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Sonntag, 23. Februar 2020

Wie der Turm nach Rottweil kam und wer die Idee zur Hängebrücke hatte

Hintergrund: Eine Rekonstruktion der die Entstehunsgeschichte der beiden Rottweiler Jahrhundert-Projekte

Der Turm steht, eine Frage bleibt. Sie kursiert bei Beobachtern aus nah und fern, nicht zuletzt in konkurrierenden Städten: Warum hat der Essener Konzern thyssenkrupp seinen Testturm ausgerechnet in Rottweil gebaut, „im Niemandsland”, wie die Süddeutsche Zeitung aus München formulierte? Im Anschluss drängt sich eine zweite Frage auf: Wer hatte die Idee zur „längsten Fußgänger-Hängebrücke der Welt”?

Gespräche mit Beteiligten zeigen, dass zunächst glückliche Umstände und Zufälle mitspielten, dass aber mehr noch die Entschlossenheit und Hartnäckigkeit der handelnden Personen zum Erfolg führten.

Alles fing im Spätsommer 2011 an, wie Oberbürgermeister Ralf Broß berichtet, da sei es zu ersten Kontakten gekommen. „Damals sei ein Vertreter von thyssenkrupp ins Rathaus gekommen, „um mal vorzufühlen”. Die Pläne über einen Testturm hätten sich „utopisch” angehört, trotzdem sei die Stadtverwaltung dem Projekt aufgeschlossen gegenüber gestanden und habe „die Möglichkeiten einer Realisierung geprüft”. Bei einem weiteren Gespräch im Dezember 2012 sei dann klar geworden, „dass die Vision konkreter wird”. Trotzdem lief alles auf Bitte von thyssenkrupp unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Nach den Erfahrungen von Stuttgart 21 fürchtete der Konzern Bürgerproteste und Negativ-Schlagzeilen.

thyssenkrupp suchte weltweit. Als die Entscheidung über den Standort des Testturms nahte, ging der Trend zunächst klar in Richtung Ausland, vorzugsweise China. Ein entscheidendes Argument neben Angst vor „Wutbürgern” waren die Kosten. Wenn es überhaupt Optionen in Deutschland gab, dann irgendwo in Nordrhein-Westfalen, zum Beispiel Köln, berichtet Alexander Keller, damals Europa-Chef der Aufzugssparte im Konzern. Er plädierte indessen mutig für Baden-Württemberg. Doch Neuhausen auf den Fildern, Entwicklungssitz der Aufzugssparte, schied wegen des nahen Flughafens aus.

Der Weg zum Turm

Die Reihe der glücklichen Fügungen fing damit an, dass Alexander Keller aus Schömberg stammt und in Epfendorf wohnt. Deshalb fiel sein Blick bald auf die Heimat, zumal Daimler in Immendingen bereits ein riesiges Testzentrum „an der Entwicklungsachse Stuttgart-Zürich” plante, so ein Hilfsargument Kellers. „Da brach mein Lokalpatriotismus durch”, sagt er, „ich habe alles auf eine Karte gesetzt, was es mir im Konzern nicht immer einfach machte.” Es war die Karte Rottweil.

Und es war Keller gewesen, der nach eigenen Worten Ende 2011 seine „Truppe” zum OB vorgeschickt hatte und der in der Folge Alfons Bürk aktivierte. Bürk wurde dann offiziell „Projekt-Beauftragter” von thyssenkrupp.

Der OB hielt Wort und behandelte das Projekt bis zum Schluss streng vertraulich. Dazu verdonnerte er auch die Fraktionssprecher, die er Anfang 2013 unterrichtete. Erst Mitte April erfuhr der Gemeinderat in nichtöffentlicher Sitzung offiziell davon, am Tag darauf wurde die Öffentlichkeit per Pressekonferenz informiert.

Mit Alfons Bürks Amtsantritt fingen die Probleme erst an. Als sich das Grundstück im Neckartal wegen des Untergrunds als ungeeignet erwies, drohte das Projekt zu scheitern. „Heute müssen wir gottfroh sein“, sagt Keller, „dass es mit dem Neckartal nicht geklappt hat.“ Es sollte nicht das einzige Mal sein, obwohl Bürk gleichsam über Nacht das Berner Feld als Ersatzlösung aus dem Hut zog. Vor allem die Kosten erwiesen sich als Hindernis. „Der Druck war gigantisch”, erinnert sich Keller. Die erste Ausschreibung ergab 80 Millionen Euro – „undenkbar angesichts des mit fast fünf Milliarden Euro verschuldeten Konzerns”, sagt Keller. Die Idee eines mehrstufigen Bieterverfahrens erwies sich als Rettung. Das führte zur Halbierung auf 40 Millionen Euro. Doch in Essen herrschten weiter Bedenken und Misstrauen: Rottweil – ob das gut geht?

„Wir haben daran geglaubt und waren eine verschworene Gemeinschaft. Es war ja für alle etwas völlig Neues und es lief alles in Hochgeschwindigkeit”, sagt Bürk und fügt hinzu, das gelte für alle Beteiligten – von den thyssenkrupp-Beschäftigten über Mitarbeiter des Generalunternehmers Züblin und dem Beton-Lieferanten bis hin zur Stadtverwaltung. „Der Oberbürgermeister musste natürlich am Anfang politische Rücksichten nehmen”, sagt Alexander Keller, „aber an seinen blitzenden Augen habe ich gesehen, wie sehr ihm die Sache gefällt.” Alfons Bürk sagt es deutlicher: „Der OB war begeistert und hat seinen Teil beigetragen. Ohne seine Unterstützung wäre es nicht gegangen.” Sicher ist, dass Broß dann in der Öffentlichkeit für den Turm gekämpft hat – ebenso wie später für die Brücke.

Über die Rolle von Alfons Bürk sagt Keller: „Er hat uns in vielerlei Hinsicht den Weg bereitet.” Das beschreibt Bürks Einfluss nur unvollständig. Er war Ideengeber, Motivator, unermüdlicher Netzwerker und als Rottweil-Insider Bindeglied zwischen den verschiedenen Partnern. Und er hatte deshalb tiefe Einblicke in alle Bereiche und kommt so zu einem eindeutigen Urteil: „Wir haben den Turm Alexander Keller zu verdanken. Ohne ihn gäbe es dieses einzigartige Projekt hier nicht.”

„Es gibt viele Väter”, sagt Keller und hebt dann einen besonders heraus: den verstorbenen Bürgermeister Werner Guhl. „Er hat das Gras wachsen hören und alles gegeben.” Es gibt Beobachter, die behaupten, ohne Guhls Einsatz wäre es noch gescheitert.
Unisono und unabhängig voneinander erklären Keller und Bürk: „Das Fenster zum Bau des Testturms war nur einen kleinen Spalt und ganz kurz offen. Zum Glück haben wir die Gunst der Stunden genutzt. Heute wäre das wahrscheinlich nicht mehr möglich.”

Der Weg zur Hängebrücke

Noch während des Turmbaus liefen bereits Überlegungen für eine Brücke. „In der Stadtverwaltung gab es von Anfang an Pläne, den Turm mit der Innenstadt zu verbinden”, sagt Broß. „Von unserem Wirtschaftsförderer André Lomsky stammt von damals die Idee eines Skywalks.” Es kam dann offenbar zu parallelen Initiativen, bei denen sich Lomsky engagiert einbrachte. Am konkretesten handelten Dieter Albrecht, Dr. Martin Hielscher und Dr. Peter Schellenberg, alles Mitglieder der Freien Wähler. Ihnen schwebte „die längste Doppelseil-Rutsche der Welt” mit 1,1 Kilometer vom Turm zum Bockshof vor. Doch als sich herausstellte, dass der Start nur in einer Höhe von 70 Meter vom Turm aus möglich wäre und Star-Architekt Helmut Jahn das strikt ablehnte, dachten sie um und ließen die Möglichkeiten einer Hängebrücke durchplanen und -rechnen. Erst als ihnen klar wurde, dass sie das als Privatleute finanziell nicht stemmen konnten, gaben Albrecht, Hielscher und Schellenberg auf.

Derweil machte sich auch Oberpolier Thomas Glunk von Züblin Gedanken und nahm Kontakt zu seinem ehemaligen Kollegen Martin Kathrein auf, der sich inzwischen selbstständig gemacht und in Reutte/Tirol die längste Fußgänger-Hängebrücke der Welt gebaut hatte.

Und dann kam wieder der umtriebige und gewiefte Netzwerker Alfons Bürk ins Spiel. Günter Eberhardt, der mit seiner Firma den Betonturm in Gleitschalung hochzog, erinnert sich noch genau: Er hatte Bürk auf sein „Hobby Immobilien” angesprochen und gefragt, ob er ein gutes Objekt in Rottweil wisse. Dann ergab es sich eines Nachts im Juni 2015 zufällig, dass Bürk und Eberhardt gemeinsam von der Baustelle in die Stadt fuhren, ins Gespräch kamen und Bürk vorschlug, der Unternehmer aus Oberschwaben könnte doch sein Geld in eine Fußgänger-Hängebrücke investieren.

Im Januar 2016 kam Bürk darauf zurück und lud Eberhardt kurzfristig zu einem Gespräch ins Rathaus ein. Eberhardt sagte spontan zu und brachte seinen Berater mit. Mit dabei neben Bürk waren auch Oberpolier Glunk von Züblin, Wirtschaftsförderer Lomsky, Gudrun Müller, persönliche Referentin des OB, und Martin Kathrein, der Brückenbauer von Reutte, der seine Pläne für Rottweil präsentierte.

„Der Abend endete gemeinsam” in der Pizzeria Delfino. „Es herrschte eine gute Stimmung, wir waren ein gutes Team, schwärmt Eberhardt. Man vereinbarte, wenige Tage später, an einem Samstag, nach Reutte zu fahren. Davon ließen sich „die Brücken-Pioniere”, wie Eberhardt sie nennt, auch von der Warnung vor 40 Zentimeter Neuschnee nicht abhalten. Und danach stand seine Entscheidung fest: Günter Eberhardt gab sein Ja als Investor für die längste Fußgänger-Hängebrücke der Welt.

Bis dahin hatte er noch nicht mit Oberbürgermeister Broß gesprochen, der prompt beim Neujahrsempfang die Pläne für die Brücke verkündete – ohne die Zusage des Investors zu haben, wie Kenner behaupten. Broß bestreitet das und betont, er sei stets von seinen Mitarbeitern auf dem Laufenden gehalten worden. Ja, sagt Eberhardt, Gudrun Müller, die persönliche Referentin, habe bei den Verhandlungen eine sehr ermutigende, konstruktive Rolle gespielt. „Sie war so etwas wie die gute Fee.”

Noch im Januar 2016 wurden das Projekt und der Investor zuerst im Gemeinderat und dann bei einer Pressekonferenz offiziell vorgestellt. „Da habe ich Herrn Broß zum ersten Mal getroffen”, sagt Eberhardt und fügt hinzu: „Ich hatte dann die volle Unterstützung des OB.”

 

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