Vom Suchen und Finden von Staub: Was ist Abstauben?

Bericht des Rottweiler Zunftschreibers

's goht dagega. Unser Bild ist eine Aufnahme des Balkons am alten Rathaus aus dem Jahre 1952 und zeigt von links nach rechts: Ede Villinger, Bürgermeister Gutknecht, evt. Karl Spreter, Karl Gluns, Fritz Stehle (Ausscheller rechts). Es wurde am Fasnetssonntag nach der Proklamation aufgenommen. Foto: Narrenzunft Rottweil

Am Samstag geht es los: Die Eröffnung der Rottweiler Fasnet durch das Abstauben der Narrenkleider steht an. Die Abstauber wer­den durch den Narrenmeister aus­ge­schickt (ab 10.40 Uhr im Café Schädle, Hauptstraße). Zunftschreiber Frank Huber hat uns im Vorfeld dazu einen Bericht zuge­schickt, die NRWZ bringt ihn im Wortlaut.

Kaum sind die Kanonen- und Gewehrläufe der Bürgerwehr vom Neujahrsschießen abge­kühlt und kaum hat der Wind den Pulverrauch ver­trie­ben, bricht sich schon der nächs­te Rottweiler Brauch gewal­tig sei­ne Bahn. 34 geschul­te Reinigungskräfte in schwar­zen Anzügen, wei­ßen Handschuhen und Zylinder bekom­men heu­te vom Narrenmeister eine schweiß­trei­ben­de Arbeit über­tra­gen. Bis zu zwölf Häuser hat jede der vier­zehn Putzkolonnen, bestehend aus 2, manch­mal auch 3 oder in weni­gen Fällen auch 4 Saubermachern, auf dem Zettel ste­hen, um dort den Staub der ver­gan­ge­nen elf Monate von Schantle, Biß und Fransenkleidle zu ent­fer­nen.

Eine her­aus­for­dern­de Arbeit, die, wie der Rottweiler zu sagen pflegt, eine beson­de­re Kuttel braucht, denn zwi­schen 12 und 18 Stunden benö­ti­gen die Sauberkeitsexperten, bis allen auf den Zetteln ste­hen­den Häusern eine vor­när­ri­sche Grundreinigung zuteil wur­de. Gelebtes Brauchtum eben. Geschätzt wird die­se Tradition von den Bürgersleuten und Zunftmannen aber nicht um des Staubes Willen – denn Staubwischen ist nun wahr­lich nicht etwas, um was es sich lohnt eine Kultur der Erinnerung zu ent­wi­ckeln. Nein, geschätzt wer­den das Abstauben sowie die Fasnet wegen des ver­bor­ge­nen Kerns, den die­ses Brauchtum in sich trägt.

Beim Abstauben geht es um Alt und Jung in Familien, die gemein­sam auf die oft unpünkt­li­chen Saubermacher war­ten und die Zeit des Wartens mit Geschichten von frü­her über­brü­cken, so dass auch die Kleinsten im Familienkreise ein ganz neu­es Stück Lebenswelt der Eltern oder Großeltern ken­nen­ler­nen. So wird aus dem wort­kar­gen Opa plötz­lich wie­der der dyna­mi­sche Kerl, der die Abstauber vor Jahrzehnten mit Schenkelklopfern zum Lachen brach­te, und der heu­te manch­mal stren­ge Papa erzählt dann auch mal von sei­nen Ängsten vor den schwar­zen Herren im Frack und der gru­se­li­gen Federahanneslarve, die auf dem Sofa bereit fürs Abstauben lag.

Beim Abstauben geht es auch um Familien, die in den ver­gan­ge­nen Monaten Schicksalsschläge erfah­ren haben und die die Zeit mit den Abstaubern wert­schät­zen, weil die­se die Fasnet erwe­cken und so von dem trau­ri­gen Gestern ablen­ken und das Herz auf das fro­he­re Morgen ein­stim­men. Beim Abstauben geht es nicht zuletzt um das Nah und Fern in Freundeskreisen. Ehemalige Klassenkameraden oder Nachbarskinder von frü­her, die sich an Drei König in einem Abstauberhaus tref­fen, um ihre Freundschaft zu ver­tie­fen oder zu pfle­gen, weil man sich unterm Jahr berufs- oder fami­li­en­be­dingt nur noch sel­ten trifft.

Das Abstauben zeigt also, dass das Morgen und Übermorgen nicht nur vom Heute, son­dern auch vom Gestern und Vorgestern lebt. Wir selbst ent­schei­den durch das, was wir an die­sem Tag tun und wie wir ihn pfle­gen, was für die, die nach uns kom­men, von Bedeutung sein soll. Das ist der tie­fe­re Sinn, war­um sich die 34 Abstauber heu­te auf die Suche nach die­sem ver­ma­le­dei­ten Staub machen.

Welch ein Glück, wer solch ein Brauchtum erfah­ren und leben darf. Alle Bürgersleute, die den Abstauber für ihren stra­pa­ziö­sen Gang Glück wün­schen wol­len, sind herz­lich zur Aussendung der char­man­ten, stand- und ehren­haf­ten Staubvernichter ein­ge­la­den. Diese erfolgt am Dreikönigstag um 10.40 Uhr vor dem Café Schädle. Sammelstelle für alle Abstauber und alle der Fasnet treu ver­bun­de­nen Bürgersleute ist ab 21 Uhr das Gasthaus Goldener Apfel. Die Narrenzunft freut sich auf Ihr Kommen.