Auf dem Weg in eine alternde Gesellschaft

Familien und junge Menschen werden zu „knappem Gut“ / Dr. Ulrich Bürger sprach über den demografischen Wandel

Gut besucht: Auftaktveranstaltung zum neuen Familiennetz in der Mensa des Gymnasiums. Fotos: mug

Zum Auf­takt des geplanten Fam­i­li­en­net­zes Schram­berg hat­te die Stadt am Mittwochabend den Jugend­hil­fe­ex­perten Dr. Ulrich Bürg­er ein­ge­laden. Er sprach über den demografis­chen Wan­del und die daraus sich ergeben­den großen Her­aus­forderun­gen auch für Schram­berg.

 „Schon näch­stes Jahrzehnt wer­den wir uns die Augen reiben“, so die pes­simistis­che These Bürg­ers in der Men­sa des Gym­na­si­ums Schram­berg. Mehr als drei Jahrzehnte lang beschäftigt sich Bürg­er im Lan­desju­gen­damt mit dem demografis­chen Wan­del. Er zeigte anhand der Ergeb­nisse sein­er Unter­suchun­gen, dass der demografis­che Wan­del Schram­berg vor beson­ders große Her­aus­forderung stellen wird.  

Dr. Ulrich Bürg­er vom Lan­desju­gen­damt bei seinem Vor­trag.

Als OB-Stel­lvertreter hat­te Udo Neudeck in der Ein­leitung erläutert, dass beispiel­sweise durch den Bau eines Schul­cam­pus‘ und eine Prämie für Fam­i­lien, die sich für einen Hauskauf in Schram­berg entschei­den, vor Ort Anreize  für junge Fam­i­lien geschaf­fen wür­den. Auch baue die Stadt ihr Bil­dungs- und Freizei­tange­bot aus. Doch Schram­berg sei schon „mit­ten­drin in den Verän­derun­gen durch  d i e  Her­aus­forderung der Zeit, den demografis­chen Wan­del“.

Die Jugend wird fehlen

Bürg­er zeigte die langfristig erwarteten demografis­chen Verän­derun­gen und den daraus fol­gen­den Hand­lungs­be­dar­fen für junge Men­schen und Fam­i­lien, ins­beson­dere im Land­kreis Rot­tweil und der Stadt Schram­berg. Er belegte, dass alles, was die Stadt ger­ade an struk­turellen Prob­le­men erlebe, nur wenig im Ver­gle­ich zum Fol­ge­jahrzehnt sei. „Das knappe Gut der Fam­i­lien und jun­gen Leute wird im Land­kreis Rot­tweil beson­ders knapp in sehr kurz­er Zeit, und Schram­berg ist davon extrem stark betrof­fen“, ver­mutet Bürg­er. Seine Berech­nun­gen beruht­en auf Fak­ten und nicht auf Wahrsagerei. Allerd­ings kön­nten die Zahlen  auf einen Ort bezo­gen auch schwanken.

Anhand sein­er Berech­nun­gen zeigte Bürg­er, wie der demografis­che Wan­del das Land tre­f­fen wird und wo Schram­berg bei der Stan­dortbes­tim­mung ste­hen wird.

Erst­mals seit Beginn sein­er Forschun­gen vor gut 30 Jahren wachse die Gesamt­bevölkerung wieder, weil die Geburten­rate zunehme. Den­noch blieben die Ver­schiebun­gen der Alter­sklassen durch den demografis­chen Wan­del die eigentliche Her­aus­forderung. Baden-Würt­tem­berg sei „auf dem Weg in eine alternde Gesellschaft“. Nach seinen Berech­nun­gen auf Grund­lage der Bevölkerungsvo­raus­berech­nung des Sta­tis­tis­chen Lan­desamtes vom Dezem­ber 2015 werde der Land­kreis Rot­tweil bis 2025 bis zu einem Vier­tel der 15- bis 21-Jähri­gen ver­lieren.

In Schram­berg seien die Ver­luste noch deut­lich­er. Hier rech­net Bürg­er mit mehr als einem Drit­tel weniger bei den 15 bis 18-Jähri­gen. Dies sei vor allem Folge der Abwan­derun­gen von vor 20 bis 30 Jahren. Auch deshalb sei die Zuwan­derung nach Baden-Würt­tem­berg weit­er­hin  wichtig. „Baden-Würt­tem­berg war schon immer ein Zuwan­derungs­land und muss aber noch viel mehr zu einem wer­den, wenn den Fol­gen des demografis­chen Wan­dels ent­ge­gengewirkt wer­den soll“, erk­lärte Bürg­er.

Das kritische Jahrzehnt

Diese Entwick­lun­gen seien ein  his­torisch­er Ein­schnitt, da es weltweit kein Erfahrungswis­sen zu ein­er solchen demografis­chen Verän­derung gebe. Doch auch wenn die ein­mal eingeschla­gene Rich­tung der Demografie durch die lan­gen Zyklen nicht mehr grundle­gend verän­dert wer­den könne, so sei es noch nicht zu spät, jet­zt die Weichen­stel­lun­gen für ein zukun­fts­fähiges Schram­berg zu stellen.  Die Gegen­wart sei „das kri­tis­che Jahrzehnt“, da heute noch Aktio­nen ergrif­f­en wer­den kön­nen.

Bürg­er forderte am Ende seines Vor­trags größere Investi­tio­nen in Bil­dung und Fam­i­lien. „Das Leit­bild ‚kein­er darf ver­loren gehen‘ gewin­nt mit dem demografis­chen Wan­del eine neue Bedeu­tung.“ Ins­beson­dere Kindertage­sange­bote müssten ger­ade in Schram­berg gefördert wer­den. Mit dem neu gegrün­de­ten Fam­i­li­en­net­zw­erk des JUKS³ gemein­sam mit lokalen Part­nern sei die Stadt aber auf dem richti­gen Weg. Auch die Zahl der Schul­sozialar­beit­er in der Stadt liege bere­its weit über dem Durch­schnitt des Land­kreis­es, lobte er.  (mug)