Rottweil hat die Eröffnung des Thys­sen­-Krupp-Testturms mit großem Fest erlebt. Auch in der Kulturszene läuft der Countdown: Die Interessenten für Theaterprojekte, Konzerte und Kunstausstellungen hoch über Rottweil stehen seit Monaten Schlange. Ein furioser Auftakt scheint nun der Kreissparkasse zu gelingen: Eine von Jürgen Knubben kuratierte Schau greift das Thema Turm in der Gegenwartskunst auf – hoch oben im Testturm sowie im „kunst raum rottweil” im Dominikanermuseum.

Am 20. Oktober wird die Ausstellungs-Hälfte auf der Besucherplattform des Testturms eröffnet, bereits am 15. die komplementäre Schau im Dominikaner-Komplex. Damit werden symbolisch nicht nur das neue Wahrzeichen und der alte Stadtkern verbunden, sondern auch die Bezugspunkte der künftigen Hängebrücke – die gleichfalls ein produktives Ausstellungsthema ergäbe.

In der Schau nutz Kurator Knubben die Chance, einer rein technischen Machbarkeitslogik die visionäre Vitalität von Künstlerpersönlichkeiten zur Seite zu stellen. Im begleitenden Katalog werden zudem die historischen Resonanzräume aktiviert, welche mit Turmbauten verknüpft sind: Türme als Grenzüberschreitung, als kühnes Ausgreifen, als Fingerzeig und Ausdruck einer Sehnsucht nach oben etwa.

Zwar zitiert Herbert Köhler im einführenden Essay nicht das schöne Wort des Schriftstellers Reiner Kunze, Türme seien dafür da, dass die Erde am Himmel hafte. Gleichwohl kommt auch die spirituelle Dimension nicht zu kurz, bis hin zum Turmbau zu Babel, der die Ambivalenzen eines steten Weiterdrängens aufzeigt.

Die Objekte selber bieten Gelegenheit zu ganz eigenen ästhetischen Erfahrungen. Gezeigt werden 39 Turm-Modelle von 39 zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern. Das Panorama reicht von einem kompakten Turmkonglomerat Claus Burys, der mit Hölzern und Kupfer eine Hochhauslandschaft imaginiert, über Klaus Hacks zweieinhalb Meter aufragendes fragiles Papp-Konstrukt „Babel” und einem aus simplen Segmenten addierten „Turm” Werner Pokornys, bis zu – an gotische Türme erinnernde – Wellpappe-Reliefs Martin Spenglers und scheinbar übereinander schwebenden Kugeln Hans Schüles sowie poetischen Türmen aus Licht von Tobias Zapf.

Auch Rottweiler Namen fehlen nicht: Jürgen Knubben zeigt drei scheinbar in Bewegung eingefrorene Bronzen und von Erich Hauser ist eine kühl blitzende Raumsäule aus dem Jahr 1973 zu sehen.

Die Schau macht deutlich, wie sehr der Drang nach oben die kreativen Köpfe zu individuellen Ausdrucksformen befeuert. Und wie befreiend es wirken kann, eine Progression über Grenzen hinaus ins Offene zu denken. Bleibt zu hoffen, dass die Schau keine Ausnahme im Eröffnungs-Fieber bleibt, sondern der Testturm kulturell und künstlerisch dauerhaft in die Rottweiler Kontexte integriert wird. Das wäre für alle ein Gewinn.

Info: Der Ausstellungsteil im Dominikanermuseum Rottweil ist bei freiem Eintritt bis 18. Februar dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Der Ausstellungsteil auf der Besucherplattform des Thys­sen­-Krupp-Testturms ist freitags bis sonntags zu sehen. Der Eintritt inklusive Aufzugsfahrt kostet 9 Euro, ermäßigt 5 Euro.