Das Erbe von Vinzenz Erath

Das Erbe von Vinzenz Erath

Das Stadtarchiv hat einen bedeutenden Nachlass zur Aufbewahrung erhalten: Den Nachlass des Schriftstellers Vinzenz Erath aus Waldmössingen. Erath hatte in der Nachkriegszeit in den 50er Jahren seine eigenen Erfahrungen in der Nazi-Zeit und im Zweiten Weltkrieg in mehreren Romanen und Erzählungen verarbeitet. Über den Autor, seine Bedeutung für Waldmössingen und den Nachlass schreibt Schrambergs Stadtarchivar Carsten Kohlmann:

 Im Jahr 1951 erschien mit dem Buch „Größer als des Menschen Herz. Ein Buch vom wahren Leben“ einer der erfolgreichsten Romane der deutschen Nachkriegsliteratur. Mit dem Bildungsroman – der frühen Lebensgeschichte von „Florian Rainer“ aus „Tundersdorf“ – gelang dem Schriftsteller Vinzenz Erath (1906 – 1976) ein literarisches Meisterwerk.

In seinem Erstlingswerk verarbeitete Vinzenz Erath die Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend: Hinter der Romanfigur „Florian Rainer“ verbirgt sich „Vinzenz Erath“, „Tundersdorf“ ist „Waldmössingen“, wo der Schriftsteller am 31. März 1906 als Sohn des Landwirtes Matthäus Erath (1861 – 1939) und seiner Ehefrau Maria Erath (1867 – 1942) als zehntes von insgesamt dreizehn Kindern in seinem Elternhaus „Roten Weg“ das Licht und Dunkel der Welt erblickte.

Bestseller

Das Buch erreichte im Lauf der Zeit eine Gesamtauflage von mehr als einer Viertelmillion und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Was der Verleger Hermann Leins (1899 – 1977) in Tübingen damals meinte, empfinden viele Leser bis heute so: „Hier ist einmal wieder eines jener seltenen Werke, die man, weil man sie nicht ‚auslesen‘ kann, auf das schmale Bord der Buchgefährten stellt, um sie bei sich zu haben, eben weil sie einem zu ‚Gefährten“ geworden sind.“

In zwei folgenden Romanen ließ Vinzenz Erath die Leser die Geschichte von „Florian Rainer“ weiter miterleben: „Das blinde Spiel“ (1954) und „So hoch der Himmel“ (1962). Außerdem verfasste er zwei weitere Romane: „So zünden die Väter das Feuer an“ (1956) – eine Vater-Sohn-Parabel – und „Zwischen Staub und Sternen“ (1966) über das Erlebnis der russischen Kriegsgefangenschaft. Nach den großen Erfolgen der 1950er-Jahre wurde es in den 1960er-Jahren stiller um den Schriftsteller. Sein letztes Werk „Misteln im Schnee“ blieb ungedruckt und konnte 2006 erst zu seinem 100. Geburtstag und 30. Todestag postum erscheinen.

Zuhause erst umstritten

Die Beziehung des Schriftstellers zu seinem Geburts- und Heimatort Waldmössingen war nicht konfliktfrei – zu groß waren persönliche, politische und religiöse Brüche. Gegen ihre Darstellung in den Romanen legten einige Einwohner heftigen Protest ein. Und doch hielt der Geburts- und Heimatort – seit 1971 ein Stadtteil der Großen Kreisstadt Schramberg – dem später in Stuttgart-Bad Cannstatt und zuletzt in Vaihingen an der Enz lebenden Schriftsteller die Treue.

In den 1980er- und 1990er-Jahren begann von dort aus eine Neuentdeckung, zunächst durch den Gymnasiallehrer Roland Löffler und den Förderverein zur Heimatpflege Waldmössingen mit einer Ausstellung und einer Broschüre, danach durch die Grundschullehrerin Margit Hess mit einer Zulassungsarbeit. 2006 würdigte die Große Kreisstadt Schramberg den Schriftsteller mit einer großen Biographie, herausgegeben von Harald Frommer, die Leben und Werk von Vinzenz Erath in die Literatur- und Zeitgeschichte einordnet. Zuletzt haben im Jahr 2016 das Stadtarchiv Schramberg und der Förderverein zur Heimatpflege Waldmössingen mit einer Gedenkstunde im Gasthaus „Kreuz“ an seinen 40. Todestag erinnert.

Familie als Nachlassverwalter

Bei der Neuentdeckung des Schriftstellers kam auch sein Nachlass in den Blick, den zunächst seine Ehefrau Edith Erath (1911 – 2011) und später seine Tochter Sigune Hirlinger und ihr Ehemann Franz Hirlinger in Aalen bewahrten. Zusammen mit ihrer Schwester Brigitte Behrendt entschied sich Sigune Hirlinger, dem Nachlass ihres Vaters eine neue Heimat im Stadtarchiv Schramberg zu geben, zu dem auch das Ortsarchiv Waldmössingen gehört. Der umfangreiche Nachlass besteht aus Typoskripten, Briefen, Fotos und auch persönlichen Gegenständen wie der Pfeife und dem Mikroskop des Schriftstellers.

In langjähriger Arbeit hat Franz Hirlinger, der Schwiegersohn von Vinzenz Erath, den Nachlass bearbeitet und digitalisiert. Durch ergänzende Recherchen konnte er weitere Zeugnisse hinzufügen, insbesondere Tondokumente von Lesungen. Das Stadtarchiv Schramberg und das Ortsarchiv Waldmössingen haben mit dem Nachlass einen überörtlich bedeutsamen Bestand zur deutschen Nachkriegsliteratur gewonnen.

Jubiläen

„Vinzenz Erath ist ein wichtiger Schriftsteller, der in Waldmössingen geboren wurde“, würdigt Oberbürgermeisterin Dorothee Eisenlohr das Geschenk der Familie. „Ich freue mich, dass wir mit der Übergabe des Nachlasses die Möglichkeit bekommen, auch in Zukunft in seinem Geburts- und Heimatort an ihn zu erinnern.“ Neben der Erschließung des Bestandes mit dem Ziel eines Findbuches werden das Stadtarchiv Schramberg und Ortsarchiv Waldmössingen die Jahrestage der Buchveröffentlichungen zur Erinnerung an sie nutzen. 2021 zunächst zum 70. Jahrestag des Erscheinens von „Größer als des Menschen Herz“.

Zum 50. Todestag des Schriftstellers im Jahr 2026 wären mit Unterstützung der „Arbeitsstelle für literarische Museen, Archive und Gedenkstätten in Baden-Württemberg“ des „Deutschen Literaturarchivs“ in Marbach am Neckar eine kleine Gedenkstätte und/oder ein audiovisueller „Literaturweg“ auf den Spuren von Vinzenz Erath in Waldmössingen denkbar. Die Erinnerung an sein Leben und Werk könnten für den Stadtteil in Zukunft ein weiterer Anziehungspunkt sein.

Info: Die Bücher von Vinzenz Erath bieten Antiquariate heute preiswert an. Über das „Zentrale Verzeichnis antiquarischer Bücher“ im Internet sind sie zu finden (www.zvab.com).

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Quelle: NRWZ.de – veröffentlicht am 31. Dezember 2020 von Carsten Kohlmann. Erschienen unter https://www.nrwz.de/schramberg/das-erbe-von-vinzenz-erath/295799