„Vom Wagnis zum Wahrzeichen“ – die Rede des Oberbürgermeisters beim Turmfest Rottweil

Stadtoberhaupt lobt Offenheit, Mut und Gemeinsinn

Rottweils Oberbürgermeister Ralf Broß. Foto: Ralf Graner

Bei einem Empfang der Stadt Rottweil auf dem Testturm würdigte der Oberbürgermeister der Stadt, Ralf Broß die gemeinsame Errungenschaft. Wagemut, Offenheit und Zusammenhalt hätten zur Verwirklichung des Projekts geführt, das Rottweil in ein neues Zeitalter führe. Die NRWZ dokumentiert die Rede im Wortlaut.

Eröffnung Besucherplattform Thyssenkrupp – Empfang der Stadt Rottweil

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Gäste,

ich darf Sie alle recht herzlich auch im Namen des Rottweiler Gemeinderates und von Bürgermeister Dr. Christian Ruf zum Empfang der Stadt Rottweil anlässlich der offiziellen Turmeröffnung begrüßen.
Endlich ist es so weit!
Endlich wird „unser“ Turm offiziell eingeweiht und damit die Aussichtsplattform ihrer Bestimmung übergeben. Darauf warten viele Menschen, endlich einmal auf den Turm zu kommen und die herrliche Aussicht von hier oben zu genießen.

Eigentlich könnte ich jetzt auf den Film verweisen, der von Thyssenkrupp gedreht wurde und in prägnanter Kürze aus unterschiedlichen Perspektiven die Anfänge des Turms widerspiegelt. Das meiste und wichtigste scheint gesagt zu sein.

Aber dennoch gibt es ein paar Aspekte, die mir wichtig sind und auf die ich gerne eingehen möchte.

1. Aspekt: „Vom Wagnis zum Wahrzeichen“
Zunächst einmal: Ich habe von „unserem“ Turm gesprochen. „Unser“ Turm ist selbstverständlich kein Turm der Stadt, sondern ein Turm von Thyssenkrupp. Das ist uns sehr bewusst. Die Vereinnahmung als „unser“ Turm ist ein Ausdruck von Zusammengehörigkeit und Verbundenheit, die in den vergangenen Jahren gewachsen sind. Auch eine Verbundenheit zwischen Stadt und Thyssenkrupp. Deshalb freue ich mich sehr, dass der Vorstandsvorsitzenden von TKE, Herr Andreas Schierenbeck, anwesend ist. Seien Sie herzlich Willkommen. Sie sind der Hausherr und haben sich bereit erklärt, ein Grußwort an uns zu richten.

Ich begrüße darüber hinaus unseren Europaabgeordneten Dr. Andreas Schwab,
Herrn Landrat Dr. Michel,
Herrn Oberbürgermeister a.D. Thomas Engeser und Herrn Bürgermeister a.D. Franz Albrecht,
Frau Bürgermeisterin Carmen Merz aus dem benachbarten Zimmern,
Herrn Vorstandsvorsitzenden Matthäus Reiser (KSK) und Vorstandsvorsitzenden Henry Rauner (Voba) sowie Herrn IHK-Präsidenten Dieter Teufel und
Sie alle, meine Damen und Herren, die Sie den Turmbau zu Rottweil begleitet haben.

Zurück zum Aspekt „Wagnis“: Das Turmprojekt war am Anfang eine kühne, eine gewagte Vision. Ich meine nicht aus der Sicht des Unternehmens. Sondern aus der Sicht einer Stadt, einer Standortkommune und damit aus der Sicht einer Stadtverwaltung und eines Gemeinderates.
Helmut Schmidt hat einmal mit einem Seitenhieb auf Willy Brandt gemeint: „Wer Visionen hat, der sollte zum Arzt gehen“. Schmidt war ein großer Staatsmann, aber hier irrte er. Wer Visionen hat, der sollte besser nach Rottweil kommen! Was aus einer Vision werden kann, die in die Realität umgesetzt wird, erleben wir heute.

Dazu gehört Mut gepaart mit Selbstbewusstsein, an dem es einer ehemaligen Freien Reichsstadt grundsätzlich nicht mangelt.

Und Mut hat der Gemeinderat bewiesen. Aus diesem Grund war es mir ein großes Anliegen, nicht nur die amtierenden Gemeinderäte zum Empfang und zur Feier heute einzuladen, sondern auch diejenigen, die seinerzeit an der Grundsatzentscheidung für den Turm im Rahmen ihres Mandates und der repräsentativen Demokratie mitgewirkt haben und zwischenzeitlich aus dem Gremium ausgeschieden sind. Schön, dass Sie dabei sind. Ihnen möchte ich für Ihr Engagement und Ihren Mut danken.

2. Aspekt: betrifft die Bürgerbeteiligung
Dem Bau voraus ging nämlich eine breite Diskussion in der Öffentlichkeit, ob der Turm denn in die historische Stadtsilhouette passe. Zahlreiche Bürgerversammlungen und Informationsrunden haben wir organisiert, einen Testballon steigen lassen und Fotomontagen angefertigt.
Wir haben die Bedenken der Bürger ernst genommen, haben hingehört und gemeinsam mit dem Bauherren Lösungen erarbeitet, wo es machbar war.

Schon in der ersten Bürgerversammlung artikulierten die Menschen den Wunsch, den Turm auch selbst erleben zu können: mit einer Aussichtsplattform. Wir sind thyssenkrupp sehr dankbar, dass das Unternehmen diese Anregung aus der Bürgerschaft aufgegriffen und umgesetzt hat. Das Projekt ist zwar von Anfang an auf großes Wohlwollen in einer Stadt gestoßen. Aber die Realisierung der Plattform hat maßgeblich zur Akzeptanz beigetragen.
Lieber Herr Schierenbeck, Sie haben dies zugesagt, haben Ihr Wort gehalten und die Aussichtsplattform realisiert, dafür möchte ich Ihnen ganz herzlich danken (auch im Namen der Bürgerschaft).

3. Aspekt: „Stadt der Türme“
Es ist kaum zu glauben. Aber erst vor ziemlich genau drei Jahren standen wir hier 232 Meter tiefer auf einer Wiese und haben mit einem symbolischen Spatenstich den Startschuss für ein Bauprojekt gegeben, mit dem Rottweil weltweit für Furore gesorgt hat.

Was dann folgte, hat sogar die kühnsten Erwartungen übertroffen: In kürzester Zeit wurde schon die Turmbaustelle zu eine Attraktion. Wir haben im vergangenen Jahr über 60.000 Besucher gezählt. Das lässt erahnen, dass die Besucherplattform sicherlich in der Region und darüber hinaus auf großes Interesse stoßen wird.

Rottweil ist seit über 800 Jahren eine „Stadt der Türme“ und blickt auf eine lange Turmbautradition zurück. Jeder Turm, jedes Bauwerk war in seiner Zeit eine Innovation. Etwas Neues, was es bis dahin noch nicht gab. Eine Weiterentwicklung der handwerklichen Fertigkeiten. So steht der Testturm in dieser Tradition und markiert eine neue Epoche der „Stadt der Türme.“

4. Aspekt: „die Turmväter“
Der Erfolg hat ja bekanntlich viele Väter. Ganz viele Menschen haben von Anfang an am Fundament des Turmes mitgebaut, denen heute auch gedankt werden soll.

Da ist zunächst der Bauherr, lieber Herr Schierenbeck, dass Sie den Schritt gewagt haben, in Rottweil diesen Turm zu bauen. Wir wussten, dass Sie optimale Standortvoraussetzungen antreffen würden. Vor allem die kommunalpolitische Unterstützung. Wir konnten Sie überzeugen. Sie haben sich damit für den Wirtschaftsstandort Deutschland entschieden und ein klares Zeichen in der Wirtschaftsregion Schwarzwald-Baar-Heuberg gesetzt.

Unser Dank gilt auch Alexander Keller, der heute leider nicht anwesend sein kann und für uns seinerzeit erster Ansprechpartner seitens TK war. Unvergessen sind seine leidenschaftlichen Vorträge in den drei Bürgerversammlungen, in denen er in Rottweil die Begeisterung fürs Aufzug- und Turmbauen weckte.
Dann Alfons Bürk als unermüdlichem Netzwerker und Motivator. Als Projektbeauftragter von thyssenkrupp aber auch als Rottweiler Bürger hat er dafür gesorgt, dass der Turmbau in Rottweil auf fruchtbaren Boden fiel.

Unser Dank gilt nicht zuletzt auch Werner Guhl, der mit seiner Tatkraft und seinem Optimismus ebenfalls ein ganz wichtiger Wegbereiter Turmes am Anfang war. Gemeinsam hatten wir den Traum, diesen Turm nach Rottweil zu holen. Bis heute schmerzt der Gedanke sehr, dass Werner Guhl die Fertigstellung des Turmes nicht mehr erleben durfte. Liebe Anne Marie, ich glaube, Werner wäre sehr stolz gewesen über das, was wir erreicht haben.

Ich danke den vielen weiteren Menschen und Institutionen, die direkt und indirekt zum Erfolg des Turmbaues beigetragen haben: dem Wirtschaftsbeirat der Stadt, den Kammern, dem Regierungspräsidium Freiburg und dem Rottweiler Landratsamt, dem Gewerbe- und Handelsverein und all den Bürgern, die sich am Diskurs um den Turm beteiligt haben.
Nicht vergessen möchte ich, meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu nennen, die mit Herzblut und Sachverstand sich eingesetzt haben im Planungs- und Baurechtsverfahren, beim Erwerb von Grundstücken, bei der Tourismus- und Wirtschaftsförderung, der Bürgerbeteiligung, den Schul- und Hochkooperationen u.v.m. Nur im Team und mit motivierten Mitarbeitern kann man es schaffen, dass das Bebauungsplanverfahren in Rekordzeit von rd. einem Jahr rechtssicher durchgeführt werden konnte.

Vielen Dank für Ihre Unterstützung.

5. Aspekt: „Gute Aussichten“
Meine Damen und Herren, für das Jahr der Türme und das Turmfest an diesem Wochenende, das federführend von der Wirtschaftsförderung um Andre Lomsky zusammen mit der Trend Factory organisiert wird, haben wir uns das Motto „Gute Aussichten“ ausgesucht. Das spielt natürlich auf diese Aussichtsplattform an. Lassen Sie uns daher einmal den Blick in die Ferne schweifen. Zunächst einmal in ferne Zeiten, in die Anfänge unsere Stadt, bevor wir uns der Zukunft widmen.

Rottweil ist eine Stadt, in der stets Neues gedacht und gewagt wurde. Die Römer überschritten die Alpen und bauten hier ein ganz kleines Rom mitten in der germanischen Wildnis. Wenn das kein Pioniergeist war!
Eine neue, zweite Stadt entstand dort, wo heute die Mittelstadt liegt. Von dort verlegten die Rottweiler ihre Stadt um 1200 und bauten sie an der Stelle der historischen Kernstadt nochmals komplett neu. Das ist die dritte Stadt. Was muss das in einer Zeit ohne Kran, Betonmischer und Gleitschalung für ein Kraftakt gewesen sein. Wir staunen noch heute über die himmelstrebenden Türme der alten Reichsstadt, sie belegen eindrucksvoll den Wagemut unserer Vorfahren in diesem dritten Rottweil.

Lassen Sie uns den Blick nun einmal über unser Stadtgebiet schweifen. Wer heute von hier oben auf Rottweil sieht, der erkennt, wie unsere Stadt seit der Industrialisierung um den ehemaligen Stadtkern herum gewachsen ist und die alte Reichsstadt inzwischen um ein vielfaches an Fläche übertrifft. Das ist die vierte Stadt.

Jede dieser vier Städte hatte ihre Symbole und Wahrzeichen: Die Orpheus-Villa steht für Arae Flaviae, der versunkene Königshof für die Mittelstadt, der Kapellenturm und das Schwarze Tor für die alte Reichsstadt. Dann: das Kraftwerk, die Pyramide Erich Hausers oder der Wasserturm symbolisieren das vierte Rottweil (das der Industrialisierung und der Moderne).

Lassen Sie uns nun den Blick in die Zukunft werfen. Der Testturm könnte so etwas wie das Symbol für eine neue Epoche werden: Rottweil 5.0! Eine Epoche, in der die vier Rottweils der Vergangenheit und Gegenwart zu einem neuen Ganzen verschmelzen. Eine Epoche, in der Tradition und Innovation keine Gegensätze mehr bilden, sondern sich gegenseitig befruchten. Eine Epoche, in der es uns gelingt, unsere stolze Vergangenheit auf harmonische Weise mit den Anforderungen der Zukunft in Einklang zu bringen.

Rottweil 5.0 ist eine Stadt im Aufbruch, voller Chancen und innovativer Ideen. Eine Stadt, die auf den Ideenreichtum in den Köpfen ihrer Bürger setzt.

Von der alten Reichsstadt zur ideen-reichen Stadt!

Eine Stadt mit dem Neubau der Justizvollzugsanstalt, der längsten Fußgänger-Hängebrücke der Welt, einer Landesgartenschau und eben einem Testturm, der mehr ist, als nur ein Industriegebäude.

Wir waren mit dieser Offenheit in den vergangen Jahren sehr erfolgreich.
Rottweil 5.0 ist kein fertiges Konzept, kein Masterplan.
Es ist ein Angebot zum Dialog, zur dauerhaften Beteiligung und zur zukunftsorientierten Mitgestaltung unserer Stadt.

Und es ist ein Appell, dass wir die Chancen, die sich uns heute bieten – und es sind einmalige Chancen – beherzt ergreifen. Im Übrigen: Hätten wir vor 10 oder 15 Jahren einen Masterplan erstellt, dann würde dieser Empfang ein paar Stockwerke tiefer stattfinden. Diesen Turm würde es nämlich mit Sicherheit nicht geben, wenn wir einen Masterplan gehabt hätten. Egal wie er ausgesehen hätte: So etwas hätten sich selbst die kühnsten Visionäre in unserer Stadt nicht erträumen können!

Der Turm zeigt uns, was Rottweil erreichen kann, wenn wir alle an einem Strang ziehen!
Der Turm zeigt, was passieren kann, wenn wir neue Ideen und Gedanken offen diskutieren und seien sie auf den ersten Blick noch so utopisch und visionär.

Wenn wir nachher wieder hinunterfahren und in der Stadt mit dem Bürgern gemeinsam die Einweihung des Testturms feiern, sollten wir uns Offenheit, Mut und Gemeinsinn für die kommenden Jahre auf die Fahnen schreiben.

Offenheit, Mut und Gemeinsinn sind die Faktoren, die Rottweil in den vergangenen Jahren so stark gemacht haben und auch in Zukunft stark machen werden!

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein schönes Festwochenende und „gute Aussichten“ in einem Rottweil 5.0!

 

 

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