SCHRAMBERG  (him) –  „Hier ist die Deutsche Energieagentur“, meldet sich im Sommer ein Anrufer bei Renate Much aus Schramberg, „wir möchten Sie über die Entwicklung auf dem Strommarkt informieren.“ Schnell kommt das Gespräch auf günstigere Angebote und die Frage: „Möchten Sie sparen?“ Much lehnt dankend ab, aber in den folgenden Wochen wird sie immer wieder von dieser mysteriösen Agentur kontaktiert.

Große Stromversorger wie E. on, Vattenfall und RWE nutzten Callcenter in der Türkei, um in Deutschland auf Kundenfang zu gehen, berichtet dieser Tage auch „Spiegel online“ (SPON).  Betroffen sind auch die Stadtwerke in Schramberg. Laufend versuchten  unseriöse Werber ihnen Kunden abspenstig zu machen, so Christian Blessing von den Stadtwerken. Auch im Auftrag namhafter Anbieter. „Immer wieder rufen uns besorgte Kunden an“, erzählt Blessing, „und berichten, jemand habe sie angerufen, undeutlich seinen Namen gesagt, etwas von Energieagentur oder ähnlich wie ‚Stadtwerke‘ Klingendes erzählt und dann nach der Zählernummer gefragt.“

Mit wenigen Daten ist ein Anbieterwechsel machbar

Das ist der springende Punkt: Wer Name, Adresse, Telefonnummer  und Zählernummer hat, kann einen Kundenwechsel auf den elektronischen  Weg bringen. Ein  paar Mausklicks genügen, Unterschriften sind nicht erforderlich. Ein “Ja“ auf die Frage „Möchten Sie sparen?“ genügt. Den Kunden sei gar nicht bewusst, dass sie so einen Vertrag abschließen, so der  Leiter Vertrieb und Marketing bei den Stadtwerken Blessing.

Nach dem Telefongespräch geht alles ganz schnell: Der neue Stromlieferant meldet den Stadtwerkekunden dort ab und schickt dem Kunden einen Vertrag. Wer jetzt nicht das 14-tägige Rücktrittsrecht nutzt, ist an den neuen Versorger gebunden. „Wenn verunsicherte Kunden sich bei uns melden, unterstützen wir sie gern beim  Widerruf schreiben“,  betont Blessing.

Vorsicht bei Gewinnspielen

An die Namen ihrer Opfer kommen die Werber beispielsweise über Gewinnspiele, die über das Internet oder bei Messen laufen. Wer dort ankreuzt, er darf für Werbezwecke angerufen werden, ist potenzielles Opfer. „Ich kenne ein solches Gewinnspiel, da haben eine Handvoll Energieversorger die Preise spendiert“, so Blessing. Die Adressen  tauchen laut SPON „säuberlich aufbereitet, auf den Bildschirmen der Anrufer in der Türkei auf“.

Aktuelle Stellenanzeigen auf NRWZ.de:

Blessing kennt aber auch Fälle, in denen  Leute ohne eine solche Einverständniserklärung – im Branchenjargon  „opt in“ genannt – kontaktiert wurden, das aber ist eindeutig rechtswidrig.

Die Anrufer seien oft unfreundlich und bedrängten ihre Opfer, berichtet Blessing. Fragten die Angerufenen nach den Namen oder um welchen Anbieter es gehe, legten die Werber  häufig einfach auf. Wenn auf dem Display Telefonnummern erscheinen – häufig die Vorwahl 040  für Hamburg – dann laufe ein Rückruf oft ins Leere oder „die Leute landen in einer Endloswarteschleife“, weiß Vertriebschef Blessing.

Rotlichthelden im Hintergrund

Was ihn besonders ärgert:  Auch renommierte Stromanbieter gehen mit dieser Methode auf Kundenfang. Laut SPON laufe das bei E.on beispielsweise über die Firma  TM Telefonmarketing aus Bayern.  Nach eigenen Angaben ist das Unternehmen aus Friedberg eines der größten seiner Branche in Europa und  binde „externe Callcenter-Partner in unsere Systeme ein“. Einer dieser „externen Partner“  ist laut SPON eine türkische Callcenter-Firma, die Saban Baran, „einer der gefürchtetsten Rotlichtpaten Amsterdams“,  vor Jahren mit einem Partner in der Türkei gegründet habe.

Gegen einen dieser größeren Stromlieferanten gehen die Stadtwerke inzwischen juristisch vor. Blessing: „Einen Teilerfolg haben wir schon erzielt, das Unternehmen hat eine Unterlassungserklärung unterschrieben.“ Weil aber der Konzern sich weigert, auch die Anwaltskosten der Stadtwerke zu übernehmen und nicht sagen will, ob  er auch noch andere Kunden auf die unsaubere Art hat abwerben lassen, geht das ganze nun wahrscheinlich vor Gericht.

Blessing rät, am Telefon keinerlei Daten preis zu geben. „Wenn wir als Versorger etwas von Ihnen wissen oder Sie informieren wollen, dann erhalten Sie in der Regel einen Brief. In ganz dringenden Fällen sagen wir deutlich unseren Namen und geben wir Ihnen eine Telefonnummer, damit Sie bei uns rückrufen können.“ 

Bei Renate Much meldet sich – nach etwa einem Dutzend Anrufe  – die ‚Deutschen Energieagentur‘ nicht mehr: „Ich habe immer gesagt: ‚Ich will nicht wechseln, lassen Sie mich in Ruhe‘ und hab‘ aufgelegt.“ Nervig, aber bislang wirkungsvoll.