„Der Umgang mit ‚lebensunwertem Leben‘ während der NS-Diktatur und in Heiligenbronn“

„Der Umgang mit ‚lebensunwertem Leben‘ während der NS-Diktatur und in Heiligenbronn“

Schramberg veranstaltet seit etlichen Jahren schon  zusammen mit der Regionalgruppe Baden-Württemberg von „Gegen Vergessen für Demokratie“ am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus einen historischen Vortrag. Bislang fand der Vortrag nach der Kranzniederlegung am Denkmal für de Opfer des Faschismus meist in der Mediathek statt. Coronabedingt wird das in diesem Jahr anders laufen, berichtet Stadtarchivar Carsten Kohlmann.

Der Vortrag, so Kohlmann, werde am Mittwoch, 27. Januar, um 19 Uhr in Kooperation mit der Stiftung St. Franziskus Heiligenbronn als Livestream im Internet stattfinden. Nach einer Begrüßung durch Oberbürgermeisterin Dorothee Eisenlohr referieren Stiftungsvorstand Dr. Thorsten Hinz und Archivar Ewald Graf über den „Umgang mit ‚lebensunwertem Leben‘ während der Nazi-Diktatur und in Heiligenbronn“.

Lebensunwertes Leben

Wer keinen Beitrag für die Volkswirtschaft brachte, hatte aus Sicht der Nationalsozialisten keine Lebensberechtigung. Dies betraf in starkem Maße die Menschen mit Behinderung, die keiner geregelten Arbeit nachgehen konnten, und die dem Steuerzahler damit „auf der Tasche liegen“ würden, so die NS-Propaganda. Erste Folge war das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ von 1933. Betroffen davon waren auch Menschen mit Behinderung, die mit Zwangssterilisierungen daran gehindert werden sollten, dass sie ihr Erbgut fortpflanzen können.

Auch in den damaligen Klostereinrichtungen in Heiligenbronn kam es zu gerichtlich verordneten Sterilisierungen von Entlassschülern und Heimbewohnern. Der Historiker und Lehrer Hans-Joachim Losch aus Schramberg hat darüber im Auftrag der Stiftung St. Franziskus bereits 2002 unter dem Titel „… zwecks Unfruchtbarmachung“ ein Buch geschrieben. Bei der Aufarbeitung der Akten im historischen Archiv der Stiftung seit 2019 hat sich nun ein größeres Ausmaß an Opfern unter den betreuten Menschen in Heiligenbronn gezeigt, als dies Hans-Joachim Losch damals feststellen konnte.

Neue Archivfunde belegen NS-Morde auch an Heiligenbronner Bewohnern

Archivar Ewald Graf wird diese Rechercheergebnisse zu den Heiligenbronner Opfern des NS-Regimes zusammenfassen und kommt dabei auch auf ehemalige Bewohner zu sprechen, die nach Verlegung in eine andere Einrichtung auch Opfer der NS-Euthanasiemorde wurden, wie sie etwa 1940 in Grafeneck auf der Schwäbischen Alb in eigens errichteten Tötungsanstalten erfolgten.

Vorstand Dr. Hinz spricht über die allgemeine Haltung der Nationalsozialisten zu dem sogenannten „lebensunwerten Leben“ und deren juristische und politische Folgen bundesweit. Die Sicht auf Behinderung und Erkrankung schlug sich schon in der Sprache nieder, erst recht aber im Handeln bis hin zum sogenannten „Gnadentod“, dem systematischen Erfassen, Verlegen und Ermorden vorwiegend geistig behinderter Menschen, das auch die Einrichtungen oder Angehörigen meist nicht verhindern konnten.

Gedenkveranstaltung  entfällt

Die sonst übliche öffentliche Gedenkfeier und Kranzniederlegung am Mahnmal „Des Bruders Tod“ und am Gedenkstein für die Opfer des Nationalsozialismus am Mühlegraben in der Talstadt findet aufgrund der Corona-Pandemie nicht statt. Oberbürgermeisterin Dorothee Eisenlohr wird in aller Stille einen Kranz niederlegen.

 

Für den Online-Vortrag ist eine Anmeldung bei der Stadtverwaltung über die E-Mail-Adresse [email protected] oder unter der Telefonnummer 07422/29-215 erforderlich. Die Teilnehmer erhalten nach ihrer Anmeldung von der Stadtverwaltung per E-Mail einen Link zugesandt.

Seite 1 / 1
Quelle: NRWZ.de – veröffentlicht am 21. Januar 2021 von Carsten Kohlmann. Erschienen unter https://www.nrwz.de/schramberg/der-umgang-mit-lebensunwertem-leben-waehrend-der-ns-diktatur-und-in-heiligenbronn/297282