Von Herausforderungen, Punktlandungen und Superlativen

Journalisten durften wieder in den Rottweiler Aufzugtestturm - einen Tag vor seiner offiziellen Eröffnung

Er sei öfter heimlich hier vorbeigefahren, gab Architekt Werner Sobek bei der Turmeröffnung am Freitag zu. Er habe das getan, um zu schauen, ob der von ihm und seinem Freund und Kollegen Helmut Jahn entworfene Testturm auch wirklich so werde wie geplant. Denn für die beiden Stararchitekten war das Projekt ein besonderes.

Und das, obwohl sie bereits weltweit mit ihren Bauwerken bekannt sind. Darunter der Flughafen von Bangkok, das Mercedes-Benz-Museum und das Al-Taiyat-Stadion in Bagdad. Und tatsächlich: Der Turm sieht genauso aus, wie er sollte. Besonders? Ja, denn auch für so erfahrene Planer war der Aufzugsstestturm eine Herausforderung: eine vergleichsweise dünne Betonhülle, gerade mal 25 Zentimeter hat die, und sie wurde in Gleitschalbauweise hochgezogen. Heißt: Der Beton, in die Schale gegossen, musste nach nur wenigen Stunden fest genug sein, dass er diese Schale und den nachgegossenen Beton tragen konnte. 100 Tage lang wurde 24 Stunden lang betoniert, und das hat geklappt.

Auch die Hülle ist ein Novum. Mit Stoffhüllen haben die beiden schon öfter gearbeitet, aber nie in dieser Höhe. Ein Grund, warum es sich hinzog, die Hülle auch am Eröffnungswochenende nicht bis unten befestigt ist. Dennoch sah man am Freitag nur strahlende Gesichter, das von ThyssenKrupp-Elevator-Chef Andreas Schierenbeck ebenso wie das von Oberbürgermeister Ralf Broß.

Klar, wie gewohnt dort oben, war die Eröffnung zum mächtigen Event ausgebaut. Die vielen Medienvertreter wurden erst bewirtet, dann in den „Vision Space“ geführt, einen Kinosaal mit passend TKE-blauen Sitzkissen, und dann durfte man noch einmal – oder erstmals – erfahren, welche Herausforderung die Urbanisierung bedeutet, wenn also bis 2050, wie prognostiziert, die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten lebt, wenn die Wolkenkratzer immer höher und höher werden müssen, weil der Platz zum Bauen ausgeht. Dafür liefert das Unternehmen nach eigenen Angaben „bahnbrechende Lösungen“, nämlich den Multi, den Aufzug, der nicht an Seilen hängt, sondern an einer Magnetbahn. Und damit viel Platz spart, denn die Versorgungsschächte, also vor allem die Aufzüge, nehmen in den Hochhäusern bis zu 40 Prozent des Platzes ein. Der Multi spare davon die Hälfte ein, weil in einem Schacht mehrere Kabinen gleichzeitig fahren können, nach oben oder zur Seite. „Wir haben den Aufzug neu erfunden“, tönt es aus den Lautsprechern.

Dann versammelt man sich wieder vor dem Multi-Nachbau zum Ausprobieren im Foyer. Die drei Herren des Tages, Sobek, Schierenbeck und Broß, nehmen die Scheren in die Hand, um dann unter Blitzlichtgewitter das weiße (nicht blaue!) Band zu durchschneiden. Im Panoramaaufzug geht es anschließend in den Konferenzraum unter der Plattform. Dort läuft wieder ein Film, der zurückblickt auf die Suche des Konzerns nach einer Testmöglichkeit für die neuen Aufzüge. Auf Rottweils Offenheit für das Projekt, auf Bürgerbeteiligung, auf technische Herausforderungen und Punktlandungen.

Alle kommen sie hier zu Wort: der Bauleiter, die Ingenieure, der OB, die ansonsten stille Eminenz Alfons Bürk, die Architekten. Nein, die Kritiker nicht. Rottweil stand von Anfang an wie eine Eins hinter dem Projekt, ist zu hören. Zumindest in den Werbefilmen und den Worten der Redner. Natürlich stimmt das so nicht. Aber selbst die örtliche Tageszeitung feiert sich jetzt als Turmfan der erste Stunde. Auch, wenn das nicht richtig ist.

Schierenbeck erzählt dann, wie man alles auf eine Karte gesetzt habe mit der Entwicklung des Multi. „Wir gehen eine Wette auf die Zukunft ein“, immerhin 40 Millionen Euro gibt sein Unternehmen alleine für den Turm aus.

Und der Bau? „So etwas baut man nur einmal“, sagt Schierenbeck. Von den Winden erzählt er, die in Rottweil manchmal sehr unterschiedlich und stark wehen, von dem 240 Tonnen schweren Schwingungstilger, der nicht nur tilgt, sondern auch den Turm schwingen lassen kann, um extreme Winde zu simulieren. Alles, was TKE weltweit entwickelt, werde jetzt in Rottweil getestet.

Der Turmbau, eine Geschichte mit Superlativen: 50.000 Besucher, dabei sei eine Baustelle sonst ja nicht unbedingt der Besuchermagnet per se. Die Aussichtsplattform auf 232 Metern Höhe, die höchste, die es im Lande gibt. Die höchsten Meeting- und Büroräume. Jetzt schon 3500 Leute, die vor der offiziellen Eröffnung bei Events im Turm dabei waren. Mit der Multi-Eröffnung habe man mehr als 700 Millionen Menschen erreicht, mehrere Millionen hätten sich alleine die Youtube-Videos dazu angeschaut. „Und jedesmal ist Rottweil mit im Gespräch.“

Broß jubelt mit: Rottweil, „die Stadt im Wandel, die ihre Chancen nutzt.“ Der Boden sei bereit gewesen, als TKE an die Tür klopfte, so der OB. Von den Römern übers Kraftwerk und Erich Hauser bis zur Schulstadt, eine erfolgreiche Bürgerbeteiligung, dazu Bilder der Turmfans, die sich eigens T-Shirts hätten machen lassen, und die Aussicht auf Hängebrücke und die Landesgartenschau, die Anträge dafür erst am Vorabend vom Gemeinderat abgesegnet: Rottweil zwischen Tradition und Innovation, der Lieblingssatz des Oberbürgermeisters.

Oben auf der Plattform, der Regen hat aufgehört, ein bisschen Sonne schiebt sich zwischen die Wolken, lässt sich die Aussicht genießen. Die Aussicht auf ein spielzeugkleines Rottweil 232 Meter weiter unten. Eine Drohne schwebt über den vielen Presseleuten, die ihrerseits festhalten, was sich festhalten lässt, und danach durch den Turm geführt werden. Auch hier faszinierte, begeisterte Gesichter. Und wieder ein Punkt mehr für die alte Stadt, die in den nächsten Tagen erneut jede Menge mediale Aufmerksamkeit bekommt.

Und Sobek, der berühmte Architekt, erklärt oben auf der Plattform: „Ich liebe diese Landschaft!“

 

 

-->