Samstag, 9. Dezember 2023
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„Der Bund lässt uns im Stich“ 

Online-Petition gegen geplanten Förderstopp für Familienerholung im Bundeshaushalt / Vorstand Andreas Hase spricht über die Folgen

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Das Familienerholungswerk der Diözese Rottenburg-Stuttgart mit Vorstand Andreas Hase betreibt Feriendörfer in Eglofs, Langenargen und in Schramberg. Im Interview äußert sich Hase zu dem durch die Bundesregierung ab 2024 geplanten Förderstopp und zur aktuellen Unterschriftensammlung der Bundesarbeitsgemeinschaft Familienerholung, mit der dieser verhindert werden soll. Das Interview wurde uns von der Pressestelle der Diözese zur Verfügung gestellt.

Herr Hase, können Sie uns die Arbeit des Familienerholungswerks beschreiben und wie diese einen Beitrag zur Chancengleichheit von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien leistet?

Die Feriendörfer des Familienerholungswerks liegen alle in den schönsten Regionen Deutschlands. Jedes Feriendorf verfügt über ein eigenes pädagogisches Programm, wir haben eine Waldakademie im Schwarzwald, bald eine Wasserakademie am See und arbeiten an der Wiesenakademie im Allgäu. Die Verbindung zur Natur, der Erhalt der Schöpfung ist uns wichtig  ̶  gleichzeitig bieten wir  Familien mit dieser Naturnähe eine kostengünstige Möglichkeit der Erholung. Dabei sind uns alle Familien herzlich willkommen, im Fokus stehen jedoch Familien in besonderen Lebenslagen, Familien mit kleinem Einkommen und alle, die sich sonst nur schwer einen Urlaub leisten können. Gelebte Inklusion beispielsweise ist bei uns schon lange Realität und erschöpfte Familien können in Gemeinschaft miteinander neue Kraft für die Herausforderungen des Alltags tanken.

Wie genau würden die nun geplanten Kürzungen im Bundeshaushalt 2024 die Feriendörfer der Diözese Rottenburg-Stuttgart treffen?

Die geplanten Kürzungen haben insofern einen Einfluss, als dass wir als gemeinnütziger Verein unsere begrenzten Mittel natürlich in erster Linie für unsere inhaltliche Entwicklung ausgeben wollen: Familienerholung, Kinder- und Jugendhilfe beispielsweise, aber auch Freizeiten für demenziell erkrankte Menschen und pflegende Angehörige. Nun werden geplante Zuschüsse für bauliche Investitionen gestrichen, mit denen wir ab 2024 fest gerechnet hatten. Hier kam uns das Land Baden-Württemberg im Interesse der Familien entgegen  ̶  nun stoppt der Bund alles. Leidtragende sind die vielen Familien und ihre Kinder, auf deren Rücken diese Sparmaßnahmen ausgetragen werden.

Wie wirkt sich die geplante Einstellung der Förderung schon jetzt auf laufende und geplante Investitionen aus?

Die geplante Einstellung der Förderung hat bewirkt, dass wir die Umsetzung baulicher Projekte vorziehen wollten, um sie noch in diesem Jahr durchführen zu können. Leider wurde auch dies von den zuständigen Aufsichtsbehörden des Bundes abgelehnt.

Für Andreas Hase kam der Kabinettsbeschluss sehr überraschend. Eine Begründung, die über ‚Wir müssen einsparen‘ hinausgeht, kenne er nicht. Bild: Dirk Witthuhn

Inwiefern hat das Land die Familienferienstätten bislang unterstützt und wie würde sich die geplante Zuschusseinstellung des Bundes darauf auswirken?

Das Land Baden-Württemberg hat zwischen 2005 und 2022 die Familienerholung nicht gefördert. Dies wurde nach unseren Anträgen für das Jahr 2023/24 geändert. Dass nun der Bund die Kehrtwende macht, ist besonders bedauerlich, da Bund und Land nur in gegenseitiger Abhängigkeit voneinander fördern. Der Bund macht durch diesen unverantwortlichen Schritt die vom Land vorgesehene Förderung unmöglich. Der Bund lässt uns und das Land, vor allem aber die Familien im Stich und stiehlt sich mit dieser und anderen Entscheidungen aus seiner Verantwortung für eine gesunde, resiliente Gesellschaft.

Wie wird der geplante Förderstopp für gemeinnützige Familienferienstätten begründet und wie ist Ihre persönliche Position hierzu?

Eine Begründung, die über ‚Wir müssen einsparen‘ hinausgeht, haben wir bis heute nicht erfahren. Der Kabinettsbeschluss kam für uns alle sehr überraschend. Meine persönliche Meinung: Deutlicher kann man kaum ausdrücken, wie gering die Wertschätzung der politischen Entscheidungsträger beim Bund für Familien ist. Wir hätten uns einen anderen Umgang miteinander gewünscht.

Welche Auswirkungen hätten die Kürzungen auf Ihr Angebot?

Zunächst wird es für die Gäste des Familienerholungswerkes keine spürbaren Auswirkungen haben   ̶  hinter den Kulissen werden jedoch auch wir unsere Planungen den zukünftigen Erfordernissen anpassen müssen. Neben der Preiswürdigkeit macht gerade unsere inhaltliche Arbeit, also die pädagogische Begleitung, die wir unseren Gästen bieten, den großen Unterschied zu anderen, kommerziellen Urlaubsanbietern. Wir werden alle Kraft aufwenden, dies auch weiter auszubauen   ̶  doch das wird in diesem politischen Umfeld noch schwieriger werden.

Welche Auswirkung hätte ein Förderstopp auf die Bundesarbeitsgemeinschaft?

Sie vertritt gegenüber der Politik die Interessen der 87 Familienferienstätten, die es in Deutschland gibt und wird zum Großteil über eben jene Förderung des Bundes finanziert, die nun gestrichen werden soll. Ab Mitte kommenden Jahres würde die Arbeitsgemeinschaft damit arbeitsunfähig. Unsere bundesweite politische Lobbyarbeit im Interesse der Familien würde dadurch nicht nur behindert, sondern nachhaltig und wissentlich zerstört.

Inwiefern hätte das auch Konsequenzen für das Familienerholungswerk der Diözese?

Sollte die Bundesarbeitsgemeinschaft nicht mehr existieren, hat das zunächst bundespolitische Bedeutung für die Zusammenarbeit mit den entsprechenden Ministerien und Referaten. Beispielsweise wurde so das sehr erfolgreiche Bundesprogramm ‚Corona Auszeit für Familien‘ entwickelt, das im Jahr 2022 tausenden Familien in belastenden Lebenslagen einen Urlaub ermöglichte. Diese Zusammenarbeit würde es nicht mehr geben. Das Sprachorgan auf Landesebene ist die Landesarbeitsgemeinschaft Familienerholung, ein Zusammenschluss von neun in Baden-Württemberg bestehenden Familienferienstätten. In ihr arbeiten wir ehrenamtlich. Wir werden also weiter mit dem Land Baden-Württemberg in Kontakt bleiben und die verbliebenen Möglichkeiten ausloten.

Welche weiteren Schritte plant die Bundesarbeitsgemeinschaft im Rahmen der Petition, die noch bis zum 15. November läuft, um die geplanten Kürzungen im Bundeshaushalt zu verhindern?

Ziel ist es, insgesamt 5000 Unterschriften zur Unterstützung zu gewinnen. Die Petition wird dem Petitionsausschuss des Deutschen Bundestags übergeben sowie dem Finanzministerium, in Person von Herrn Christian Lindner. Hier benötigen wir noch viel Zuspruch, jede Stimme zählt, denn erst gegen Ende November wird der Bundeshaushalt 2024 beschlossen.

Wissen Sie, wie die Resonanz darauf bislang ausfiel und wie schätzen Sie die Erfolgsaussichten ein? 

Es gab Brandbriefe an die zuständigen Stellen, gefolgt von einigen Radio- und Fernsehberichten sowie Pressemeldungen. Die Vorsitzende des Aufsichtsrates des Familienerholungswerks, Ordinariatsrätin Karin Schieszl-Rathgeb, bat darüber hinaus im Namen der Diözese Rottenburg-Stuttgart alle Mitglieder des Bundestages aus hiesigen Wahlkreisen außer der AFD um Unterstützung. Von verschiedenen Fraktionen haben wir vorsichtig zustimmende Resonanz erhalten, auch vom Vorsitzenden des Haushaltsausschusses Dr. Helge Braun. Vieles wird nun davon abhängen, ob unser Einspruch, unsere Anträge und vor allem unsere Petitionen auf breite Zustimmung stoßen. Der Ausgang ist ungewiss   ̶  und die Zeit zu handeln ist jetzt. Es geht jeden einzelnen an und kostet nur eine Unterschrift.

Info: Hier ist die Petition “rhalt von Bundesmitteln zur Bauförderung von Familienferienstätten” zu finden.

Pressemitteilung (pm)
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