Rottweil, der ältesten Stadt Baden-Württembergs, die sich wie ich gegen den geplanten Testturm für Hochgeschwindigkeitsaufzüge von Thyssenkrupp wenden. Mit einer Höhe von 246m und einem Durchmesser von 25m überschreitet dieses Bauvorhaben das Maß dessen was für unsere Stadt und Umgebung mit Ihren Denkmälern, dem Stadtbild und der hochwertigen Landschaft erträglich ist bei weitem.

In Ihrer Stellungnahme zum Gegenantrag weist die Verwaltung von Thyssenkrupp unsere Vorwürfe als unbegründet zurück. Ich kann Ihnen an dieser Stelle von zahlreichen Missständen, Ungereimtheiten und genereller Desinformation vor und während des Verfahrens berichten.

Die Bürger wurden keineswegs frühzeitig informiert, vielmehr hat die Stadtspitze mit einigen einflussreichen Unternehmen fern der Öffentlichkeit vermutlich über einen Zeitraum von mindestens einem Jahr geplant und so nach und nach ein Paket mit ausreichend Verbündeten geschnürt. Die ersten öffentlichen Informationen erfolgten dann anhand von Visualisierungen, in denen der Testturm deutlich zu klein dargestellt wurde. Ob dies absichtlich geschah oder nicht – beides wirft kein gutes Licht auf Thyssenkrupp!

Parallel dazu wurde der „Riesenbohrer“ kleingeredet und die Vorteile, die hauptsächlich einem Wunschdenken entspringen, aufgeblasen. Bewusst wurde eine Stimmung geschaffen, die nicht von Sachlichkeit und auch nicht von Toleranz geprägt war. In Bürgerversammlungen und Gemeinderatssitzungen wurden Turmgegner von euphorisierten Turmbefürwortern ausgebuht und beleidigt, ohne dass dieses Verhalten ordnungsgemäß gerügt wurde.

Das Vorhaben ist ein gewaltiger Eingriff in unsere weitgehend intakte Landschaft und ebenso in unser historisches Stadtbild. Denkmal- und Naturschutzbehörden haben das in ähnlichen Formulierungen ausgesprochen. Den Visualisierungen der Offenlage muss kaum etwas hinzugefügt werden, sie sprechen ebenfalls Klartext.

Rottweil verliert mit dem Projekt einen Teil seiner Identität und jeder einzelne Bürger einen wichtigen Teil seiner Lebensqualität.

Die Einschätzung der geologischen Bedingungen durch die Planer von ThyssenKrupp hat bei uns von Anfang an Kopfschütteln bis Entsetzen hervorgerufen. Mit Unterstützung fachkundiger Bürger sagten wir am ersten Standort große geologische Risiken bei der Bebauung voraus. Thyssenkrupp nannte währenddessen in Zeitungsberichten und auf der Internetseite des Testturms die besonders geeignete Bodenbeschaffenheit als Grund der Standortwahl Rottweil. Etwa drei Monate später gab Thyssenkrupp diesen Standort auf – wegen der ungeeigneten Bodenbeschaffenheit.

Beim jetzigen höher gelegenen Standort befindet sich die problematische Schicht des mittleren Muschelkalks mit seinen auslaugungsfähigen Gips-, Anhydrid – und Steinsalzschichten in etwa 100m Tiefe. Durch Hohlräume und Klüfte können Bodenbewegungen an diesem Bergsporn nicht ausgeschlossen werden. Auch ein Erdbeben könnte verheerende Auswirkungen haben. Wir haben in der Offenlage weitere Untersuchungen gefordert, aber diese Forderung blieb unberücksichtigt. Thyssenkrupp spricht von einem geeigneten Untergrund – darf man das glauben?

Ebenso wurden die in einem Gutachten geforderten detaillierteren Prüfungen der Windverhältnisse nicht veranlasst.

In ihrer Entscheidung haben die Planer von Thyssenkrupp die hier genannten und weitere ernsthafte Bedenken herunter-gespielt. Sie haben die Forderungen fachkundiger Bürger buchstäblich vom Tisch gewischt.

TK hat mit der Stadt einen städtebaulichen Vertrag geschlossen, der viele wichtige Details offenlässt und keine Rückbauverpflichtung vorschreibt . Der Konzern entzieht sich hier einer wichtigen Verantwortung und wälzt mögliche Kosten einseitig auf die Stadt Rottweil ab.

ThyssenKrupp nennt das Stichwort „Nachhaltigkeit“ einen festen Bestandteil seiner Konzernstrategie.

Wer auf der einen Seite die Technologie von Hochgeschwindigkeitsaufzügen voranbringen will, während auf der anderen Seite der Bauboom zu einer Verknappung von Ressourcen geführt hat, insbesondere dem Meeressand, einem wichtiger Rohstoff, der schon jetzt unter fragwürdigen und häufig kriminellen Umständen abgebaut wird und dabei die Schutzfunktionen der Küsten aller Kontinente außer Kraft setzt, der kann über einen begrenzten Zeitraum wirtschaftliche Erfolge erzielen, schadet aber den nachfolgenden Generationen in großem Ausmaß.

Wer so offensichtlich die Zusammenhänge missachtet und dabei zur Zerstörung unserer Lebensgrundlagen beiträgt, darf sein Handeln nicht verantwortungsvoll und nachhaltig nennen.

Umso denkwürdiger erscheint die Investition von Millionen an einem Platz, an dem nicht unerhebliche Risiken bestehen und das ganze Projekt zusammenbrechen und zu einem Beispiel massiver Verschwendung und Kostenbelastung werden kann.

Ein Testturm für Hochgeschwindigkeitsaufzüge auf dem Berner Feld Rottweil ist das falsche Signal für die Zukunft und schadet unserer Stadt!

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!

 

1 Kommentar

  1. Man muss Frau Bott eines lassen: Sie kämpft wie eine Löwin gegen den Testturm. Dies verdient Respekt, nicht zuletzt, weil ihr und ihrer Familie von einigen anderen Rottweilern in der teilweise sehr unsachlichen Diskussion der letzten Zeit übelst und unfair mitgespielt wurde. Der Mangel an Contenance bei gewissen Leuten war eine Schande.

    Trotzdem teile ich ich Ihre Meinung nicht.

    Ich finde, das das Verfahren durchaus transparent war. Es muss in einem Industrieland wie unserem möglich bleiben, auch Großtechnologie zu bauen und zu testen. Dazu gehört, dass die Akteure vorab planen und sich auf eine Taktik zur Erwirkung einer Genehmigung einigen können.
    Wo kämen wir hin, wenn man die Vorentwürfe zu großen Bauvorhaben und Ideen bereits mit sämtlichen „besorgten“ Bürgerinnen und Bürger diskutieren müsste, die ohnehin nur Ihren Besitzstand wahren und die Projekte in Bausch und Bogen im Sankt-Florian-Prinzip
    verhindern möchten. thyssenkrupp hat sich mit der Stadtverwaltung abgestimmt, die Pläne der Bevölkerung vorgestellt und im Rottweiler Gemeinderat diskutieren lassen. Dabei ergaben sich eindeutige Mehrheiten.

    Im Übrigen müssen wir Europäer uns die Frage stellen lassen, ob wir unsere Vorstellungen von „Nachhaltigkeit “ einfach von oben herab auf andere Länder übertragen können und dürfen, oder ob man damit massiv in deren Freiheiten eingreift. Nicht nur Deutsche, sondern auch Menschen im
    nahen und fernen Osten (um die Absatzmärkte von thyssenkrupp zu benennen) haben das Recht auf Entwicklung. Einseitige Entscheidungen aus einer Gutmenschenperspektive führten in der Vergangenheit nicht zu einer „Besinnung“ der Belieferten, sondern nur zu einem Wechsel der Lieferanten. Als Beispiel sei der deutsche Atomausstieg genannt. Überall auf diesem Planten werden zukünftig russische Atomreaktoren entstehen, während aus politischen Gründen
    ausgereifte deutsche Produkte eingestellt wurden. Was das für Sicherheitsprobleme mit sich bringt, wird die Zukunft noch zeigen. Ein reiches Land wie Deutschland mag sich aus grüner
    Konsumtrottelmentalität den Ausstieg aus manchen Technologien leisten können, Schwellenländer wollen ihn sich aus gutem Grund nicht leisten. Eine Firma wie thyssenkrupp ist daher gut beraten,
    wenn sie da am Ball bleibt.

    Im Weiteren ist es so, dass Fundamentation, die damit verbundene Bodenmechanik und die Statik
    eines über 200 m hohen Bauwerkes eine hochkomplexe Angelegenheit ist, die von sogenannten „fachkundigen Bürgern“ auch nicht im Ansatz kompetent beurteilt werden kann. Unser Baurecht und die allgemeinen technischen Regeln geben uns hier tatsächlich hohe Sicherheiten. Zudem werden die bautechnischen Nachweise von einem unabhängigen Prüfingenieur mit großer Erfahrung geprüft. Nach dem ich mich selbst beruflich mit komplexen Genehmigungsprozessen
    befassen muss, sind mir die teilweise hanebüchenen Argumentationsketten mancher verhinderungswilliger Bürger wohl bekannt. Ich bitte um Mitleid für all die Bauleute auf
    Sachbearbeiterebene, die irgendwelche wilde Einwendungen auf vielen Seiten Papier zu beantworten hatten. So wird von von Turmgegnerseite z.B. befürchtet, dass durch die spiralförmige Hülle der Wind einen Drall nach oben bekommt, der sich bei entsprechend hoher
    Windgeschwindigkeit dann zu einer Windhose ausbilden könne, die grosse Zerstörungen z. B. an Häusern verursachen würde. Als Techniker fand ich diesen absurden Ansatz übrigens erst ganz lustig, bis ich dann aber den durchaus perfiden Hintergrund begriff, da es
    irgendwann ohnehin wahrscheinlich und normal ist, dass in der Rottweiler Umgebung mal eine Windhose auftritt, die man dann dem Testturm zuschieben kann. Es geht hier nur um das „Recht haben“ um jeden Preis.

    Zum Denkmalschutz: Ist es nicht statthaft, auch in unserer Zeit bauliche Fußabdrücke zu hinterlassen oder ist unsere Stadt ein totes Museum?

    Ich finde, dass es jeder Demokratin und jedem Demokraten gut zu Gesicht steht, Mehrheitsentscheidungen zu akzeptieren. Genauso wie man z.B. einen Atomausstieg hinnehmen muss, weil es hierzulande für Kerntechnik keine Mehrheiten gibt, muss man wohl auch
    einen Testturm akzeptieren, weil sich gerade dafür halt eine eindeutige Mehrheit ausgesprochen hat. Daher mein Rat an Frau Bott: Lassen sie es gut sein.

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