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Samstag, 7. Dezember 2019
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Was ist da auf dem Rottweiler Friedhof los?

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ROTTWEIL, 10. Okto­ber – Kein schö­ner Anblick: Das Eck einer Grab­stel­le ist von einem Rad­la­­der-Rei­­fen platt­ge­drückt. Blät­ter auf einer ande­ren sind von hei­ßen Abga­sen ver­sengt. Hier und da rie­selt neu ein­ge­bau­ter Kies von den Wegen auf die Grä­ber. Und zudem wer­den Wege ange­legt, die teils auch Orts­durch­fahr­ten sein könn­ten. Was ist da los auf dem Rott­wei­ler Ruhe-Chris­­ti-Frie­d­hof?

Die Fried­hofs­ver­wal­tung der Stadt Rott­weil lässt der­zeit die Wege auf dem städ­ti­schen Fried­hof sanie­ren. Er wird dabei nicht umge­stal­tet, viel­mehr wer­den die vor­han­de­nen Wege aus Ver­kehrs­si­cher­heits­grün­den saniert. Die Wege erhal­ten wie­der eine ordent­li­che Trag­schicht und ein Quer­ge­fäl­le, sodass es im Win­ter kei­ne Pfüt­zen mehr gibt, die gefrie­ren. Wir besei­ti­gen Stol­per­fal­len.“

Es liest sich ja immer so ein­leuch­tend, was da aus der Ver­wal­tung kommt. Es ist die Ant­wort von Bau-Fach­be­­reichs­­lei­­ter Lothar Huber, der zu den Fra­gen der NRWZ Stel­lung nimmt.

Was Huber so leicht erklä­ren kann, mute­te auf den ers­ten Blick ganz anders an: So ver­lief frü­her zwi­schen den Grab­stel­len und den Haupt­we­gen ein Grün­strei­fen. Jetzt liegt da Kies. Schot­ter, der auf die Grab­stät­ten läuft, hier und da. Und der die Wege ver­meint­lich ver­brei­tert. Es kommt eben dar­auf an, was man für den Weg hält, den frü­he­ren, schma­le­ren, oder ein­fach den Abstand zwi­schen zwei sich gegen­über lie­gen­den Grab­stel­len. Die Ver­wal­tung ver­steht dar­un­ter letz­te­res, ein­deu­tig. Das führt dazu, dass der Ruhe-Chris­­ti-Frie­d­hof mitt­ler­wei­le eine Orts­durch­fahrt erhal­ten hat, die auch mit einem Omni­bus befah­ren wer­den könn­te, soll­te das jemand wol­len. Will natür­lich nie­mand, nicht ein­mal am Volks­trau­er­tag, an dem tra­di­tio­nell noch die größ­te Zahl an Besu­chern auf dem Fried­hof weilt.

Die Begrün­dung aus dem Bau­amt liest sich so: „Die Haupt­we­ge wur­den nicht brei­ter ange­legt, die Brei­te war schon vor­han­den“, so Huber. „Die erhöh­ten, mit Rasen bewach­se­nen Sei­ten­strei­fen muss­ten aber abge­tra­gen wer­den, um eine durchgeh­ende seit­li­che Ent­wäs­se­rung zu gewähr­leis­ten. Dadurch ent­fällt für den Betriebs­hof auch das bis­her zeit­auf­wän­di­ge und schwie­ri­ge Mähen die­ser Sei­ten­strei­fen mit dem Hand­ra­sen­mä­her.“

Übri­gens: Zwei von der NRWZ befrag­te Fried­hofs­be­su­che­rin­nen gefällt das – brei­te Wege, kein Gras­strei­fen, Sau­ber­keit.

Es wäre ja auch nicht so das Pro­blem – wenn die beauf­trag­te Bau­fir­ma nicht so grob an die Sache her­an­gin­ge. Es han­delt sich zwar um einen Gar­­ten- und Land­schafts­bau­be­trieb, doch rücken die Arbei­ter mit Gerät an, das teils schlicht zu groß und zu schwer ist für die Arbeit.

Der Rad­la­der, zum Bei­spiel – „ich kann mich ent­schei­den, ob ich die Hecke rechts oder die Ecke von der Grab­stel­le links kaputt mache, ich pas­se mit dem nicht durch“, gibt der Arbei­ter gegen­über der NRWZ unum­wun­den zu. Er hat sich für die Ecke des Gra­bes ent­schie­den. Und wenn er und sei­ne Kol­le­gen ihre Arbeits­ge­rä­te abstel­len – dann kann es schon­mal pas­sie­ren, dass sie sie wei­ter lau­fen las­sen. Resul­tat: Abge­fa­ckel­te, brau­ne Blät­ter auf den Grä­bern. Schuld sind die hei­ßen Abga­se aus den Bau­fahr­zeu­gen.

Für die Stadt ist die Sach­la­ge klar: „Die beauf­trag­te Fir­ma ist ein schon seit Jahr­zehn­ten exis­tie­ren­der und bewähr­ter Gar­­ten- und Land­schafts­bau­be­trieb“, so Huber gegen­über der NRWZ. Die Stadt Rott­weil habe die Fir­ma in der Ver­gan­gen­heit mehr­fach mit der Sanie­rung und Neu­an­la­ge von Fried­hofs­we­gen beauf­tragt, erklärt der Bau­amts-Chef. „Die Arbei­ten wur­den jeweils ohne Bean­stan­dun­gen erle­digt. Vor der Ver­ga­be der aktu­el­len Arbei­ten haben wir eine Preis­ab­fra­ge durch­ge­führt“, erklärt er zudem.

Die Bau­fir­ma bestä­tigt, seit Jah­ren für die Stadt an ihren Fried­hö­fen tätig zu sein. Sie sei eben beson­ders güns­tig, heißt es. Insi­der zwei­feln des­halb schon län­ger an, dass in jün­ge­rer Zeit eine Aus­schrei­bung der Arbei­ten statt­ge­fun­den hät­te. Tat­säch­lich wür­den die Arbei­ten längst stan­dard­mä­ßig an den Obern­dor­fer Betrieb über­tra­gen.

Das Tief­bau­amt über­wa­che die Arbei­ten, so Huber wei­ter. Er bestä­tigt: „Es sind lei­der tat­säch­lich Schä­den an Grab­bepflan­zun­gen ent­stan­den, sowohl durch hei­ße Bag­ger­ab­ga­se als auch durch Über­fah­ren von Ecken an den Bee­ten. Die betrof­fe­nen Gärt­ne­rei­en, die für die Grab­pfle­ge ver­ant­wort­lich zeich­nen, bekom­men ihre Kos­ten für die Besei­ti­gung nach­weis­ba­rer Schä­den erstat­tet.“ Vor der Kos­ten­er­stat­tung bekom­men sie aller­dings erst­mal Anru­fe von erbos­ten Auf­trag­ge­bern, die etwa am Wochen­en­de am Grab ihres lie­ben Ver­stor­be­nen gewe­sen sind und das­sel­be schlimm zuge­rich­tet vor­ge­fun­den haben. Kein Ver­ständ­nis herr­sche da, sagt ein Ver­tre­ter einer sol­chen Gärt­ne­rei zur NRWZ. Er besei­ti­ge dann eben meist auf Kulanz­ba­sis den ent­stan­de­nen Scha­den – es gehe hier dar­um, das Grab bald wie­der her­zu­rich­ten, nicht dar­um, um die Kos­ten dafür zu strei­ten. Was die­ser Gärt­ner auch sagt: der Fried­hof ver­lie­re wegen der brei­te­ren aber nicht ver­brei­ter­ten Wege immer mehr sei­nen Cha­rak­ter eines idyl­li­schen, in einem Wäld­chen gele­ge­nen Ortes.

Zwi­schen all den beschä­dig­ten Grä­ben huscht mit­un­ter übri­gens ein Fried­hof­wär­ter umher. Ein Mann, der sich der ange­rück­ten Pres­se ungern vor­stellt, der sich dann bei der ers­ten Gele­gen­heit ohne ein Wort des Abschieds ver­drückt. Er ist Voll­zeit­mit­ar­bei­ter der Stadt, für die Ord­nung ver­ant­wort­lich. Bau­amts­lei­ter Huber: „Der Fried­hofs­auf­se­her ist für die Pfle­ge des Ruhe-Chris­­ti-Frie­d­hofs zustän­dig, betreut und koor­di­niert aber auch die Arbei­ten auf den wei­te­ren städ­ti­schen Fried­hö­fen (zehn ins­ge­samt).“

Dass auf dem Fried­hof Ord­nung herrscht – und wenn nicht: dass sie von Amts wegen ein­ge­for­dert wird mit aller Dring- und Deut­lich­keit, die ein Amt eben auf­brin­gen kann –, beweist ein der NRWZ vor­lie­gen­der Brief der Lei­te­rin der Fried­hofs­ver­wal­tung bei der Stadt Rott­weil (ein Job übri­gens, an dem es zu stän­di­gen Wech­seln kom­men soll, wie man hört). Michè­le van Horen­beek schreibt an eine Ange­hö­ri­ge, sie habe das „Nut­zungs­recht“ an einem im Betreff genann­ten Grab. „Damit obliegt Ihnen nach Para­graf 24 Absatz 6 der Fried­hofs­ord­nung der Stadt Rott­weil die Pflicht, das Grab zu pfle­gen.“

In dem Schrei­ben wird die Brief­emp­fän­ge­rin belehrt, deren Mann auf dem Ruhe-Chris­­ti-Frie­d­hof beer­digt wor­den ist und der nun als „Letzt­ver­stor­be­ner“ auf der benann­ten Grab­stät­te gilt: Es sei­en nur Grab­ein­fas­sun­gen aus leben­den Pflan­zen zuge­las­sen. Dazu fett­ge­druckt: „Schritt­plat­ten und Kies vor und zwi­schen den Grab­stei­nen sind nicht zuge­las­sen.“

Van Horen­beek meint „Grab­stät­ten“, nicht „-stei­nen“, so steht es auch in er Fried­hofs­ord­nung, was einen erheb­li­chen Unter­schied aus­macht. Denn genau dort­hin schüt­ten die von der Stadt beauf­trag­ten Bau­ar­bei­ter den Kies. Vom Weg direkt ran an die Grab­stät­ten, sodass er teils in sie hin­ein­wan­dert, und, wenn die Grab­stel­len tie­fer als der neue Weg lie­gen, dann auch dazwi­schen. Eine Ant­wort dar­auf, war­um die Ver­wal­tung etwas darf, was die „Inha­ber des Nut­zungs­rechts an einer Grab­stät­te“ nicht dür­fen, hat die NRWZ nicht bekom­men.

Kommentar

Idyl­le kon­tra Effi­zi­enz

Ein Fried­hof ist ein Ort der Ruhe. Er ist des­halb nicht nur ein Anzie­hungs­punkt für Ange­hö­ri­ge, son­dern bie­tet auch auch Raum für besinn­li­che Spa­zier­gän­ge.

Auf dem Ruhe-Chris­­ti-Frie­d­hof in Rott­weil ist es mit die­ser Idyl­le zur­zeit nicht weit her. Das schon wegen der Bau­ma­schi­nen, die dort – um die nöti­gen Arbei­ten ver­se­hen zu kön­nen – im Ein­satz sind. Manch eine Grab­stel­le ist von den Arbei­ten schlimm in Mit­lei­den­schaft gezo­gen wor­den. So stö­ren die Maschi­nen auch die Ruhe, wenn sie längst aus sind.

Es ist ein Unding: Die Men­schen besu­chen ein Grab und müs­sen dann kaput­te und nie­der­ge­walz­te Pflan­zen sehen. Und sie müs­sen ertra­gen, dass jemand mit einem Rad­la­der über das Grab des lie­ben Ver­stor­be­nen gerollt ist. Selbst bei einem kürz­lich erst beer­dig­ten, nam­haf­ten Rott­wei­ler Bür­ger: Rei­fen­spu­ren im Stoff von Kranz­schlei­fen. Beschä­mend!

Außer­dem wird der Fried­hof durch die Bau­ar­bei­ten mehr und mehr zu einem lich­ten Park­ge­län­de, bleibt nicht mehr der lau­schi­ge, dich­te Ort, der er mal war. Mit sei­nen gewun­de­nen, teils wel­li­gen Wegen, die aber natür­lich waren, nicht nach Sche­ma f wie fat­zen­ge­ra­de.

Es gibt Befür­wor­ter die­ses Groß­put­zes auf dem Fried­hof, die sagen, dass die Wege nun bes­ser begeh­bar sei­en. Aber es gibt auch Men­schen, die die ver­schwun­de­ne Idyl­le ver­mis­sen.
Gel­ten las­sen könn­te man das Argu­ment, dass der Fried­hof künf­tig vom Bau­hof leich­ter zu pfle­gen sei: Die städ­ti­schen Mit­ar­bei­ter müs­sen die Rasen­stü­cke, die es frü­her zwi­schen Wegen und Grab­stät­ten gege­ben hat­te, nicht mehr mähen. Jetzt liegt dort Kies. Die Idyl­le ist damit aber der Effi­zi­enz geop­fert wor­den.

Und rich­tig unsin­nig wird es, wenn die Stadt vor­schreibt, das Grab von Kies frei­zu­hal­ten – und selbst den­sel­ben ran­schüt­ten lässt. Das ist nicht nach­voll­zieh­bar.

Im Übri­gen: Nicht nur der Fried­hof ist eine Bau­stel­le. Auch die Fried­hofs­ord­nung ist eine. Para­graf 24 Absatz 6, in unse­rem Bericht zitiert, ver­weist bei der Suche nach der Ver­ant­wort­lich­keit für die Grab­stät­ten ins Lee­re. Der dort erwähn­te Para­graf 21 Absatz 1 beschäf­tigt sich näm­lich mit der Stand­si­cher­heit von Grab­ma­len. Erst Para­graf 22 Absatz 1 klärt tat­säch­lich die Zustän­dig­keit. Gott­sei­dank ein Feh­ler, den die Ver­wal­tung gemacht hat, nicht ein Bür­ger …

Peter Arn­eg­ger

 

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