„Die Brücken-Pioniere”, wie Investor Günter Eberhardt sie nennt, bei ihrer ersten Exkursion nach Reutte (von links): Züblin-Projektleiter Glunk, Brückenbauer Kathrein, Berater Sieber, Eberhardt, Projekt-Beauftragter Bürk, Eberhardt-Mitarbeiter Hoch, Wirtschaftsförderer Lomsky. Foto: privat

Der Turm steht, eine Fra­ge bleibt. Sie kur­siert bei Beob­ach­tern aus nah und fern, nicht zuletzt in kon­kur­rie­ren­den Städ­ten: War­um hat der Esse­ner Kon­zern Thys­sen-Krupp sei­nen Test­turm aus­ge­rech­net in Rott­weil gebaut, „im Nie­mands­land”, wie die Süd­deut­sche Zei­tung aus Mün­chen for­mu­lier­te? Im Anschluss drängt sich eine zwei­te Fra­ge auf: Wer hat­te die Idee zur „längs­ten Fuß­gän­ger-Hän­ge­brü­cke der Welt”?

Gesprä­che mit Betei­lig­ten zei­gen, dass zunächst glück­li­che Umstän­de und Zufäl­le mit­spiel­ten, dass aber mehr noch die Ent­schlos­sen­heit und Hart­nä­ckig­keit der han­deln­den Per­so­nen zum Erfolg führ­ten.

Alles fing im Spät­som­mer 2011 an, wie Ober­bür­ger­meis­ter Ralf Broß berich­tet, da sei es zu ers­ten Kon­tak­ten gekom­men. „Damals sei ein Ver­tre­ter von Thys­sen-Krupp ins Rat­haus gekom­men, „um mal vor­zu­füh­len”. Die Plä­ne über einen Test­turm hät­ten sich „uto­pisch” ange­hört, trotz­dem sei die Stadt­ver­wal­tung dem Pro­jekt auf­ge­schlos­sen gegen­über gestan­den und habe „die Mög­lich­kei­ten einer Rea­li­sie­rung geprüft”. Bei einem wei­te­ren Gespräch im Dezem­ber 2012 sei dann klar gewor­den, „dass die Visi­on kon­kre­ter wird”. Trotz­dem lief alles auf Bit­te von Thys­sen-Krupp unter dem Sie­gel der Ver­schwie­gen­heit. Nach den Erfah­run­gen von Stutt­gart 21 fürch­te­te der Kon­zern Bür­ger­pro­tes­te und Nega­tiv-Schlag­zei­len.

Thys­sen-Krupp such­te welt­weit. Als die Ent­schei­dung über den Stand­ort des Test­turms nah­te, ging der Trend zunächst klar in Rich­tung Aus­land, vor­zugs­wei­se Chi­na. Ein ent­schei­den­des Argu­ment neben Angst vor „Wut­bür­gern” waren die Kos­ten. Wenn es über­haupt Optio­nen in Deutsch­land gab, dann irgend­wo in Nord­rhein-West­fa­len, zum Bei­spiel Köln, berich­tet Alex­an­der Kel­ler, damals Euro­pa-Chef der Auf­zugs­spar­te im Kon­zern. Er plä­dier­te indes­sen mutig für Baden-Würt­tem­berg. Doch Neu­hau­sen auf den Fil­dern, Ent­wick­lungs­sitz der Auf­zugs­spar­te, schied wegen des nahen Flug­ha­fens aus.

Der Weg zum Turm

Die Rei­he der glück­li­chen Fügun­gen fing damit an, dass Alex­an­der Kel­ler aus Schöm­berg stammt und in Epfen­dorf wohnt. Des­halb fiel sein Blick bald auf die Hei­mat, zumal Daim­ler in Immen­din­gen bereits ein rie­si­ges Test­zen­trum „an der Ent­wick­lungs­ach­se Stutt­gart-Zürich” plan­te, so ein Hilfs­ar­gu­ment Kel­lers. „Da brach mein Lokal­pa­trio­tis­mus durch”, sagt er, „ich habe alles auf eine Kar­te gesetzt, was es mir im Kon­zern nicht immer ein­fach mach­te.” Es war die Kar­te Rott­weil.

Und es war Kel­ler gewe­sen, der nach eige­nen Wor­ten Ende 2011 sei­ne „Trup­pe” zum OB vor­ge­schickt hat­te und der in der Fol­ge Alfons Bürk akti­vier­te. Bürk wur­de dann offi­zi­ell „Pro­jekt-Beauf­trag­ter” von Thys­sen-Krupp.

Der OB hielt Wort und behan­del­te das Pro­jekt bis zum Schluss streng ver­trau­lich. Dazu ver­don­ner­te er auch die Frak­ti­ons­spre­cher, die er Anfang 2013 unter­rich­te­te. Erst Mit­te April erfuhr der Gemein­de­rat in nicht­öf­fent­li­cher Sit­zung offi­zi­ell davon, am Tag dar­auf wur­de die Öffent­lich­keit per Pres­se­kon­fe­renz infor­miert.

Mit Alfons Bürks Amts­an­tritt fin­gen die Pro­ble­me erst an. Als sich das Grund­stück im Neckar­tal wegen des Unter­grunds als unge­eig­net erwies, droh­te das Pro­jekt zu schei­tern. „Heu­te müs­sen wir gott­froh sein“, sagt Kel­ler, „dass es mit dem Neckar­tal nicht geklappt hat.“ Es soll­te nicht das ein­zi­ge Mal sein, obwohl Bürk gleich­sam über Nacht das Ber­ner Feld als Ersatz­lö­sung aus dem Hut zog. Vor allem die Kos­ten erwie­sen sich als Hin­der­nis. „Der Druck war gigan­tisch”, erin­nert sich Kel­ler. Die ers­te Aus­schrei­bung ergab 80 Mil­lio­nen Euro – „undenk­bar ange­sichts des mit fast fünf Mil­li­ar­den Euro ver­schul­de­ten Kon­zerns”, sagt Kel­ler. Die Idee eines mehr­stu­fi­gen Bie­ter­ver­fah­rens erwies sich als Ret­tung. Das führ­te zur Hal­bie­rung auf 40 Mil­lio­nen Euro. Doch in Essen herrsch­ten wei­ter Beden­ken und Miss­trau­en: Rott­weil – ob das gut geht?

Wir haben dar­an geglaubt und waren eine ver­schwo­re­ne Gemein­schaft. Es war ja für alle etwas völ­lig Neu­es und es lief alles in Hoch­ge­schwin­dig­keit”, sagt Bürk und fügt hin­zu, das gel­te für alle Betei­lig­ten – von den Thys­sen-Krupp-Beschäf­tig­ten über Mit­ar­bei­ter des Gene­ral­un­ter­neh­mers Züb­lin und dem Beton-Lie­fe­ran­ten bis hin zur Stadt­ver­wal­tung. „Der Ober­bür­ger­meis­ter muss­te natür­lich am Anfang poli­ti­sche Rück­sich­ten neh­men”, sagt Alex­an­der Kel­ler, „aber an sei­nen blit­zen­den Augen habe ich gese­hen, wie sehr ihm die Sache gefällt.” Alfons Bürk sagt es deut­li­cher: „Der OB war begeis­tert und hat sei­nen Teil bei­getra­gen. Ohne sei­ne Unter­stüt­zung wäre es nicht gegan­gen.” Sicher ist, dass Broß dann in der Öffent­lich­keit für den Turm gekämpft hat – eben­so wie spä­ter für die Brü­cke.

Über die Rol­le von Alfons Bürk sagt Kel­ler: „Er hat uns in vie­ler­lei Hin­sicht den Weg berei­tet.” Das beschreibt Bürks Ein­fluss nur unvoll­stän­dig. Er war Ide­en­ge­ber, Moti­va­tor, uner­müd­li­cher Netz­wer­ker und als Rott­weil-Insi­der Bin­de­glied zwi­schen den ver­schie­de­nen Part­nern. Und er hat­te des­halb tie­fe Ein­bli­cke in alle Berei­che und kommt so zu einem ein­deu­ti­gen Urteil: „Wir haben den Turm Alex­an­der Kel­ler zu ver­dan­ken. Ohne ihn gäbe es die­ses ein­zig­ar­ti­ge Pro­jekt hier nicht.”

Es gibt vie­le Väter”, sagt Kel­ler und hebt dann einen beson­ders her­aus: den ver­stor­be­nen Bür­ger­meis­ter Wer­ner Guhl. „Er hat das Gras wach­sen hören und alles gege­ben.” Es gibt Beob­ach­ter, die behaup­ten, ohne Guhls Ein­satz wäre es noch geschei­tert.
Uni­so­no und unab­hän­gig von­ein­an­der erklä­ren Kel­ler und Bürk: „Das Fens­ter zum Bau des Test­turms war nur einen klei­nen Spalt und ganz kurz offen. Zum Glück haben wir die Gunst der Stun­den genutzt. Heu­te wäre das wahr­schein­lich nicht mehr mög­lich.”

Der Weg zur Hängebrücke

Noch wäh­rend des Turm­baus lie­fen bereits Über­le­gun­gen für eine Brü­cke. „In der Stadt­ver­wal­tung gab es von Anfang an Plä­ne, den Turm mit der Innen­stadt zu ver­bin­den”, sagt Broß. „Von unse­rem Wirt­schafts­för­de­rer André Lom­sky stammt von damals die Idee eines Sky­walks.” Es kam dann offen­bar zu par­al­le­len Initia­ti­ven, bei denen sich Lom­sky enga­giert ein­brach­te. Am kon­kre­tes­ten han­del­ten Die­ter Albrecht, Dr. Mar­tin Hiel­scher und Dr. Peter Schel­len­berg, alles Mit­glie­der der Frei­en Wäh­ler. Ihnen schweb­te „die längs­te Dop­pel­seil-Rut­sche der Welt” mit 1,1 Kilo­me­ter vom Turm zum Bocks­hof vor. Doch als sich her­aus­stell­te, dass der Start nur in einer Höhe von 70 Meter vom Turm aus mög­lich wäre und Star-Archi­tekt Hel­mut Jahn das strikt ablehn­te, dach­ten sie um und lie­ßen die Mög­lich­kei­ten einer Hän­ge­brü­cke durch­pla­nen und -rech­nen. Erst als ihnen klar wur­de, dass sie das als Pri­vat­leu­te finan­zi­ell nicht stem­men konn­ten, gaben Albrecht, Hiel­scher und Schel­len­berg auf.

Der­weil mach­te sich auch Ober­po­lier Tho­mas Glunk von Züb­lin Gedan­ken und nahm Kon­takt zu sei­nem ehe­ma­li­gen Kol­le­gen Mar­tin Kathrein auf, der sich inzwi­schen selbst­stän­dig gemacht und in Reutte/Tirol die längs­te Fuß­gän­ger-Hän­ge­brü­cke der Welt gebaut hat­te.

Und dann kam wie­der der umtrie­bi­ge und gewief­te Netz­wer­ker Alfons Bürk ins Spiel. Gün­ter Eber­hardt, der mit sei­ner Fir­ma den Beton­turm in Gleit­scha­lung hoch­zog, erin­nert sich noch genau: Er hat­te Bürk auf sein „Hob­by Immo­bi­li­en” ange­spro­chen und gefragt, ob er ein gutes Objekt in Rott­weil wis­se. Dann ergab es sich eines Nachts im Juni 2015 zufäl­lig, dass Bürk und Eber­hardt gemein­sam von der Bau­stel­le in die Stadt fuh­ren, ins Gespräch kamen und Bürk vor­schlug, der Unter­neh­mer aus Ober­schwa­ben könn­te doch sein Geld in eine Fuß­gän­ger-Hän­ge­brü­cke inves­tie­ren.

Im Janu­ar 2016 kam Bürk dar­auf zurück und lud Eber­hardt kurz­fris­tig zu einem Gespräch ins Rat­haus ein. Eber­hardt sag­te spon­tan zu und brach­te sei­nen Bera­ter mit. Mit dabei neben Bürk waren auch Ober­po­lier Glunk von Züb­lin, Wirt­schafts­för­de­rer Lom­sky, Gud­run Mül­ler, per­sön­li­che Refe­ren­tin des OB, und Mar­tin Kathrein, der Brü­cken­bau­er von Reut­te, der sei­ne Plä­ne für Rott­weil prä­sen­tier­te.

Der Abend ende­te gemein­sam” in der Piz­ze­ria Del­fi­no. „Es herrsch­te eine gute Stim­mung, wir waren ein gutes Team, schwärmt Eber­hardt. Man ver­ein­bar­te, weni­ge Tage spä­ter, an einem Sams­tag, nach Reut­te zu fah­ren. Davon lie­ßen sich „die Brü­cken-Pio­nie­re”, wie Eber­hardt sie nennt, auch von der War­nung vor 40 Zen­ti­me­ter Neu­schnee nicht abhal­ten. Und danach stand sei­ne Ent­schei­dung fest: Gün­ter Eber­hardt gab sein Ja als Inves­tor für die längs­te Fuß­gän­ger-Hän­ge­brü­cke der Welt.

Bis dahin hat­te er noch nicht mit Ober­bür­ger­meis­ter Broß gespro­chen, der prompt beim Neu­jahrs­emp­fang die Plä­ne für die Brü­cke ver­kün­de­te – ohne die Zusa­ge des Inves­tors zu haben, wie Ken­ner behaup­ten. Broß bestrei­tet das und betont, er sei stets von sei­nen Mit­ar­bei­tern auf dem Lau­fen­den gehal­ten wor­den. Ja, sagt Eber­hardt, Gud­run Mül­ler, die per­sön­li­che Refe­ren­tin, habe bei den Ver­hand­lun­gen eine sehr ermu­ti­gen­de, kon­struk­ti­ve Rol­le gespielt. „Sie war so etwas wie die gute Fee.”

Noch im Janu­ar 2016 wur­den das Pro­jekt und der Inves­tor zuerst im Gemein­de­rat und dann bei einer Pres­se­kon­fe­renz offi­zi­ell vor­ge­stellt. „Da habe ich Herrn Broß zum ers­ten Mal getrof­fen”, sagt Eber­hardt und fügt hin­zu: „Ich hat­te dann die vol­le Unter­stüt­zung des OB.”