Joachim E. Schielke (Vorstandsvorsitzender Wüstenrot Stiftung), Bauherr und Eigentümer Dr. Hans-Jochem Steim, Matthias Stotz (Geschäftsführer Uhrenfabrik Junghans), Architekt Jürgen Bihlmaier und Ausstellungsgestalter und Museumsleiter Arkas Förstner. Foto: pm,

Die pri­va­ten Eigen­tü­mer von fünf sanier­ten his­to­ri­schen Gebäu­den wur­den heu­te mit dem Denk­mal­schutz­preis Baden-Würt­tem­berg aus­ge­zeich­net. Mit der alle zwei Jah­re ver­ge­be­nen Aner­ken­nung wür­di­gen die Aus­lo­ber – der Schwä­bi­sche Hei­mat­bund und der Lan­des­ver­ein Badi­sche Hei­mat – deren Vor­bild­cha­rak­ter, wie es in einer Pres­se­mit­tei­lung heißt. Zu den Aus­ge­zeich­ne­ten gehö­ren auch Hans-Jochem Steim und sei­ne Kin­der.

Preis­wür­dig: Das Jung­hans-Ter­ras­sen­bau-Muse­um. Foto: pm

Eines der wich­tigs­ten Anlie­gen der Lan­des­denk­mal­pfle­ge ist es, eine gute und sinn­vol­le Nut­zung für Kul­tur­denk­ma­le zu fin­den und die­se vor Leer­stand oder Zer­fall zu bewah­ren. Die Denk­mal­pfle­ge berät fach­lich und gewährt Zuschüs­se über unser Denk­mal­för­der­pro­gramm“, so Staats­se­kre­tä­rin Kat­rin Schütz. „Aller­dings wir­ken unse­re Ange­bo­te nur im Zusam­men­spiel mit dem Enga­ge­ment pri­va­ter Denk­ma­l­ei­gen­tü­mer. Ohne die Lei­den­schaft, ein Kul­tur­denk­mal nicht nur für sich, son­dern auch sicht­bar für die Öffent­lich­keit zu erhal­ten, lie­fe die staat­li­che Denk­mal­pfle­ge weit­ge­hend ins Lee­re. Die Preis­trä­ger des Denk­mal­schutz­prei­ses 2018 haben mit her­vor­ra­gen­den Nut­zungs­kon­zep­ten, mit gro­ßem per­sön­li­chen und finan­zi­el­len Ein­satz kul­tu­rel­le Schät­ze des Lan­des bewahrt und wie­der mit Leben erfüllt“, beton­te die Staats­se­kre­tä­rin.

Dr. Hans-Jochem Steim. Archiv-Foto: him

Mit dem bereits zum 35. Mal ver­ge­be­nen und mit jeweils 5.000 Euro dotier­ten Preis, der unter der Schirm­herr­schaft von Minis­ter­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann steht, wur­den die Eigen­tü­mer eines bis ins Mit­tel­al­ter zurück­ge­hen­den Hau­ses in Ulm, des über 400 Jah­re alten Rebleu­te­hau­ses des Klos­ters Salem in Sipp­lin­gen, eines Hand­wer­ker­hau­ses aus dem spä­ten 18. Jahr­hun­dert in der Stutt­gar­ter Leon­hards­vor­stadt, eines ehe­ma­li­gen Back­hau­ses mit Uhren­turm in Forch­ten­berg sowie des mar­kan­ten Ter­ras­sen­baus Jung­hans von 1916 in Schram­berg aus­ge­zeich­net. Auch die betei­lig­ten Archi­tek­ten erhiel­ten eine Aner­ken­nung.

Leucht­tür­me in der Denk­mal­land­schaft

Für Josef Kreuz­ber­ger, Vor­sit­zen­der des Schwä­bi­schen Hei­mat­bun­des, zei­gen „die denk­mal­ge­recht sanier­ten Objek­te „bei­spiel­haft die Viel­falt und den Reich­tum der Denk­mal­land­schaft in Baden-Würt­tem­berg. Doch nur die dau­er­haf­te Nut­zung stellt auch für die Zukunft die Bewah­rung des bau­li­chen Erbes sicher“, beton­te er vor rund 250 Gäs­ten in Ulm. Die Preis­trä­ger nann­te er „Vor­bil­der für unse­re Bür­ger­ge­sell­schaft, die einen Preis wie die­sen mehr als ver­dient haben“.

Ter­ras­sen­bau Muse­um Jung­hans. Foto: Hangst

Der hoch­ran­gig besetz­ten Jury unter dem Vor­sitz von Dr. Ger­hard Kabier­s­ke, Wis­sen­schaft­ler am Süd­west­deut­schen Archiv für Archi­tek­tur und Inge­nieur­bau in Karls­ru­he, waren bei der Aus­wahl der Preis­trä­ger beson­ders die Ein­bin­dung neu­er Nut­zun­gen sowie die Ver­knüp­fung von his­to­ri­scher Sub­stanz mit ange­mes­se­nem Wei­ter­bau­en in aktu­el­len For­men und Mate­ria­li­en wich­tig.

Der Vor­stands­vor­sit­zen­de der Wüs­ten­rot Stif­tung, Joa­chim E. Schiel­ke, zeig­te sich beson­ders erfreut dar­über, dass mit dem Ter­ras­sen­bau in Schram­berg ein „her­aus­ra­gen­der Indus­trie­bau des frü­hen 20. Jahr­hun­derts“ aus­ge­zeich­net wur­de, was die Inten­ti­on der Wüs­ten­rot Stif­tung unter­streicht, Wert­schät­zung für jun­ge Denk­ma­le zu schaf­fen, die nicht im Fokus der öffent­li­chen Auf­merk­sam­keit ste­hen. Dr. Vol­ker Kro­n­e­may­er, stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der des Lan­des­ver­eins Badi­sche Hei­mat, zeig­te sich tief beein­druckt, wie vie­le Bür­ger in die­sem Bun­des­land den Gedan­ken des Denk­mal­schut­zes mit ihren eige­nen finan­zi­el­len Mit­teln und ihrer jeweils per­sön­li­chen Ein­stel­lung mit­tra­gen.

Ter­ras­sen­bau der Uhren­fa­brik Jung­hans in Schram­berg

2009 kauf­ten die aus Schram­berg stam­men­den Unter­neh­mer Hans-Jochem und Han­nes Steim die bekann­te Fir­ma Jung­hans, den einst welt­größ­ten Uhren­pro­du­zen­ten. Nach einer Pha­se des Nie­der­gangs läu­te­ten sie ein neu­es Kapi­tel für das seit 1861 bestehen­de Schram­ber­ger Tra­di­ti­ons­un­ter­neh­men ein.

Blick in eine Ter­ras­se. Foto: him

Neben zahl­rei­chen Fabrik­ge­bäu­den auf dem stadt­teil­gro­ßen Fir­men­ge­län­de wur­den die Steims auch Eigen­tü­mer des soge­nann­ten Ter­ras­sen­baus. Das Gebäu­de, das sich in neun Eta­gen ein­drucks­voll den stei­len Hang hin­auf­staf­felt, zählt zu den Inku­na­beln des deut­schen Indus­trie­baus im frü­hen 20. Jahr­hun­dert. Typo­lo­gisch ist es sin­gu­lär, bedingt durch die beeng­ten Grund­stücks­ver­hält­nis­se der Fabrik im engen Schwarz­wald­tal und auf­grund des Bedarfs an gro­ßen Sälen für die fein­me­cha­ni­sche Mon­ta­ge.

Lan­ge Werk­bän­ke soll­ten direkt an Fens­tern ste­hen. Pla­ner war der bedeu­ten­de Stutt­gar­ter Indus­trie­ar­chi­tekt Phil­ipp Jakob Manz, der hier mit einer ratio­na­len Beton­ske­lett­kon­struk­ti­on die funk­tio­na­le Ästhe­tik der Zwan­zi­ger Jah­re vor­weg­nimmt, ohne dabei auf ein gewis­ses Pathos zu ver­zich­ten, das von der Sym­me­trie der Anla­ge her­rührt, aber auch vom Kon­trast der stren­gen Flach­dach­ar­chi­tek­tur der ter­ras­sier­ten Arbeits­sä­le zum Stak­ka­to der Walm­dä­cher auf den seit­lich flan­kie­ren­den Pavil­lons den Hang hin­auf.

Der Jury­vor­sit­zen­de Dr. Ger­hard Kabier­s­ke stellt den Ter­ras­sen­bau vor. Foto: him

Im Innern bie­ten die lang­ge­streck­ten, tal­wärts wei­test­ge­hend in Glas­fron­ten auf­ge­lös­ten Säle sowie die seit­li­chen Trep­pen­häu­ser, die einen Höhen­un­ter­schied von über 21 Metern zu bewäl­ti­gen haben, bei aller Funk­tio­na­li­tät auch Per­spek­ti­ven von gera­de­zu thea­tra­li­scher Raum­wir­kung. Bau­tech­nik, Mate­ria­li­tät und die Gestal­tung der Details ver­mit­teln größ­te Soli­di­tät – „Wert­ar­beit“ im sprich­wört­li­chen Sinn.

Doch stellt das Bau­werk nicht nur aus gestal­te­ri­schen, son­dern auch aus his­to­ri­schen Grün­den ein Kul­tur­denk­mal dar. Errich­tet 1916–18 mit­ten im Ers­ten Welt-krieg, ist es wie ande­re Manz-Bau­ten die­ser Jah­re ein aus­sa­ge­kräf­ti­ges Zeug­nis für die dama­li­gen Anstren­gun­gen von Poli­tik und Indus­trie, die Waf­fen­pro­duk­ti­on für die ver­hee­ren­den Mate­ri­al­schlach­ten in nie gekann­te Aus­ma­ße zu stei­gern. Und Jung­hans spiel­te damals als Lie­fe­rant von fein­me­cha­ni­schen Tei­len eine kriegs­wich­ti­ge Rol­le.

Ter­ras­sen­bau Muse­um Jung­hans. Foto: Mat­thi­as Hangst

Im Frie­den tat der Bau gute Diens­te für die Junghans’sche Uhren­fa­bri­ka­ti­on, bis ver­än­der­te Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen und die Geschäfts­ent­wick­lung zu immer stär­ke­rem Leer­stand und man­geln­der Bau­un­ter­hal­tung führ­ten. In den 1980er-Jah­ren war die denk­mal­ge­rech­te Repa­ra­tur der Dächer zwar eine den Bau sichern­de Maß­nah­me. Die feh­len­de adäqua­te Nut­zung ließ die wei­te­re Exis­tenz des Gebäu­des indes als unsi­cher erschei­nen.

Es war ein Glücks­fall, dass die neu­en Eigen­tü­mer – neben Dr. Hans-Jochem Steim auch des­sen Kin­der Cath­rin Schro­er, Annet­te Steim und Han­nes Steim – die Qua­li­tä­ten des Ter­ras­sen­baus erkann­ten und ihn zum Muse­um für ihre durch Erwer­bun­gen erwei­ter­te bedeu­ten­de Uhren­samm­lung bestimm­ten. 2016 bis 18 erfolg­te unter Lei­tung der Schram­ber­ger Archi­tek­ten Jür­gen Bihl­mai­er und Arkas Förs­t­ner eine denk­mal­pfle­ge­risch rund­um vor­bild­li­che Sanie­rung der Bau­sub­stanz, die in allen Berei­chen unter dem Vor­zei­chen behut­sa­mer Repa­ra­tur und befund­ori­en­tier­ter Wie­der­her­stel­lung stand.

Stolz auf den Denk­mal­schutz­preis (von links): Dr. Hans-Jochem Steim, Jür­gen Biehl­mai­er, Jung­hans-Geschäfts­füh­rer Mat­thi­as Stotz und Arkas Förs­t­ner. Foto: him

Beson­ders krea­tiv gelöst erschien der Jury das Pro­blem der behin­der­ten­ge­rech­ten Erschlie­ßung des Gebäu­des mit sei­nen vie­len Geschos­sen. Ein Sub­stanz scho­nen­der, außen lie­gen­der Schräg­auf­zug vor der Süd­sei­te ver­mit­telt nun zwi­schen den neun Muse­ums­ebe­nen. Dort wur­de ohne gro­ße Ein­grif­fe mit dem Anbau eines Glas­foy­ers auch der neue Besu­cher­zu­gang geschaf­fen.

Dr. Hans-Jochem Steim: „Anerkennung für alle Beteiligten”

Der Preis ist eine Ehre und Aner­ken­nung für alle, die an die­sem Pro­jekt mit­ge­wirkt haben“, beton­te Dr. Hans-Jochem Steim nach der Über­ga­be. Mit der Aus­zeich­nung wer­de die gro­ße Leis­tung der Pla­ner, Hand­wer­ker und Desi­gner gewür­digt, das ver­las­se­ne Gebäu­de vor dem wei­te­ren Ver­fall zu ret­ten und den Jung­hans Ter­ras­sen­bau zum Wahr­zei­chen der Stadt zu machen. „Jetzt sind wir alle stolz dar­auf, dass die­ses ein­ma­li­ge Indus­trie­ge­bäu­de in neu­er Blü­te erstrahlt“, sag­te Dr. Steim.

Archi­tekt Jür­gen Bihl­mai­er mit der Urkun­de. Foto: him

Aus­führ­li­che Infor­ma­tio­nen zu den aus­ge­zeich­ne­ten Objek­ten und zu allen bis­he­ri­gen Preis­trä­gern gibt es im Inter­net unter www.denkmalschutzpreis.de.