„Wir haben Opfer gebracht“ – Veranstalter greifen Politik wegen fehlender Perspektiven an

„Wir haben Opfer gebracht“ – Veranstalter greifen Politik wegen fehlender Perspektiven an

„Es ist für mich nicht nachvollziehbar, warum es nicht möglich ist, wieder zur Normalität zurückzukehren.“ Das sagt Mike Wutta, Geschäftsführer der trend factory Rottweil und als Veranstalter von mehr als 180 Events im Jahr Profi in seinem Fach. Seine Branche habe Opfer gebracht, sagt er, werde nun aber an der kurzen Leine gehalten. Öffnungsperspektiven: Null. Das bestätigt das Forum Veranstaltungswirtschaft, der Dachverband der sechs maßgeblichen Verbände des Wirtschaftsbereichs in Deutschland. Auch Jens von Stamm ist sauer. Den Betreiber der Rottweiler Markthalle stresst die im Landkreis Rottweil um die Unglückszahl 50 pendelnde Inzidenz. Und das ist wieder ein Reizwort für Wutta, der zudem erklärt, die Politik habe sich in einem Labyrinth verlaufen und finde nicht raus. Doch der Reihe nach.

„In der Ministerpräsidentenkonferenz waren sich die Verantwortlichen in einem Punkt einig: Eine Entscheidung zur Festlegung von bundeseinheitlichen Rahmenbedingungen für Veranstaltungen und eine längst überfällige Öffnungsperspektive sind weder dringend noch notwendig.“ Die Veranstalter, die 2020 die Ersten waren, die ihre Arbeitsgrundlage verloren haben und die nach aktuellem Stand die Letzten sein werden, die sie wieder aufnehmen dürfen, wissen sich offenbar nur mit Sarkasmus zu helfen. Der Satz stammt aus einer Pressemitteilung des Forums Veranstaltungswirtschaft, das Verbände aus dem Bereich Events und Messen vertritt. So geht die Mitteilung weiter: „Damit haben alle Beteiligten deutlich gemacht, dass für sie die persönliche Begegnung von Menschen bei Veranstaltungen in der Reihe der Öffnungsschritte ganz am Ende steht.“

Laut dem Forum Veranstaltungswirtschaft ist der Beschluss transparenter Rahmenbedingungen für Großveranstaltungen ein weiteres Mal vertagt worden – wobei die Politik bereits Veranstaltungen mit mehr als 1000 Menschen als sogenannte Großveranstaltung betrachtet. „Staatliches Handeln muss verhältnismäßig und für den Bürger nachvollziehbar sein“, sagt Prof. Jens Michow, Präsident des Bundesverbandes der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft. „Mangelt es an dieser Voraussetzung, handelt der Staat rechtswidrig und macht sich angreifbar.“ Michow übertreibt damit zwar ein wenig, denn der sogenannte Verhältnismäßigkeitsgrundsatz, auf den er sich mutmaßlich bezieht, ist kein Gesetz, vielmehr ein ungeschriebener Teil des Rechtsstaatsprinzips. Aber er sagt aus, dass der Staat nicht härter durchgreifen dürfe als erforderlich. Und, dass die gewählten staatlichen Mittel legal, erforderlich und angemessen sein sollen. Auch in der Abwägung gegen die Grundrechte der Bürger, die der Staat einschränkt.

Die Veranstaltungswirtschaft fordert nach eigenen Angaben seit Monaten klare bundeseinheitliche gesetzliche Rahmenbedingungen. „Nur so wären Veranstaltungen endlich wieder möglich und planbar. Die Genehmigung könnte unter Berücksichtigung möglicher Gefährdungen und entsprechender Schutzmaßnahmen erfolgen. Damit wären die Voraussetzungen für die Durchführung von Veranstaltungen für alle Beteiligten nachvollziehbar und Veranstaltungen auch ohne Abstandsregeln durchführbar“, schreibt das Forum Veranstaltungswirtschaft. Der Dachverband hatte im Februar 2021 eine entsprechende Genehmigungsmatrix vorgestellt. Diese Matrix sieht detaillierte Öffnungsschritte vor, gliedert sich in Veranstaltungen drinnen und draußen und wäre im September 2021 so weit, dass wir alle wieder feiern können. Hier ist sie einsehbar.

Die Veranstalter haben also angeboten, nur den drei Gs, also Geimpften, Getesteten und Genesenen den Besuch von Konzerten, Tagungen und sonstigen Events zu ermöglichen. In anderen Bereichen geht das, siehe Freibad Rottweil:

„Damit würden Veranstaltungen sogar infektionssicherer als jedes Kaufhaus oder öffentliche Verkehrsmittel. Die Branche könnte damit dazu beitragen, dass sich Menschen testen lassen, die dazu ansonsten keine Veranlassung sehen“, sagt Timo Feuerbach, Geschäftsführer des Europäischen Verbands der Veranstaltungs-Centren. Doch selbst zu diesem Angebot habe man bisher keinerlei Stellungnahme erhalten.

Ministerpräsidentenkonferenz und Bundesregierung gefährdeten die Zukunft der Veranstaltungswirtschaft, von Millionen von Arbeitsplätzen, und stießen zudem eine unnötige Grundsatzdiskussion zur Tauglichkeit des Föderalismus in Krisenzeiten an, erklärt das Forum Veranstaltungswirtschaft, scharf im Ton. „Es kann nicht sein, dass der sechstgrößte Wirtschaftszweig mit seinen zehntausenden kleinen und großen Unternehmen derart hintanstehen muss. Die Dringlichkeit für eine wirkliche Perspektive sollte den Verantwortlichen nach weit über einem Jahr Lockdown bewusst sein. Veranstaltungen haben teils sehr lange Vorlaufzeiten. Wir benötigen daher jetzt verlässliche Vorgaben, um erfolgreich aus der Krise zu kommen“, sagt Marcus Pohl, Vorstand der Interessengemeinschaft der selbstständigen Dienstleisterinnen und Dienstleister in der Veranstaltungswirtschaft.

Zusammenfassend kann man sagen: Die Veranstalter haben ein Jahr lang stillgehalten. Jetzt reicht’s. Während sich die Innenstädte wieder beleben, Außengastronomie erlaubt ist, die Menschen allmählich zum Alltag vor Corona zurückkehren, haben sie noch keinerlei Informationen darüber erhalten, wie es für sie weitergehen soll. Und wann.

„Es fehlt vonseiten der Politik jegliche Perspektive für unsere Branche“, sagt trend factory-Geschäftsführer Mike Wutta auf Nachfrage der NRWZ. „Es gibt keine Aussage zu dem Thema, was Grundlagen sind, wann man wieder Veranstaltungen ohne Abstand, Maske und Besucherzahl-Begrenzungen machen kann. Nicht einmal, was sinnvolle Öffnungsschritte dahin sind.“ Wutta und sein Co. Thomas Wenger haben 2020 schon intern umgebaut, setzen auf virtuelle und hybride Events, nennen das „digitale Alternativen“ und sind nach eigenen Angaben auch damit erfolgreich. „Aber allen fehlt der Anteil des Live-Treffens“, so Wutta. 

Er ergänzt:

Es ist für mich nicht nachvollziehbar, warum es nicht möglich, ist wieder zur Normalität zurückzukehren, wenn man beim Zugang nur getestete, geimpfte oder genesene Personen zulässt und dies zudem digital über Luca oder CWA dokumentiert. Bis ins Frühjahr 2021 konnte ich persönlich die Maßnahmen mittragen – jetzt ist es für mich nicht mehr nachvollziehbar. Wir haben einen Impfstoff, wir haben Tests und wir haben digitale Lösungen – aber es gibt  Regeln, die strenger sind als die im vergangenen Jahr. Man klammert sich an die Inzidenz, anstatt andere Parameter wie Intensivbettenbelegung oder die Anzahl der schweren Verläufe und so weiter mit in die Gesamtbetrachtung einfließen zu lassen.

Der anfangs so viel diskutierte Schutz der vulnerablen Gruppen sollte inzwischen bald stattgefunden haben. Aus meiner Sicht sollten alle Maßnahmen / Restriktionen fallen, sobald es ein Impfangebot für alle in der Bevölkerung gibt. Dann muss die Verantwortung wieder von der Politik auf jeden Einzelnen übergehen. Zudem ist das Leben im Allgemeinen eben nicht risikofrei. 

Mike Wutta, Geschäftsführer, trend factory marketing & veranstaltungs GmbH

Wutta bestätigt, dass die Politik auf die vom Verband vorgelegte Öffnungsmatrix nicht reagiert habe. Der Rottweiler ist Gründungsmitglied des Verbands Messe- und Veranstaltungswirtschaft Baden-Württemberg. Diese Initiative hat sich zum Ziel gesetzt, Gehör in der Politik zu finden. Es gehe „um eine echte Lobby-Arbeit, die einerseits zur Überwindung der Corona-Krise dient, aber auch langfristig den Zusammenhalt und Austausch in unserer Branche fördern soll.“ Der Erfolg ist indes ausgeblieben.

Den Ferienzauber hat die trend factory bereits abgesagt, die Konzterte verschoben:

Kopfschütteln, Unverständnis – auch bei Jens von Stamm. Er betreibt die Markthalle in Rottweil. Dort kann man sich einerseits an Imbissständen verpflegen, andererseits haben vor Beginn der Pandemie in der Halle in der Wilhelmstraße regelmäßig gut besuchte Konzerte und Salsa-Abende stattgefunden, als Zubrot auch für die Standbetreiber. Diese litten nun ohnehin schon Not, weil die Zahl der Gäste an den Ständen stark zurückgegangen sei – allein das Blumengeschäft liefe gut weiter, so von Stamm im Gespräch mit der NRWZ. Er habe seinen Standbetreiber daher schon die Miete erlassen. Und könne das zwar weiter durchhalten, aber sicher nicht ewig, zumal es keinen Sinn ergebe, wie von Stamm sagt.

Ihn stresst die Inzidenzzahl des Landkreises Rottweil an diesem Samstag im Gespräch mit der NRWZ. Die sei nun wieder über 50, was wohl bedeutete, dass die gerade erreichten Lockerungen zurückgenommen werden müssten. Nicht ganz: So liegt die 7-Tage-Inzidenz mit Stand Freitag wieder unter 50, nämlich bei 48,6. Das Landratsamt weist online noch die Zahl von Donnerstag aus, das Landesgesundheitsamt arbeitet aktueller. Außerdem muss die Inzidenz drei volle Tage hintereinander über 50 liegen, muss das Landratsamt dies offiziell feststellen, bis erneute Lockdown-Schritte drohen. Also ist hier noch ein wenig Luft.

Aber Wutta und von Stamm und offenbar alle anderen Veranstalter im Land sind sich einig darin: Es muss jetzt eine Perspektive her. Muss es Öffnungspläne für ihre Branche geben. Wutta: „Man hat das Gefühl, die Politik ist einem Labyrinth, in dem sie sich verlaufen hat – und niemand übernimmt Führung, wieder herauszukommen.“

Noch ein Lesetipp – mehr zu den Gründen der hohen Inzidenz:

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Quelle: NRWZ.de – veröffentlicht am 12. Juni 2021 von Peter Arnegger (gg). Erschienen unter https://www.nrwz.de/rottweil/wir-haben-opfer-gebracht-veranstalter-greifen-politik-wegen-fehlender-perspektiven-an/315641