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Rottweil
Montag, 17. Februar 2020

Auf dem Weg in eine alternde Gesellschaft

Familien und junge Menschen werden zu „knappem Gut“ / Dr. Ulrich Bürger sprach über den demografischen Wandel

Zum Auftakt des geplanten Familiennetzes Schramberg hatte die Stadt am Mittwochabend den Jugendhilfeexperten Dr. Ulrich Bürger eingeladen. Er sprach über den demografischen Wandel und die daraus sich ergebenden großen Herausforderungen auch für Schramberg.

 „Schon nächstes Jahrzehnt werden wir uns die Augen reiben“, so die pessimistische These Bürgers in der Mensa des Gymnasiums Schramberg. Mehr als drei Jahrzehnte lang beschäftigt sich Bürger im Landesjugendamt mit dem demografischen Wandel. Er zeigte anhand der Ergebnisse seiner Untersuchungen, dass der demografische Wandel Schramberg vor besonders große Herausforderung stellen wird.  

Dr. Ulrich Bürger vom Landesjugendamt bei seinem Vortrag.

Als OB-Stellvertreter hatte Udo Neudeck in der Einleitung erläutert, dass beispielsweise durch den Bau eines Schulcampus‘ und eine Prämie für Familien, die sich für einen Hauskauf in Schramberg entscheiden, vor Ort Anreize  für junge Familien geschaffen würden. Auch baue die Stadt ihr Bildungs- und Freizeitangebot aus. Doch Schramberg sei schon „mittendrin in den Veränderungen durch  d i e  Herausforderung der Zeit, den demografischen Wandel“.

Die Jugend wird fehlen

Bürger zeigte die langfristig erwarteten demografischen Veränderungen und den daraus folgenden Handlungsbedarfen für junge Menschen und Familien, insbesondere im Landkreis Rottweil und der Stadt Schramberg. Er belegte, dass alles, was die Stadt gerade an strukturellen Problemen erlebe, nur wenig im Vergleich zum Folgejahrzehnt sei. „Das knappe Gut der Familien und jungen Leute wird im Landkreis Rottweil besonders knapp in sehr kurzer Zeit, und Schramberg ist davon extrem stark betroffen“, vermutet Bürger. Seine Berechnungen beruhten auf Fakten und nicht auf Wahrsagerei. Allerdings könnten die Zahlen  auf einen Ort bezogen auch schwanken.

Anhand seiner Berechnungen zeigte Bürger, wie der demografische Wandel das Land treffen wird und wo Schramberg bei der Standortbestimmung stehen wird.

Erstmals seit Beginn seiner Forschungen vor gut 30 Jahren wachse die Gesamtbevölkerung wieder, weil die Geburtenrate zunehme. Dennoch blieben die Verschiebungen der Altersklassen durch den demografischen Wandel die eigentliche Herausforderung. Baden-Württemberg sei „auf dem Weg in eine alternde Gesellschaft“. Nach seinen Berechnungen auf Grundlage der Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Landesamtes vom Dezember 2015 werde der Landkreis Rottweil bis 2025 bis zu einem Viertel der 15- bis 21-Jährigen verlieren.

In Schramberg seien die Verluste noch deutlicher. Hier rechnet Bürger mit mehr als einem Drittel weniger bei den 15 bis 18-Jährigen. Dies sei vor allem Folge der Abwanderungen von vor 20 bis 30 Jahren. Auch deshalb sei die Zuwanderung nach Baden-Württemberg weiterhin  wichtig. „Baden-Württemberg war schon immer ein Zuwanderungsland und muss aber noch viel mehr zu einem werden, wenn den Folgen des demografischen Wandels entgegengewirkt werden soll“, erklärte Bürger.

Das kritische Jahrzehnt

Diese Entwicklungen seien ein  historischer Einschnitt, da es weltweit kein Erfahrungswissen zu einer solchen demografischen Veränderung gebe. Doch auch wenn die einmal eingeschlagene Richtung der Demografie durch die langen Zyklen nicht mehr grundlegend verändert werden könne, so sei es noch nicht zu spät, jetzt die Weichenstellungen für ein zukunftsfähiges Schramberg zu stellen.  Die Gegenwart sei „das kritische Jahrzehnt“, da heute noch Aktionen ergriffen werden können.

Bürger forderte am Ende seines Vortrags größere Investitionen in Bildung und Familien. „Das Leitbild ‚keiner darf verloren gehen‘ gewinnt mit dem demografischen Wandel eine neue Bedeutung.“ Insbesondere Kindertagesangebote müssten gerade in Schramberg gefördert werden. Mit dem neu gegründeten Familiennetzwerk des JUKS³ gemeinsam mit lokalen Partnern sei die Stadt aber auf dem richtigen Weg. Auch die Zahl der Schulsozialarbeiter in der Stadt liege bereits weit über dem Durchschnitt des Landkreises, lobte er.  (mug)

 

 

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